Die Halle war aus Marmor und der Türrahmen am Fahrstuhl golden. Das hier war definitiv ein piekfeiner Laden, eigentlich so gar nicht mein Metier. Die junge Frau neben mir starrt mich an. Ihr Blick ist mir unangenehm, aber ich will nicht darauf reagieren, weil das nur zu einem Gespräch führen würde und das will ich um alles in der Welt vermeiden. Gespräche mit Fremden, soweit kommt es noch. Obwohl es mir lieber wäre, sie wäre nicht da, beobachte ich sie aus den Augenwinkeln. Sie ist hübsch. Hat die gleiche Haarfarbe wie ich – wenn ich sie nicht gerade schwarz färbe oder anders verunstalte –, ein nettes honigbraun. Ihre Augen sind blau wie die meines Vaters, strahlend, aber ihr Blick erstickt das Strahlen im Keim. Schnell sehe ich weg. Ob sie ein Morgen-Muffel ist? Warum sieht sie mich so an? Stinke ich vielleicht? Endlich öffnen sich die Türen mit einem leisen Pling. Ich atme durch und betrete den Fahrstuhl, dann drücke ich auf den Knopf mit der 5. Sie nickt zustimmend, keine Worte nötig. Ich frage mich wie ihre Stimme wohl klingt.
Langsam wird mir das Schweigen unangenehm. Hoffentlich sind wir bald da. Ich lehne mich gegen das goldene Geländer und schließe die Augen, während die Aufwärtsbewegung meinen Magen kribbeln lässt.
Plötzlich gibt es einen Ruck. Das Licht geht aus, wir sausen im freien Fall in die Tiefe und ich kann einen Aufschrei nicht unterdrücken. Dann greifen die Sicherheitsbremsen endlich.
„Noch alles dran?“, will sie wissen und ich versuche meine Stimme wieder zu finden, die mir irgendwo in die Magengegend gerutscht sein muss.
„Mhm hm“, stammle ich vor mich hin und sie unterdrückt ein Grinsen. Irgendwie bösartig, aber vielleicht interpretiere ich das auch nur.
„Was machst du hier?“
„Ich … ähm … ich will zu Frau Beckenbach, fünfte Etage.“ Das ist ein ziemlich langer Satz, angesichts der Tatsache, dass wir gerade fast gestorben wären. So viel rede ich eigentlich nie. Sie verdreht sie Augen.
„Schon klar, dass du in die fünfte willst. Du hast ja den Knopf gedrückt. Nein, ich meine: Was machst du in Neuburg? Du bist doch neu hier, oder?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Woher weiß sie, wo ich wohne? Ist sie mir etwa gefolgt? Endlich setzt sich die Kabine wieder in Bewegung.
„Keine Sorge, Hasenfuß“, fährt sie fort. „Ich kann nicht hellsehen. Hab dich im Anker gesehen. Ich kellnere da.“
„Oh, klar, ähm … ich will hier ein Praktikum machen und Neuburg war am nächsten dran.“
„Ein Praktikum, ach so.“ Wieder grinst sie kurz. Sie sieht so aus, als würde sie mir nicht ein Wort glauben, doch in dem Moment hält der Fahrstuhl an und sie steigt aus.
„Hey, warte-!“, rufe ich ihr nach, weil ihr etwas aus der Tasche gefallen ist, doch sie hört mich nicht mehr. Ich gehe in die Hocke und hebe es auf. Ein Foto, zumindest der Rückseite nach zu urteilen. Wahrscheinlich sollte ich es mir nicht ansehen. Das ist privat. Ich sollte es einfach einstecken und versuchen, die junge Frau wieder zu finden und es ihr dann zurückgeben. Trotzdem drehe ich es um … und erstarre. Das bin ich auf diesem Foto. Es wurde aufgenommen als ich dreizehn war und beim Marathon den ersten Platz gemacht habe. Auf dem Bild stehe ich auf dem Siegertreppchen mit einer Medaille um den Hals. Ich könnte wohl gar nicht sagen, dass es sich dabei um mich handelt, denn das Gesicht wurde mit einem Streichholz weggebrannt, aber es ist genau das Bild, das bis zu dem Einbruch in unserem Wohnzimmer hing.

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