Langsam kam ihr der Verdacht, dass es womöglich eine falsche Entscheidung gewesen ist. Ein Praktikum in einem Verwaltungsgebäude erschien ihr nicht besonders anspruchsvoll und leicht durchzuhalten. Irrtum. Es war erst ihr fünfter Tag hier und sie hasste es. Sie hasste alles und jeden. Besondern ihren Vorgesetzten. Wenn sie in Ruhe gelassen werden wollte, tauchte er jedes Mal wie ein Magier neben ihr auf und stellte überflüssige Fragen und gab ihr unnütze Ratschläge. Oder er wollte sie an seiner unendlichen Weisheit teilhaben lassen und zitierte irgendwelche Philosophen oder gefallene Popstars. Und zwar immer falsch.
Wenn sie jedoch wirklich mal eine Frage hatte, konnte er ihr so geschickt aus dem Weg gehen, dass es fast schon wieder beeindruckend war. Aber nur fast. Vielleicht war er wirklich ein Hobby-Magier, dachte Amira.

Eigentlich hatte sie ihr Praktikum ganz wo anders machen wollen, doch dann stand ihre Lehrerin plötzlich vor ihr und wollte den Praktikumsvertrag haben. Und die einzige Stelle, die ihr zugesagt hatte, war eben diese, die sie jetzt hatte. Unbezahlte Praktikanten-Sekretärin-Putzfrau. Oder einfach: Mädchen für alles.

Amira schnaubte genervt, als sie in die Fahrstuhlkabine trat. Sie drückte den Etagenknopf, welcher sofort in einem grellen Gelbton aufleuchtete. Neben ihr huschte noch ein Schatten hinein, den sie aber nicht beachtete. Die Fahrstultür schloss sich und die Kabine setzte sich geschmeidig in Bewegung.

Amira gab ein weiteres genervtes Schnauben von sich. Wie sollte sie diese Tortur bitte noch weitere fünf Tage überleben? Sie hatte jetzt schon das Bedürfnis, sich aus dem Fenster eines der gutbeleuchteten Büros zu schmeißen. Natürlich hätte sie dieses Vorhaben niemals in die Tat umgesetzt. Es war nur ein beruhigender Gedanke, dass sie alles beendet konnte, wann sie es wollte. Wer weiß vielleicht hatte eine höhere Macht ja Mitleid mit ihr und Amira hätte einen mittelschlimmen „Arbeitsunfall“ und könnte die restlichen Tage einfach zu Hause bleiben. Oder im Krankenhaus. Das war zwar auch nicht besonders verlockend, aber alles war besser als hier.

