Die Fahrstuhltür knackt hinter ihm, sollte sie nicht eigentlich ein Schiebegeräusch von sich geben? Er runzelte die Stirn, vergaß aber beinahe im nächsten Augenblick das Knacken. Zu welcher Etage musste er? Er zog die Brille auf der Nase ein Stückchen tiefer und schielte über den Rand auf die Knöpfe der Bedientafel. „Dr. Maas, Allgemeinmediziner, 3. Etage“ Zufrieden drückte er den Goldknopf und richtete die Brille auf dem Nasenrücken wieder gerade. Leise surrte die Mechanik des Fahrstuhls, er konnte einen Ruck spüren, als die Kabine sich langsam nach oben in Bewegung setzte. Er stand alleine auf dem Kachelboden, dessen Belag längst bessere Zeiten gesehen hatte. Die gegenüberliegende Wand war verspiegelt, hatte Schrammen und Schlieren und dringend einen Putzlappen nötig. Irgendwie musste er schmunzeln, wie er sich so dastehen sah. Alt und faltig, die Schultern jedoch stramm nach hinten, den Kopf aufrecht nach oben. Wie es sich gehörte, dachte und sein Schmunzeln wurde zu einem Grinsen. Inzwischen war die Fahrstuhlkabine im ersten Stock angekommen, glitt jedoch an ihm vorbei. Wieder war ein Knacken zu hören, das vermutlich immer noch nicht zu der fahrstuhlüblichen Geräuschkulisse gehörte. Sein Grinsen verschwand und durch die schlechte Beleuchtung sah er plötzlich nur noch alt und grau aus.
Ohrenbetäubend und unsanft kam der Fahrstuhl mit einem Mal zum Stehen, auf der Stockwerkanzeige blinkte ein kleiner roter Telefonhörer und die Notbeleuchtung schaltete sich ein. Okay, ruhig bleiben!, schoss ihm durch den Kopf, nimm den Hörer vom Telefon ab und rufe um Hilfe! Vorsichtig tapste er einen Schritt nach vorne und griff nach dem Nottelefon, das ihm mit einem Piepen verriet, gleich weitergeleitet zu werden.
Ganz nah stand er nun an der verspiegelten Fahrstuhlwand und während er dem Piepsen im Telefon lauschte, betrachtete er sich. Eingefallen und kränklich waren seine Wangen, sie setzten sich scharf vom Jochbein ab, warfen einen messerscharfen Schatten. Frisch rasiert hatte er sich heute Morgen, eine winzige Schnittwunde hielt noch ein Blutströpfchen fest, er wischte es langsam ab. Zerschlissen sah er sich selbst in die Augen, sie wirkten so müde und blass, so wässrig, dass er es mit der Angst bekam. Bin ich das? Bin das ich, kann das wirklich sein? Ich kenne den Mann nicht, ich weiß nicht, wer das da im Spiegel ist. Dieser Mann sieht aus wie, sieht aus wie ein Schatten von mir, von dem Mensch, der ich einmal war. Wann habe ich angefangen, dieser neue Mann zu sein? Wann bin ich so alt geworden? Zittrig führte er seinen Zeigefinger an seine Lippen. Er spürte, wie spröde sie waren, wie aufgesprungen die einst zarte Haut sich anfühlte unter seiner Berührung. Wohin ist ihr Rot gegangen, wann ist das Rot meiner Lippen ausgelaufen? Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Atmung ging schnell und rasselnd. „Hallo, hört mich jemand?“, er brüllte die Worte beinahe in den Hörer seiner Hand. Er wollte raus aus der Kabine, hinaus an die frische Luft, wo er atmen konnte, frischen Sauerstoff. Ganz sicher würden sich seine Lippen an der frischen Luft wieder mit ihrem alten Rot füllen, seine Augen wieder glänzen und ihre Wässrigkeit verlieren. Ganz sicher… Er keuchte, rang nach Atem. Der Mann in der Spiegelwand schien hämisch und eiskalt zu grinsen. „Hallo Alterchen, mein Name ist Senesco, ich habe gehört, wir arbeiten zusammen im erfolgreichen Unternehmen Vita Bona… Lasset die Spiele beginnen!“

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