Sie wälzte sich unruhig in ihrem Bett auf die andere Seite und starrte nun ihre Wand an. Irgendetwas ließ sie nicht einschlafen. Sie kniff die Augen fest zusammen und zwang sich, ihre Gedanken abzuschalten. Es funktionierte nicht. Sie öffnete ihre Augen wieder und drehte sich auf den Rücken. Ihre Augen brannten höllisch, trotzdem hielt sie den Blick zur Decke gerichtet.

Es ist dieses Bild, dachte sie. Dieser Mann. Verdammt. Sie hätte nie in diese Kunstgalerie gehen sollen.

Amira hatte heute früher Schulschluss gehabt und als sie auf dem Heimweg ein Plakat zu besagter Kunstgalerie gesehen hatte, entschloss sie sich spontan, diese zu besichtigen. Eintritt für Kinder unter 18 Jahren frei. Das klang doch schonmal gut.

Die ausgestellten Werke waren auf nur zwei Räume verteilt, jeder etwa zehn Quadratmeter groß. Besonders viele Bilder gab es nicht, dementsprechend viele Besucher waren da. Amira war geradewegs an der Kasse vorbeimarschiert und als sie den ersten Raum betrat, zählte sie ungefähr acht weitere Personen. Ein Paar saß auf einer Bank neben dem Eingang und die kleine Tochter zeigte aufgeregt auf jedes Bild, was sie interessant fand und wollte unbedingt ein Kommentar ihrer Eltern hören. „Toll.“ oder „Schön.“ kam meistens als Antwort.

Amira schlenderte gemächlich an den Bildern vorbei. Keines sprach sie wirklich an oder veranlasste sie, stehen zu bleiben.

Sie betrat den zweiten Raum. Nur vier Personen. Ein Rentnerpaar, eine Dame mittleren Alters, die an ihrem Handy herumtippte und ein Mann. Die Werke in diesem Raum waren auch nicht viel ansprechender. Vielleicht fehlte ihr aber auch einfach der Blick für so etwas, dachte Amira. Sie hatte mittlerweile fast alle Bilder einmal angesehen. Nur eines fehlte ihr noch. Das Bild, vor dem der Mann stand. Vorsichtig trat sie hinter ihn und versuchte etwas zu erkennen. Was ihr als erstes auffiel, waren die vielen Farben, die das Gemälde zeigte. Hauptsächlich Blau- und Rottöne. Ansonsten war es nicht besonders aufregend. Amira wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihr Blick kurz das Gesicht des Mannes streifte und an seinen Augen hängen blieb. Sie waren glasig und trüb. Und leicht gerötet. Als hätte er geweint oder eine ganze Weile nicht mehr geblinzelt. Er starrte ununterbrochen auf das Bild vor ihm, bewegte keinen einzigen Muskel. Amira fühlte sich unwohl. Sie versuchte ihren Blick abzuwenden, da drehte der Mann sein Gesicht in ihre Richtung und schaute ihr direkt in die Augen. Seine Iris hatte einen leichten Grünstich. Amira wollte sich gerade für ihr Starren entschuldigen, doch ihr Gegenüber kam ihr zuvor. „Verzeihung.“, sagte er. Seine Stimme klang rau und kehlig. „Versperr‘ ich dir die Sicht?“ Ein zaghaftes Lächeln lag auf seinen Lippen. Noch ehe Amira etwas erwidern konnte, trat er einen Schritt zur Seite und richtete seinen Blick wieder auf das Gemälde. Amira stand einen Moment ratlos da, entschied sich dann aber, sich neben den Mann zu stellen. Alles andere erschien ihr unhöflich.

So standen sie eine Weile und betrachteten das Bild. Die Gedanken des Mannes, die ihm bei diesem Bild kamen, interessierten Amira sehr. Doch sie traute sich nicht, ihn zu fragen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, öffnete er den Mund und sagte: „Erstaunlich, oder? Dieses Bild wurde in so hellen und ausdrucksstarken Farben gemalt, und trotzdem fühlt man sich einsam, wenn man es betrachtet.“ Er schaute Amira erneut an und lächelte wieder kaum merklich. „Aber vielleicht ist das auch nur meine Betrachtungweise.“

Amira konnte beim besten Willen nichts darauf erwidern. Dieses Bild verursachte nicht das geringste Gefühl in ihr. Sie hatte die Arme hinter ihrem Rücken verschränkt und ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie musste einfach fragen. „Ähm“, brachte sie hervor, „Entschuldigung, wenn ich frage, aber was verbinden Sie mit diesem Bild?“

Der Blick in seinen Augen verriet, dass er mit dieser Frage gerechnet hatte. Er schloss kurz seine Augen und schenkte Amira ein unsichers Lächeln. „Möchtest du das wirklich wissen?“

Amira nickte vorsichtig und wartete darauf, das er wieder mit Sprechen anfing. Er hatte die Augen erneut geschlossen und schien sich innerlich zu sammeln. Er öffnete die Augen und sagte: „Ich habe nur noch zwei Monate zu leben.“

Stille. In der gesamten Galerie war kein Geräusch zu hören. Wenn Amira sich umgedrehen würde, dann hätte sie gemerkt, dass sie nur noch zu zweit im Raum waren. Doch sie drehte sich nicht um. Sie hielt den Blick auf die trüben Augen des Mannes gerichtet. In ihren Ohren rauschte es. Sie kämpfte gegen ein aufkeimendes Schwindelgefühl an, indem sie sich an ihrem Oberarm klammerte, doch es half nicht.