Noch bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, gaben die Wände ein bedrohliches Knirschen von sich und die gesamte Kabine zuckte zusammen. Amira war nach hinten gekippt und hielt sich an der Haltestange vor dem Spiegel fest. Als sie sich wieder hinstellen wollte, gab es einen erneuten Ruck und die gesamte Kabine sackte mehrere Meter nach unten. Amira presste die Lippen aufeinander und verhinderte so ein lautes Aufschreien. Ihr Magen machte einen Satz, als der Fahrstuhl mit einem ohrenbetäubendem Quietschen ruckartig zu Stillstand kam. Amira war unsanft auf ihrem Hintern gelandet und hielt sich mit einer Hand immernoch an der Querstange fest. Fast wie in Zeitlupe stand sie auf und blieb regungslos stehen. Die Notbeleuchtung des Fahrstuhls flackerte an und tauchte die Kabine in ein gespenstisches Licht.
Amira war nicht in der Lage, die Situation richtig zu begreifen. In Büchern fand sie es immer lächerlich, wenn der Charakter in so einem Fall handlungsunfähig war. Doch jetzt selbst in so einer Lage zu stecken, verursachte ein lähmendes Schwindelgefühl in ihrem Körper. Sie musste ruhig bleiben, redete sie sich ein. Nur keine Panik.
Nach gefühlten zehn Minuten rührte sie sich immernoch nicht. Scheiße, dachte sie. Verdammt.
Plötzlich nahm sie neben sich eine Bewegung war und zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie nicht alleine in der Kabine war. Wie war das bitte möglich? Das hätte sie doch merken müssen. Als Amira ihrem Gegenüber einen Blick zuwarf, klappte ihr der Mund auf. Besagte Person entpuppte sich als ein sehr junger Mann mit kieselgrauen Haaren und einem langen schwarzen Trenchcoat. Als Amira unter seiner Haarpracht seine Augen fand, klappte ihr Mund noch weiter auf (falls das überhaupt möglich war.) Seine Iris hatte den hellsten Braunton, den sie je gesehen hat. Die Haut des Jungen war so blass, dass sie fast transparent wirkte. Unter diesem schwarzen Trechcoat sah er aus wie ein Geist. Und er lächelte. Er lächelte so offen und freundlich, als würde er sich freuen Amira zu sehen und die defekte Fahrstuhlkabine sei der schönste Ort, jemanden kennen zu lernen. Amira machte unbewusst einen Schritt nach hinten und griff wieder an die Haltestange. Kam es ihr nur so vor oder war das Metall plötzlich eiskalt? Sie zog ihre Hand wieder zurück und fuhr erschrocken zusammen, als ihr Gegenüber anfing zu sprechen. „Wusstest du, dass Spiegel in Fahrstühlen nicht nur der optischen Vergrößerung dienen, sondern die Kabine auch heller wirken lassen? Außerdem fühlen sich die Menschen wohler, wenn sie die anderen Personen genau im Blick haben. Sie finden es beunruhigend, wenn sie jemand Fremdes hinter sich haben und nicht sehen, war er macht.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Menschen sind wohl von Natur aus misstrauisch.“
Amira starrte ihn sprachlos an. Sie brachte kein Wort heraus. Das Schwindelgefühl wurde stärker.
„Du solltest deinen Mund zu machen.“, sagte er, immernoch lächelnd. „Sonst trocknet deine Zunge aus.“
Amira schloss automatisch ihren Mund und schluckte. Irgendwie war ihr gerade danach, sich zu übergeben.
„Hast du einen Vorschlag, uns aus dieser misslichen Lage zu holen?“ Er klang wirklich interessiert. Amira brachte immernoch kein Wort heraus und folgte ihm gebannt, als er auf die Fahrstuhltür zutrat. Langsam hob er seine linke Hand und strich bedächtig über das glatte Metall der Tür. „Weißt du“, sagte er sanft, „ich hasse Fahrstühle.“ Er lachte leise und drehte sich zu ihr um. „Warum ich mich dann in einem befinde, fragst du dich?“ Seine Miene verfinsterte sich ruckartig. „Weil man mir sagte, ich sähe doch sehr kränklich aus und solle lieber nicht die Treppe nehmen. Man versperrte mir förmlich den Weg und drängte mich zum Fahrstuhl.“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. Amira war so viele Schritte zurückgewichen, dass sie nun die kalte Kabinenwand im Rücken hatte. Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrer Mundhöhle aus und sie musste einen Würgreiz unterdrücken. Der Junge blickte sie erneut an und sein Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt: kalt und ausdruckslos. „Du willst hier raus, oder?“ Seine Stimme war mindestens genauso kalt wie sein Blick. „Mir wird es hier auch langsam zu eng.“
Mit bedächtigen Schritten trat er zur Schaltfläche, öffnete eine Art kleine Luke darunter und drückte auf einen rechteckigen Knopf mit dem Schriftzug „NOTRUF“ darauf. Kaum hatte er ihn betätigt, ließ er sich auf den Boden sinken und lehnte den Kopf an die Kabinenwand.
Amira blickte auf ihn herab. Etwas an ihm hatte sich verändert. Er wirkte plötzlich so … so verletzlich.
„Hast du Angst vor mir?“ fragte er unvermittelt und richtete seinen Blick auf Amira. In seinem Ausdruck lag Schmerz. In Amira zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Langsam schüttelte sie den Kopf. Es war eine unausgesprochene Lüge. Sie hatte Angst vor ihm. Aber sie hatte noch mehr Angst vor seiner Reaktion, wenn sie seine Frage mit einem Ja beantwortet hätte. Dieser Junge wirkte emotional sehr instabil.
Er senkte den Kopf wieder und schwieg. Er saß da, die Beine von sich gestreckt, die Hände verschränkt und würdigte Amira keines Blickes. Es war, als erwachte sie aus einer Starre. Sie konnte wieder einen klaren Gedanken fassen und stand nicht mehr regungslos da. Sie dachte gerade darüber nach, sich ebenfalls hinzusetzen, als über ihnen krachend eine Luke geöffnet wurde. Das kantige Gesicht eines Mannes kam zu Vorschein. „Geht es Ihnen gut?“ rief er in die Kabine. Der Junge blickte zur Decke, schwieg aber weiterhin. Also rief Amira an seiner Stelle ein lautes „Ja“ nach oben und der Mann wirkte sichtlich erleichtert. „Wir holen Sie hier raus, keine Panik.“ rief er und sein Gesicht verschwand wieder. Kurz darauf tauchte ein Paar Beine auf und jemand schwang sich durch die Luke und landete geschickt zwischen Amira und dem Jungen. „Stellen Sie sich auf meine Hände, ich helfe Ihnen hoch. Mein Kollege wird sie von oben festhalten.“
Amira wollte gerade auf den Mann zugehen, da sprang der Junge auf und ehe Amira protestieren konnte, stand der auf den Händen des Mannes und wurde nach oben gehievt. Er verschwand aus Amiras Blickfeld.
Als Amira durch die Luke kletterte, war der andere bereits verschwunden und auch als Amira wieder auf sicherem Boden stand, fehlte von ihm jede Spur. Hinter ihr diskutierten die beiden Männer über eine mögliche Ursache des Defekts. Auf der Fahrstuhltür klebte bereits ein „Außer-Betrieb“-Schild.

Amira setzte sich in Bewegung. Sie wollte so schnell wie möglich raus hier. Sie rannte die Treppe nach unten und lief durch das Foyer, vorbei an der Empfangsdame. Als Amira durch die Glastür ins Freie trat, atmete sie einmal tief durch und schaute nocheinmal zu den Bürofenstern über sich. Würde man sie feuern, wenn sie jetzt einfach ging? Sie hoffte es inständig.

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