Liebe Marion,

Ideen spuken stets viele in deinem Kopf herum. Dann hörst du wieder einen Satz und siehst ihn als Anfang einer Geschichte. Leider fehlte dir meist die Konsequenz, dich auch hinzusetzen und loszuschreiben. Bis auf jenen ersten Tag im März 2016; da hast du Nägel mit Köpfen gemacht – um mal eine abgedroschen Phrase zu verwenden. An diesem Tag waren wieder Bilder und Sätze um dich herum.

Etwa die magersüchtige junge Frau, die – gemeinsam mit ihrer Mutter – vor dir beim Müller an der Kassa stand. Sie holte noch zwei mit Stevia gesüßte Eistees vom Getränkeregal und stellte sie der Mutter hin, diese doch bitte auch noch zu bezahlen. Die Frau war schon in ihren Zwanzigern, vielleicht sogar schon Anfang dreißig.

Was führt sie für ein Leben? Wie und warum ist sie an den Punkt gekommen, das Essen zu verweigern? Ihre Beine steckten in Jeans, die um Waden und Oberschenkel schlackerten. Sie waren maximal so dick wie jene meines fünfjährigen Sohnes. Dick eingemummt stand sie an der Kassa. Die Hände in Handschuhen versteckt, um die blau gefärbten Finger nicht zeigen zu müssen. Die Haube tief ins Gesicht gezogen, damit jeder direkte Blickkontakt mit ihr unmöglich wurde.

Auch die Sätze meines Sohnes führten mich an jenem 1. März auf eine Gedankenreise: „Mama, haben wir ein Messer mit?“ oder „Ich will, dass du musst.“ Momentan ist der Kleine ein Geisterjäger. Denn auf jeder Toilette – sei es im Kindergarten oder zu Hause – versteckt sich einer von ihnen. Aber er ist gewappnet: mit Darth Vaders Lichtschwert und der Kraft, die Gedanken der Menschen zu sehen, behauptet er.

Das alles ist noch und ohne roten Faden. Die Kunst war es, eine Verbindung zu knüpfen. Vielleicht hatte die junge Frau ihren Buben verloren, als er noch ein kleines Kind war? Oder sie war der Idee der klassischen Frauenrolle so abgeneigt, dass sie nicht werden wollte wie ihre Mutter. Die in ihren Augen zu viele Kilos auf die Waage brachte und für Mann und Kinder alles aufgegeben hatte. Ihre Pläne, einmal um die Welt zu reisen, hatte sie genauso begraben wie den Traum von der Selbständigkeit als Buchhändlerin.

In all ihrer Ablehnung der in ihrer Familienlinie vorgesehenen Frauenrolle versagte sich die junge Frau das Essen, denn die Weiblichkeit an sich abzulegen, ist der erste und essenzielle Schritt, um nicht in diese gefährliche und klassische Lebensführung eintauchen zu müssen. So fing alles an.

Wie du siehst; du sprühst stets vor Ideen, die du miteinander kombinieren kannst. Letztendlich wurde daraus eine wunderbare und berührende Geschichte. Eine traurige oder nicht? Lass dich überraschen. Ich werde sich dich bald lesen lassen.

Alles Liebe,
deine schreibende M.

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