Liebe Misia,

du hattest diese Idee, die so durchsichtig war und so hybridhaft wie dieses Bild in deinem Tierlexikon, das du als Kind so oft aufschlugst, obwohl die Hochglanzseiten so scharfe Kanten hatten, dass du dir manchmal die Fingernagelmündung verletzt hast. Und dann gab es einen Blutfleck auf der Seite mit dem Axolotl. Das so grinste und in der Luft schwamm. Du lasest, dass es das Tier nur sehr kurz genau so gibt. Sozusagen eine Schmetterlingslarve ohne Schmetterling. Wie den Fischlaich den die Nachbarjungs immer aus dem Teich gefischt und den Hunden in den Futtertrog legten. Sie verschmähten ihn. Wie hätte man auch etwas fressen können, was noch nicht mal das war, was es mal sein sollte?

Du aber ernährtest dich von Erinnerungen. An Zustände, die schon länge so anders sind, dass sie dir fremd sind. Dabei sind sie da. Do denk ich ahn Lück, die ich ähns kannt. Lück, die dir ähns wichtig wore. Und Musik. Und natürlich an Menschen, ja, die Menschen, die waren dann doch so wie früher. ‚Ein 65 jähriger Mann ändert sich nie‘ hat deine Mutter immer gesagt. Sie meinte deinen Vater. Aber das hatte sie schon gesagt als er 40 wurde. Dann ist er verschwunden. Was genaugenommen keinen Unterschied machte, den er war auch mit 40 kaulquappig.

Du hast dir Zutaten gekauft, um Knete selber herzustellen, denn die Knete war zu teuer. Zitronensäure braucht man dazu – das ist erstaunlich, nicht wahr? Für sich genommen, brennt es dir die Haut weg. Und Mehl. Das ist eigentlich ganz einfach. Und Wasser. Was ist wasser doch ein faszinierendes – Element. Überhaupt: Man rührt Dinge zusammen und es ergibt etwas ganz eigenes. Emulgieren wurde zu deinem Lieblingswort eine ganze Weile. Du hattest immer Lieblingswörter seit deine erste große Liebe dir eines geschenkt hat. (Bizarr war das Wort. Wie es lautete? Nun. Eben.)

Erfinderisch warst du schon immer, da brauchte es niemand. ‚Not macht erfinderisch‘ hat den entscheidenden Nachteil, dass man erst mal in Not sein, in Not kommen muss – und dann, dann diese Zustände braucht.

Du hast immer auf die geschaut, die etwas erlebt hatten im Leben. Dann gab es diese Zeit, kurz nach deinem Umzug, als sich abzeichnete, dass es neue Wege geben würde, wo dann diese dunklen Punkte in den Kaulquappen, die nach wie vor in deinen Träumen auftauchten, dir auch in deinem Leben begegneten. Wo du vorher immer vergeblich versucht hattest, bis auf wenige Ausnahmen, diese Leben von früher zu erwecken. Wo du vergeblich versucht hattest, diese Lück die dir ähns wichtig wohre dazu zu bringen, dir zu antworten. Du hast sie gesucht und gesucht und gesucht – die Antworten. Den Halt. Wie früher als Kind, in der Hand den Klumpen an Fischlaich. Man musste nur lange genug hineinstarren, um festzustellen: da, genau an der Stelle wird gleich der dunkle Punkt wachsen. Heute weißt du, es wächst auch wenn du nicht hinschaust. Sie kamen dann zu dir.

Wenn du das hier liest, Misia, wirst du die Geschichte derer kennen, die daraus erwachsen waren.

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