„Tut mir leid.“ brach er die Stille. „Ich hätte dich nicht damit belasten sollen.“

Amira sah wohl genauso hilflos aus wie sie sich fühlte. Sie schluckte einmal kräftig, um den bitteren Geschmack in ihrem Mund loszuwerden und verstärkte den Griff um ihren Oberarm. „Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.“ Amira kam sich gemein vor. Jeder andere hätte so etwas wie „Oh mein Gott, sie Ärmster!“ oder „Das tut mir schrecklich leid!“ geantwortet, doch Amira hatte das Gefühl, als wollte er solche Kommentare nicht hören.

Er reagierte auch keinesfalls gekränkt, eher überrascht. „Du hast recht.“ erwiderte er, „Das hab‘ ich wohl noch nicht.“ Er fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht, seine Augen waren auf das Bild gerichtet. „Dieses Bild erinnert mich an einen Ort. Einen Ort, der mir viel bedeutet, an dem viele Erinnerungen haften.“ Er hielt kurz inne. „Du kannst dir sicher denken, dass ich diesen Ort gerne noch einmal sehen würde, bevor ich … naja, bevor es nicht mehr möglich ist.“

Amira nickte automatisch, auch wenn der Mann sie gar nicht ansah.

„Ich habe nur ein kleines Problem.“ Er schluckte kurz, als hätte das Reden seine Kehle ausgetrocknet und richtete seinen Blick zu Boden.

Amira wartete geduldig, bis er fortfuhr. Sie wollte auf keinen Fall aufdringlich wirken. Als er jedoch nach einigen Minuten immernoch schwieg, hielt sie es nicht mehr aus. „Ein Problem?“, hakte sie nach.

Die trüben Augen des Mannes richten sich wieder auf sie und Amiras Herz zog sich zusammen. Sie hatte noch nie so viel Zerissenheit in einem Blick gesehen.

„Ich liebe es, allein zu sein.“, sagte er schließlich.

Amira verstand nicht ganz. War das ein Wink, damit sie ihn in Ruhe ließ?

„Das ist mein Problem.“, erklärte er. „Ich dachte immer, alleine zu sein und einsam zu sein, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Doch das stimmt nicht.“ Er rieb sich über die Augen. Amira kam mit ihren Gedanken nicht hinterher. Für sie war es normal alleine zu sein, doch sie hatte sich noch nie einsam gefühlt. Für sie waren es zwei unterschiedliche Dinge.

„Eine Form der Einsamkeit ist, Erinnerungen zu haben, die man mit niemandem teilen kann.“, riss er sie aus ihren Gedanken. Es klang, als würde er zitieren.

„Peter E. Schumacher“, fügte er hinzu.

„Die Erinnerungen, die ich an diesem Ort mache, sind vermutlich meine letzten.“ Seine Stimme klang belegt. „Wenn ich sie mit niemandem teilen kann, bedeutet das dann, dass ich einsam bin? Bedeutet das, ich sterbe einsam?“

Seine Stimme stockte. Amiras Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn mit Watte vollgestopft. Die Worte des Mannes prasselten auf sie ein, aber sie konnte sie nicht begreifen. Die Situation kam ihr so unwirklich vor. Der Mann schien ebenfalls etwas neben der Spur zu sein. Vermutlich fragte er sich gerade, warum er all das einem fremden Mädchen erzählte und ihr Fragen über Einsamkeit und den Tod stellte, die sie beim besten Willen nicht hätte beantworten können.

„Ich kann nicht behaupten, ich hätte zu kurz gelebt.“, unterbrach er Amiras Gedanken erneut.

„Ich bereue mein Leben auch nicht, im Gegenteil. Aber ich werde vermutlich meinen Tod bereuen, wenn ich so weiter mache.“ Er rieb sich seine geröteten Augen, holte tief Luft, was eher wie ein Keuchen klang, und fuhr fort. „Mir war es nie wichtig, Kontakt mit anderen zu haben. Ich dachte immer, es sei besser, nur mit sich selbst zu sein. Besser allein, als in schlechter Gesellschaft. Einige würden mich vermutlich als menschenfeindlich bezeichnen und so unrecht haben sie damit gar nicht.“ Seine Stimme klang gedämpft und kratzte bei jedem Wort.

„Verstehst du jetzt mein Problem?“, fragte er sie unvermittelt. Amiras war so überrascht darüber, dass sie gar nicht reagieren konnte.

Als er keine Reaktion von Amira bekam, sprach er mit matter Stimme weiter:

„In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.“ Ein weiteres Zitat. Amiras kannte es. Es stammte von Nietzsche.

