Hallo, zukünftiges Ich

man hat von mir verlangt, dir zu schreiben – kannst du dir das vorstellen? Was hätte ich dir schon zu erzählen? Ich kenne dich gar nicht. Du mich vielleicht, aber ich dich nicht.
Die Zukunft kann nämlich immer so ungewiss sein. Sie ist wie das Wetter heutzutage – launisch und stets nach einer Musik tanzend, die niemand außer ihm hört. Das würde zumindest erklären, warum im März für den morgigen Tag Schneefall auf dem Programm steht, während der Februar schwankend zwischen Sommer und Winter vergangen ist.
Februar. Ich frage mich, ob ich diesen Monat weiterhin so hassen werde, wenn ich diesen Brief lese. Dabei fällt mir ein, dass ich dich das ja direkt fragen kann. Also – hasst du ihn noch, diesen sinnlosen Monat, den man nirgends zuordnen kann?
Der Februar, der eben vergangen ist, den fand ich ganz besonders schlimm. Er hatte 29 Tage und die Zahl hasse ich bekanntlich mindestens genauso sehr. Du auch noch?
Auf jeden Fall schreibe ich dir nicht, um über die Unbeständigkeit aller Dinge zu plaudern, sondern eigentlich, um dir zu erzählen, wie es zu der Idee von „Murphys Tagebuch“ gekommen ist. Ich mein, ich vertraue auf mir und dich, das wir dieses Erlebnis niemals vergessen werden, aber ich finde diese Idee dennoch ganz nett. Irgendwie. Abgesehen davon ist es ein wunderbares Gedächtnistraining. Oder?

Also, Mewa, erinnerst du dich?

Erinnerst du dich, wie du vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal den Ethikunterricht besucht hast? Damals warst du noch ein unsicheres Ding, das nicht wusste, was die anderen von ihm halten und stets erwartete, von jedem Missfallen zu bekommen. Der Lehrer, den kanntest du schon aus der Unterstufe. Er mochte dich immer schon, er mochte deine kritische Denkweise und deine eigensinnigen Denkweisen, obwohl diese nicht selten eine hitzige Debatte gefördert haben. Aber vielleicht gerade deswegen wollte er von Anfang an, dass du sprichst. Das du dich am Unterricht beteiligst. Das du mitredest, mitdiskutiert, mitmachst weil er wusste, wie gerne du deine Meinung kundgetan hast, wie gut du es doch tun konntest, wenn du wolltest. Wir haben über das Thema Altwerden geredet und er hat gefragt: „Wollt ihr alt werden?“ Eine seltsame Frage, oder?
Du fandest sie seltsam. Ich fand sie seltsam. Sie war so absurd, wie die gesamte Situation, wie dein gesamtes Leben und es war so einfach, die Antwort darauf zu formulieren, denn die kanntest du bereits, bevor du über sie nachdenken musstest.
„Nein“, sagtest du und alle drehten sich zu dem Mädchen um, das sonst nie mit jemanden sprach.
Dein Herz klopfte, wild, wilder, am wildesten, erinnerst du dich? Rasendes Blut brachte deinen ganzen Körper zum Brennen und hätte deine Haut nicht diesen dunklen Ton, dann wärst du gewiss rot geworden. So rot, roter, viel zu Rot.
Und daran, genau daran, wie erleichtert du doch bist, dass man dir deine Nervosität nicht ansehen konnte, hast du gedacht. Gerade sitzen, Hände still halten, direkten Augenkontakt herstellen, du wusstest, wie man Leuten eine Illusion schenkt, das weißt du noch heute. Ich frage mich, ob das auch morgen so bleibt? Ich frage dich, ob es heute noch so ist?
Deine Stimme hat gezittert. Der einzige Bruch in dem Bild der arroganten Person, die du vorgeben wolltest zu sein. Du sagtest:
„Nein. Ich will nicht alt werden.“ Zittern, Zittern, Zittern.
Wieso?
„Weil ich nicht die Kontrolle über meinen Verstand und meinen Körper verlieren will; nicht auf die Hilfe anderer angewiesen werden will; niemandem zur Last fallen will. Allen voran nicht meiner eigenen Familie.“ Ich will sterben und dabei die Illusion aufrechterhalten, die jeder von mir hat, dachtest du im Stillen. Im Stillen, im Stillen, im Stillen.
„Wenn deine Familie jemals glaubt, du wärst eine Last, dann hast du echt was falsch gemacht.“ Höhnische Stimmen aus der vorderen Reihe, gefolgt von spöttischem Gelächter. Mewa. Erinnerst du dich? Wie klein du wurdest. Dein Herz zersprang, aber ehe die Scherben auf dem Boden landeten, fingst du sie auf und versuchtest sie wieder zusammen zu setzen und du fragtest dich, wie oft etwas Zerbrochenes den kaputt gehen konnte, bis nichts mehr davon übrig blieb.

Das Leben, wie stets, ging weiter. Es geht immer weiter, aber erinnerst du dich noch, was du an jenem Tag zurückgelassen hast? Dort, in dem engen Klassenzimmer mit dem Ausblick auf dem abgeholzten Wald?
Was immer es war, geblieben ist nur mehr ein Schatten von ihr, eine Hülle ohne Seele, ein Papier ohne Farben und Worte. An diesem Abend hast du nach langer Zeit wieder geschrieben. Und während du geschrieben hast entstand das Mädchen, das das Meer mit bloßen Füßen überqueren konnte – aber sich nicht traute, niemals traute. Sie heißt Murphy. Es hat gedauert, bis sie ihren Namen bekommen hat. Weißt du noch, Mewa? Murphy, wie nach dem Gesetz von Murphy: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.

Heute bin ich nicht mehr jenes Abbild, das ich sein wollte. Heute bin ich, was ich immer schon war.
Und Morgen?
Morgen ist ungewiss

Dein vergangenes Ich.

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