Als sie ruckartig aufschreckte, spürte sie sofort etwas Spitzes in ihre Lippe stechen. Unwillkürlich schlug sie um sich, stieß mit ihrem Handrücken gegen etwas Hartes, was daraufhin raschelnd zu Boden fiel. Benommen rieb sich Amira die Augen und bemerkte, dass diese nass waren. Hatte sie während des Schlafens geweint? Sie wischte sich mit ihrer Decke die Tränen weg, was zur Folge hatte, dass ihre Augen anfingen, höllisch zu brennen. Amira kniff ihre Lider zusammen und presste ihre Handballen darauf. Sie verharrte eine Weile in dieser Position und wollte sich gerade wieder die Decke über Kopf ziehen, als ihr ein beißender Geruch in die Nase stieg. Ein Würgreiz staute sich in ihrem Rachen an und Amira musste husten. Sie stützte sich mit einer Hand von der Matratze ab und beugte sich nach vorn. Mit der anderen Hand tastete sie nach ihrem Handy und drückte auf die Einschalt-Taste. Der Bildschirm warf einen grellweißen Lichtstrahl an die Decke und Amira blinzelte ein paar Mal, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Kam es ihr nur so vor, oder waren da weiße Nebelschwaden im Licht zu sehen? Amiras Hals begann zu kratzen, als sie erneut diesen stechenden Geruch bemerkte.
Sie schwang ihre Beine aus dem Bett, schlüpfte mit den Füßen in ihre Pantoffeln, um nicht mit nackten Füßen den Boden zu berühren und ging vorsichtig Richtung Lichtschalter. Sie streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus und begleitet von einem ‚Klack‘ ging das Licht in ihrem Zimmer an. Amira stieß einen spitzen Schrei aus. Die Nebelschwaden waren keine Einbildung gewesen. Sie waberten über den Fußboden und umhüllten ihre Füße. Entsetzt stolperte sie zurück und landete auf ihrem Bett. Sofort zog sie die Füße hoch und blickte sich panisch im Zimmer um. Wo kam der Rauch her? Als sie zur Tür schaute, bemerkte sie, dass der Rauch durch den Türschlitz in ihr Zimmer gesaugt wurde. Der Rauch kam von unten. Amiras Körper begann zu zittern. Feuer, schoss es ihr durch den Kopf. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und holte tief Luft. Sofort spürte sie einen erneuten Hustreiz, den sie jedoch würgend herunterschluckte. Ihre Gedanken rasten. Denk nach, Amira, verdammt! Du weißt, was man in so einer Situation macht. Sie konnte nicht aus dem Fenster klettern, sie wohnte im zweiten Stock. Versammt! Rauch stoppen, Türen und Fenster schließen. Die Feuerwehr rufen, ja verdammt! Die Feuerwehr! Amira schauderte vor Erleichterung. Die Feuerwehrstation war nur ein paar Straßen von ihrem Haus entfernt! Amira kniff sich einmal schmerzhaft mit beiden Händen in ihre Wangen, hustete und griff nach ihrem Handy. Unter dem Nummernfeld leuchtete der Schriftzug ‚NOTRUF‘. Mit zitterndem Finger drückte Amira drauf und tippte sie Nummer 112 ein. Sie hielt das Handy neben ihr Ohr. Mit jedem ‚Tuut‘ was sie hörte, würde sie nervöser. Nach etwa fünf Sekunden meldete sich eine tiefe Männerstimme: „Feuerwehr East Lansing, sprechen Sie.“ Amira verschluckte sich beim Antworten und musste husten. Die Stimme an ihrem Ohr wurde lauter. „Hören Sie mich? Sind Sie in Ordnung? Bitte antworten Sie.“ Amira räusperte sich, ihre Stimme kratzte beim Sprechen. „Hier ist Amira Leto. In meinem Zimmer ist Rauch.“ Sie hustete erneut. „Ich glaube es kommt von unten.“

„Wie alt sind sie, Miss?“
„Siebzehn.“
„Wohnen Sie alleine? Sind ihre Eltern da?“
„Ich bin allein im Haus, meine Ma ist nicht da.“
„Bewahren Sie bitte Ruhe, Miss. Verlassen Sie sofort das Haus, wenn es Ihnen möglich ist. Schließen Sie die Türen und Fenster und pressen Sie sich ein nasses Tuch vor den Mun-„
Amira unterbrach ihn mit schriller Stimme. „Ich wohne nur drei Straßen entfernt, in der Rosewood Ave Nummer neun, kommen Sie einfach schnell her, ich wohne im zweiten Stock!“ Ihre Stimme überschlug sich und sie musste husten.
„Verstanden, Miss.“ Kam es als Antwort. „Stopfen Sie eine Decke vor ihren Türschlitz und öffnen Sie das Fenster. Hängen Sie irgendwas sichtbares über die Fensterbank, damit wir ihr Fenster finden. Wir sind sofort da.“
Amira war nicht sicher, ob er aufgelegt hatte, sie hielt sich das Handy trotzdem weiterhin ans Ohr. Es gab ihr Sicherheit.
Eine Minute später hörte man die Feuerwehrsirene und wiederrum eine Minute später kletterte Amira aus dem Fenster und wurde von zwei kräftigen Armen auf die Feuerwehrleiter gezogen, während drinnen das Feuer gelöscht wurde. Amira bekam nicht mehr mit, wie ihre Mutter nach Hause kam. Sie war, eingehüllt in eine dicke, flauschige Decke, auf dem Beifahrersitz des Feuerwehrautos eingeschlafen.

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