„Nun wähle.“, wiederholte er schwermütig und schüttelte den Kopf. „Mein Leben geht zu ende und man stellt mich vor die Entscheidung, ob ich einsam oder in schlechter Gesellschaft sterben will.“

Ungewollt musste sich Amira fragen, wie es möglich war, dass man dieses negative Zitat noch negativer interpretieren konnte.

„Ich kann nicht wählen, verstehst du?“, sagte er heiser. „Vor ein paar Jahren noch, hätte ich mir über so ein lächerliches Zitat noch nicht einmal Gedanken gemacht und jetzt zerbrech‘ ich mir darüber den Kopf, liege nächtelang wach, weil ich eine Entscheidung treffen muss, die ich nicht treffen will. Es ist erbärmlich. Die Zeit verrinnt zwischen meinen Fingern und ich tue einfach nichts.“

Er starrte auf den Boden und ballte seine Hände zu Fäusten.

„Ich habe keine Angst davor, zu sterben. Ich habe Angst vor dem, was davor kommt. Zu spüren, wie einen langsam die Kräfte verlassen, wie der Körper taub wird und man unfähig wird, sich zu bewegen. Gezwungen zu sein, diesen Zustand hilflos zu erdulden, bis man endlich sein Leben … sein Leben aushaucht.“ Seine Stimme überschlug sich. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte energisch den Kopf. „Das kann ich nicht, das würde ich nicht aushalten. Nicht alleine. Der Gedanke macht mich krank. Verdammt, ich war die ganze Zeit so einfältig! Ich habe niemanden, absolut niemanden! Ich werde allein sterben, weil ich ein so ignoranter Mistkerl bin!“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter.

„Verdammt, ich kann das nicht, ich will nicht alleine sterben!“

Seine Stimme erstarb. Er hatte die letzten Worte beinahe herausgebrüllt und seine Stimme schallte von den kahlen Wänden der Galerie zurück.

Amiras Kopf dröhnte. Ein Anzeichen dafür, dass sie den Tränen nahe war.

Das Gesicht des Mannes war aschfahl. Trotz des Mantels, den er trug, konnte man sehen, dass er zitterte.

Amira wollte reagieren. Sie wollte ihm helfen. Er sah aus, als würde er ohne Fallschirm vor der geöffneten Tür eines über den Wolken fliegenden Flugzeuges stehen. Er war nicht bereit zu springen. Man würde ihn brutal nach vorne stoßen und er würde in die Tiefe stürzen. Alleine.

Amira schmeckte Salz auf ihren Lippen. Ohne es zu merken, hatte sie angefangen zu weinen. Sie machte sich nicht die Mühe, ihr Gesicht trocken zu wischen.

Zögerlich streckte sie ihre Hand aus und berührte den Mann am Ärmel. Sie kam sich so nutzlos vor.

Er reagierte nicht auf ihre Geste.

Sie spürte sein Zittern auch unter dem rauen Stoff seines Mantels. Langsam beruhigte er sich.

Plötzlich hörte man ein keuchendes Husten. Amira stutzte. Lachte er etwa?

Sein Husten verstärkte sich und er hielt sich die Hand vor den Mund. Nein, ein Lachen war das eindeutig nicht.

Amira verstärkte zaghaft ihre Berührung auf seinem Ärmel. Er hatte sich wieder gefasst und drehte sich in ihre Richtung. Seine Augen waren nass und geschwollen. Amira nahm ihre Hand nicht weg.

Sie wollte irgendetwas sagen. Denk nach Amira, denk nach!

Der Mann sah sie mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Beschämen und Bestürzung an.

Amira öffnete den Mund. „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt.“

Es war das Beste, was ihr auf anhieb einfiel. Sie betete in Gedanken dafür, dass er den Rest des Gedichts nicht kannte. Das würde die Situation sicher verschlimmern.

„Ich weiß, wie die Strophe weitergeht.“, sagte er tonlos. Amira fluchte innerlich. Sie musste etwas sagen. „Es spielt keine Rolle, wie es weitergeht.“, fing sie an. „Es geht nur um die beiden Verse. Man soll sich aus der Welt zurückziehen und Frieden in sich selbst finden. Selbst wenn es in den weiteren Versen um einen Freund geht, das heißt noch lange nicht, dass man sich einen Freund suchen muss, wenn man sich zurückzieht. Vielleicht findet man nicht nur Frieden, sondern auch einen Freund in sich selbst.“

An dieser Stelle verschwimmen Amiras Erinnerungen. Sie wusste nicht mehr, was der Mann darauf geantwortet hatte. Ob er überhaupt geantwortet hatte. Sie weiß noch, wie elend sie sich danach gefühlt hatte und als sie wieder zu Hause war, hatte sie den restlichen Tag lang Musik gehört und musste sich ab und zu die Tränen aus den Augen wischen. Sie hatte versucht zu schlafen, doch es klappte nicht. Und so lag sie immernoch wach, starrte die Decke an und ihr Kopf fing schon wieder an zu dröhnen. Sie verstand immernoch nicht, wie man so eine starke Bindung zu einem bestimmten Ort haben kann, dass einen innerlich kaputt macht. Sie konnte es einfach nicht nachvollziehen.

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