Vera hatte mich den ganzen Tag in der Stadt herumgeführt. Die Erlebnisse spukten noch immer in meinem Kopf herum, verwirrten mich. Ich schloss die Augen und genoss die Ruhe des Zimmers, das man mir zugewiesen hatte. Das Bett unter mir fühlte sich weich und unglaublich angenehm an. Ich wollte tiefer darin versinken, doch eines der vielen Bilder von heute ging mir nicht aus dem Kopf und ließ meine Gedanken kreisen. Es war ein Gemälde, wie Vera es genannt hatte. Es hatte im Ausstellungsgebäude gehangen und hatte das Meer und alte Fischerboote gezeigt. Auch ein rot-weißer Turm war dort gewesen. Ich erinnerte mich nur nicht daran, wie Vera ihn bezeichnet hatte.
Ich seufzte und gab meinem inneren Drängen nach. Jedes Detail, jede Farbe rief ich mir im Geiste auf. Es hatte mich schon heute Vormittag tiefer berührt als ich zugeben hatte wollen.
Nie zuvor in meinem Leben habe ich das Meer gesehen, nie Boote oder solch einen Turm. Nie zuvor habe ich eine solche Sehnsucht verspürt. Sehnsucht nach der Welt da draußen, vor der ich mich mittlerweile mehr fürchtete als vor den Therks. Es war verwirrend. Ich wollte mehr sehen, mehr erleben, aber ich hatte eine ungeheure Angst auch nur einen Schritt über die Grenzen dieser sicheren Stadt zu machen. Und dennoch, dieses Bild hatte etwas in mir geweckt. Erinnerungen an eine Kindheit, in der ich mich noch sicher und geborgen gefühlt hatte. Draußen im Wald. Zwischen all den Bombenkratern, die nun kleine Tümpel oder ganz normale Vertiefungen im Erdreich waren. Die Stille des Waldes musste ebenso beruhigend sein, wie das Rauschen des Meeres, das eine Anlage vorgespielt hatte.
Erneut seufzend drehte ich mich auf die Seite und rollte mich zusammen. Genauso hatte ich als kleines Mädchen immer gelegen, während Mam mir übers Haar gestrichen hat um es zu entwirren. Sie hatte mir Geschichten von einer Welt ohne Krieg und Zerstörung geschildert. Und ich hatte ihr jedes einzelne Wort geglaubt. Noch immer hörte ich manchmal ihre Stimme in meinem Kopf. Sie beruhigte mich ebenso wie dieses Bild und meine Erinnerungen an den Wald. Der Wald war gefährlich, aber er war auch jahrelang meine Heimat gewesen. Dort hatte ich alles gelernt. Dort hatte Mam mir bis zum Tag ihres Todes jeden Abend die langen Haare gekämmt. Ich sehnte mich so sehr danach, dass sie es noch einmal tun würde. Nur noch ein einziges Mal.
Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel. Und dennoch hielt ich die Erinnerung fest. Ich sah das Gesicht meiner Mam vor mir, wie sie lächelte, während sie mir etwas erzählte. Mein Kopf lag auf ihrem Schoß gebettet, die Sonne stahl sich durch das Blätterdach und ließ sie wie das Abbild einer Göttin erscheinen. In diesem Moment wollte ich nichts mehr als in den Wald zurück. Zurück zu Mam. Zurück in das Leben, in dem ich nichts gewusst habe von all diesen Monstern und Gefahren…

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