Beißender Rauch drangen ihr in Mund und Nase, sodass Finja hustend aus dem Dämmerschlaf erwachte, unfähig einen klaren Gedanken fassen zu können. Die Stimme ihrer Stiefmutter drang gefährlich sanft an ihr glutheißes Ohr: „ Siehst Du, Finja, so ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt. Sie verbrennen bei lebendigem Leibe.“ „Aber es ergibt doch überhaupt keinen Sinn“, Finjas Vorstellungskraft würde bald nicht mehr ausreichen, um die verschwommenen Erinnerungen aus dem Dunkel ihrer Seele heraufzubeschwören. „Es war Johannas Vater, der sie tötete, meine Base starb nicht durch Eure Hand.“ „Bist Du Dir da so sicher, ich hasste sie, so wie ich Dich hasse, wahrlich, ihr beiden gehört dem Abschaum der Meereskronen an. Johanna war eine Hexe und Du, Du bist auch längst auf der dunklen Seite angelangt. Lauf nur, mein Mädchen aber weit wirst Du es nicht schaffen. Ich werde ab jetzt immer schon da sein, und auf Dich warten, mein Täubchen.“ Rauch und die Glut einiger herabfallender Deckenbalken, verschleierten Finja die Sinne. Denn Gräfin Ermengard konnte unmöglich dieses Feuer gelegt haben, sie schmachtete ihr Dasein schließlich im Kellergewölbe, im Verließ des Grafensitzes und würde niemals mehr das Tageslicht wiedersehen, bis zum Tage ihrer Hinrichtung. Ihre zitternden Hände umfassten vorsichtig den Kupferknauf der Türe zu ihrem Schlafgemach. Von einem gewaltsamen orangeroten Lichtermeer in die Diele zwischen Treppenabsatz und angrenzendem Teezimmer gedrängt, gelang Finja von Büsen schließlich die Flucht nach vorne. Zwei Stufen auf einmal nehmend, stolperte sie in ihrem langen Schlafgewand ins Foyer hinab. Die Vorhänge, die Gobelins, alles stand in Flammen, brannte lichterloh, die Hauptpforte, nur noch ein Schatten ihrer mahagonigeprägten Kostbarkeit. Die Hitze fraß sich wie ein zu scharf geschliffenes Messer mühelos durch die Holzmaserungen, sodass höhnische Fratzen entstanden, die das Mädchen auszulachen suchten. „So ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt.“ Das höhnische Gelächter ihrer Stiefmutter, ließ die junge Comtesse innerlich zusammenzucken, während ihre Silhouette erstarrt zu sein schien. Finja glaubte in dieser Nacht sterben zu müssen, ohne zu wissen, auch nur zu erahnen, dass sich weit entfernt von ihr, bzw. einer weit entfernten Zeitrechnung, gerade ähnliches abspielte. Als die junge Dame einen vermeintlich letzten Blick in den bodenlangen Spiegel im Kaminzimmer warf, erblickte sie dort nicht nur ihr eigenes Spiegelbild. Da war noch etwas anderes, jemand anderes, der zu ihr hinausschaute. Zunächst dachte sie, es handle sich um eine Täuschung, eine Illusion, doch ihr doppeltes Spiegelbild verschwand einfach nicht, auch nicht, als der Rahmen ebenfalls Feuer fing und bedrohlich begann hin und her zu schwanken. „Finja, Du darfst ihr nichts glauben, sie ist nicht die, die sie vorgibt zu sein, die andere ist das Monster. Diejenige, die vorgibt böse zu sein, will Dich in Wahrheit beschützen.“ Finja robbte sich langsam zum Spiegel vor, immer auf der Hut vor herabfallenden Holzsplittern, Holzbalken oder umstürzendem Mobiliar. „Wenn ich hier und heute verrückt geworden sein sollte, dann sei es so, ich werde sowieso bald nicht mehr unter den Lebenden weilen“, traurig wischte sie sich eine unsichtbare Träne von den rußigen Wangen. „Doch, das wirst Du, Du wirst leben, nur eben nicht jetzt.“ Verwirrt blickte Finja auf den zerberstenden Spiegel, während sich

ihr doppeltes Spiegelbild wieder zu einem einzelnen zusammensetzte. Doch dieses Mädchen hinter dem Spiegel, dort, wo es ebenfalls brannte, verschwand dennoch nicht sofort. Sie blieb, wo sie war, eingehüllt in ein weißes Hemd aus Leinen, das sie zu einem azurfarbenen Beinkleid trug. Aus welcher Welt sie auch immer zu entstammen vermochte, sie würde ihr Schicksal werden. Denn als Finja emporblickte, hatten sich das Feuer und seine Dämonen mit den ersten Anzeichen des heraufdämmernden Tages in aschenträchtige Luft aufgelöst.

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