Nervös am Saum meiner Bluse spielend, stand ich vor dem Fahrstuhl. Auch wenn ich das Praktikum prinzipiell nicht brauchte – ich wusste schon seit ich klein war, was für einen Beruf ich später ausüben würde – war es verpflichtend, also hatten meine Eltern mir einen Platz in der Kanzlei besorgt, allerdings bei einem Kollegen meines Vaters, den ich schon einige Male getroffen hatte. Und trotzdem war ich aufgeregt.
Ich wusste, dass ein Großteil der Bekannten meiner Eltern mich für unreif und kindisch hielt, und auch wenn niemand es wagen würden, etwas zu tun, was meine Eltern aufregen würde, würde ich mich trotzdem sehr anstrengen müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Fast wünschte ich mir schon, dass mein „Chef“ mich nur zum Kaffee holen und Kopieren schicken würde.
Da hörte ich, wie sich leise Schritte näherten, weshalb ich meine Kleider gerade strich und mich gerade hin stellte. Immerhin war ich nicht irgendwer, und ich wollte dem Ruf meiner Eltern nicht noch mehr Schaden. Selbst wenn ich kaum Selbstvertrauen hatte, so konnte ich doch zumindest so tun als ob.
Mit einem leisen „pling“ öffneten sich die Türen und ich trat ein, die andere Person folgte mir. Ich drückte auf den Knopf für die richtige Etage und warf dann einen kurzen Blick zur Seite, doch das andere Mädchen nickte nur. Meinen Blick wieder auf die Türen, die sich gerade geschlossen hatten, gerichtet, setzte sich der Fahrstuhl leise surrend in Bewegung.
Es war schon faszinierend, dass es wirklich jemand geschafft hatte, in einem solch alten Gebäude einen funktionstüchtigen Fahrstuhl einzubauen, ohne viel ändern zu müssen. Mein Vater hatte mir mal davon erzählt, und auch, dass es große Diskussionen zum Thema Sicherheit und Zerstörung von Kulturgut gegeben hatte, aber dass mittlerweile alle ganz froh darüber waren, nicht mehr die ganzen Treppen hoch laufen zu müssen.
Plötzlich ertönte ein leises Rattern und der Fahrstuhl bebte ein wenig, woraufhin ich einen misstrauischen Blick nach oben warf, doch als es nach einem Moment immer noch ruhig blieb, schüttelte ich nur den Kopf und sagte mir, dass ich einfach zu angespannt war. Doch nur wenige Sekunden darauf wurde die Kammer richtig durchgeschüttelt und sackte ein Stück ab, bevor er mit einem ohrenbetäubenden Quietschen zum Stillstand kommt.
Ich stand an die Wand gepresst da und starrte geschockt an die Decke, bevor das Licht ausfiel und dann flackernd die Notbeleuchtung ansprang. Mein Blick wanderte zu dem anderen Mädchen, welches ebenfalls erschrocken schien, sich aber wieder zu fangen schien und dessen Gesichtsausdruck jetzt zu genervt wechselte. Auch ich zwang mich, mich zu beruhigen, löste mich von der Wand und drückte auf den Notfallknopf, woraufhin nichts passierte.
„Eins A Qualität.“, kommentierte das Mädchen mit einem abfälligen Blick zu der immer noch flackernden Lampe. „Wird so etwas hier nicht überprüft?“
„Keine Ahnung, ich dachte eigentlich schon.“, erwiderte ich schulterzuckend und sah sie mir unauffällig näher an. Sie hatte blondes, lockiges Haar, welches ihr gerade bis zu den Schultern reichte, und soweit ich es in diesem Licht erkennen konnte, grüne Augen. Ich hatte sie nie zuvor gesehen, dabei hatte ich eigentlich gedacht, ich würde jeden aus dieser Stadt kennen, aber vielleicht kam sie ja von außerhalb. Das war zwar ungewöhnlich und sehr selten, aber passierte manchmal, immerhin war das hier eine renommierte Kanzlei.
„Hast du auch Praktikum?“, fragte ich zögernd nach einigen Minuten des Schweigens.
Sie warf mir einen überraschten Blick zu – anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass ich sie ansprechen würde – und antwortete: „Joa. Ich dachte mir, man kann’s ja mal versuchen, vielleicht geschieht ein Wunder und ich werde angenommen – und es ist tatsächlich passiert. Meine Klassenkameraden waren alle überrascht, als ich es ihnen erzählt habe, und viele glauben mir immer noch nicht. Und bei dir?“
Ich verlagerte bei dieser deutlichen Erinnerung an meine Privilegien das Gewicht und sagte dann, mit einem unterbewussten Griff zu meinem Medaillon: „Ja, so ungefähr war es bei mir auch. Wobei ich zumindest einige Leute hier kenne, also war das eventuell ein kleine Vorteil.“
„Na ja, Hauptsache ich muss nachher nicht nur Kaffee kochen und Kopieren.“, erwiderte das Mädchen und lächelte. Allerdings hatte ich zumindest für eine Sekunde gedacht, dass ihr Blick sich ein wenig verfinstert hatte, aber das konnte auch einfach nur Einbildung gewesen sein.
Dann verfielen wir wieder in Schweigen und ich begann gedankenverloren mit meiner Kette zu spielen, wobei ich meinte, den Blick des Mädchens die ganze Zeit auf mir zu spüren, aber ich traute mich nicht, nachzusehen.
„Schöne Kette.“, kommentierte sie plötzlich, und ich zuckte ein wenig zusammen. „Woher hast du die?“
Ich sah sie verwirrt an. „Von… meinen Eltern, zu meiner Geburt. Warum?“
Sie zuckte die Schultern. „Nur so. Sieht teuer aus.“
„Ja… kann schon sein. Das ist so ne Art Tradition in meiner Familie.“, erklärte ich leise.
„Wohnt deine Familie schon lange hier?“, wollte das Mädchen wissen.
Unsicher, warum sie an all dem interessiert war, verschränkte ich die Arme. Irgendetwas an ihrem Verhalten wirkte auf mich extrem einschüchtern und irgendwie bedrohlich, und mein Wunsch aus diesem Fahrstuhl herauszukommen, wurde noch stärker als ohnehin schon.
„Ja, soweit ich weiß, waren meine Vorfahren einige der ersten Bewohner.“
Das Mädchen nickte kurz und schwieg einen Moment, bevor sie sagte: „Meine auch. Wir haben hier mal gewohnt, vor Jahrhunderten. Aber jetzt nicht mehr.“
„Warum nicht?“, fragte ich.
Zuerst reagierte sie gar nicht, doch dann wandte sie sich, mit einem eiskalten Lächeln im Gesicht zu mir um, griff nach meinen Händen und flüsterte in mein Ohr: „Frag deine Eltern, Ms. Abbott“
In diesem Moment ging das richtige Licht wieder an und der Fahrstuhl setzte sich mit einem leichten Ruck wieder in Bewegung, nur um im nächsten Stockwerk zu halten. Obwohl es noch zwei weitere waren, bis ich eigentlich aussteigen musste, griff ich nach meiner Tasche, die ich fallen gelassen haben musste, als der Fahrstuhl stecken geblieben war, und trat schnell aus dem Fahrstuhl.
Ich hörte, wie sich die Türen wieder schlossen und ging los in Richtung Treppe, als noch mal die Stimme des Mädchens erklang. „Man sieht sich, Sam.“
Hoffend, dass sie sich irrte, eilte ich zur Treppe.

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