Ich schreckte aus meinem Albtraum auf, die Schreie der verbrennenden Menschen immer noch in den Ohren. Mein Nacken war total verspannt und mein Rücken knackte, als ich mich streckte, bevor ich meinen Computer abschaltete und die Bücher ordentlich auf einen Stapel legte. Mir war, als würde ich Rauch riechen, aber ich tat es als Nachwirkungen des Traumes ab und entschied, dass ich von jetzt an nicht mehr spät abends über Hexenverbrennungen recherchieren würde, auf derartige Träume konnte ich gut verzichten.
Einen Moment überlegte ich, ob ich noch rüber ins Bad gehen und mir die Zähne putzen sollte, aber mit einem Blick auf die Handyuhr – es war kurz vor zwei – entschied ich mich dagegen. Ich war viel zu müde und wollte einfach nur noch ins Bett. Schon im Halbschlaf, schreckte ich allerdings noch mal auf. Hatte ich unten gerade etwas gehört. Ich setzte mich vorsichtig auf und lauschte angespannt in die Dunkelheit. Nichts.
Ich legte mich wieder zurück und versuchte mich zu beruhigen, aber in Anbetracht der Erlebnisse der vergangenen Tage, gelang mir das nicht und außerdem konnte ich das Gefühl nicht loswerden, nicht alleine zu sein. Die Worte des Drohbriefes geisterten durch meinen Kopf, weshalb ich noch mal aufstand und zumindest nach meinen Eltern sehen wollte. Wenn sie überhaupt da waren. Ich blieb, auf halbem Weg durch mein Zimmer, stehen.
Waren sie da? Oder hatten sie wieder einen Termin gehabt und Max oder Miriam zu mir geschickt? Nein, das wäre unlogisch, denn jeder dieser beiden würde in meinem Zimmer schlafen, und sie hätten mich auch nicht einfach am Schreibtisch sitzen lassen, also mussten meine Eltern hier sein. Aber… irgendwie fühlte es sich nicht richtig an.
Langsam stieg in mir ein ungutes, beklemmendes Gefühl auf, und ich hatte das Bedürfnis, dass Licht einzuschalten, da die Schatten mir bedrohlich schienen. Die momentanen Ereignisse zerrten wirklich an meinen Nerven, ich war schon seit Jahren nicht mehr so ängstlich gewesen. Wobei ich, nachdem ich eine Morddrohung erhalten hatte, und andauernd Leute aus meinem Umfeld tot aufgefunden wurden, wohl auch etwas paranoid sein konnte.
Ich überbrückte den kurzen Abstand zu dem Lichtschalter und drückte darauf – aber nichts passierte. Verwirrt drückte ich noch einmal, aber es blieb weiterhin dunkel. Dieses Mal konnte ich es aber nicht auf einen gewitterbedingten Stromausfall schieben, und auch die Ausrede, dass vielleicht einfach nur die Sicherung rausgesprungen war, wirkte eher wie der verzweifelten Versuch einer Erklärung. Jetzt bemerkte ich auch den Rauchgeruch wieder, und er schien stärker geworden zu sein.
Okay, also entweder drehte ich jetzt vollkommen durch, oder es brannte, was bedeutete, dass jemand dieses Feuer absichtlich gelegt haben musste, und ich war mir nicht sicher, welche Möglichkeit mir besser gefiel. Ich lief zu meiner Kommode und suchte, nur mit dem Licht meines Homescreens, nach der Taschenlampe und betete, dass sie noch Batterie hatte. Zu meiner Erleichterung sprang sie nach dem zweiten Versuch tatsächlich an, allerdings währte diese Freude nicht lange, denn sobald ich auf den Boden leuchtete, konnte ich eine dünne Rauchschicht, die unter der Tür hindurch kroch, dem Zimmerboden bedecken sehen.
Mein erster Impuls war es, rauszugehen, meine Eltern zu holen und zu verschwinden, doch dann kamen Zweifel in mir auf. Was war, wenn die Person immer noch im Haus, oder zumindest in der Nähe war, und nur darauf wartete, dass wir raus kamen? Andererseits hatte ich keine Wahl, denn wenn wir hier drin blieben, würden wir vermutlich ersticken. Unschlüssig stand ich, die Hand nach der Türklinke ausgestreckt da, bevor mir einfiel, dass ich erst mal die Feuerwehr rufen, und gegebenenfalls dort nach einem Rat fragen konnte.
Ich griff nach meinem Handy, entsperrte es und stellte genervt fest, dass ich weder Netz, noch WLAN hatte, aber das spielte momentan ja auch keine Rolle. Ich wählte die Nummer und hielt das Handy ans Ohr, aber… nichts passierte. Auch nach zwei weiteren Versuchen erhielt ich keine Reaktion, und der Rauchgeruch wurde von Minute zu Minute stärker. Wie konnte es denn sein, dass ich in genau diesem Moment gar kein Netz hatte?
Beunruhigt öffnete ich die Tür, und auch der Flur war voll Rauch, welcher von unten zu kommen schien. Ich lief zum Schlafzimmer meiner Eltern, aber zu meiner Verwunderung war es leer. Vorsichtshalber suchte ich auch die anderen Räume oben ab, aber es war niemand zu finden. Mein Herz schien sich zusammenzuziehen, nur um kurz darauf in doppelter Geschwindigkeit loszuschlagen. Zögern stieg ich die Treppe hinunter, mein Shirt vor Mund und Nase gepresst, während meine Augen durch den Rauch zu tränen begannen. Mittlerweile konnte ich auch das leise Knistern des Feuers hören, welches eindeutig aus dem Wohnzimmer kam, von welchem ich mich demnach fernhielt.
Ich warf nur kurze Blicke in die Zimmer unten, welche ebenfalls alle leer waren und begann langsam wirklich wütend zu werden. Wie konnten sie es wagen, mich einfach alleine zu lassen? Schon wieder? Als letztes blieben nur noch Küche und Esszimmer, welches eine direkte Verbindung zum Wohnzimmer hatte. Der Küche schenkte ich kaum Beachtung, ich durchquerte sie schnell, trat in Wasser, dass irgendwer verschüttet und nicht weggewischt haben musste – nicht, dass ich durch den Rauch viel sehen konnte, aber ich vermutete es – und stieß dann die Tür zum Esszimmer auf, aus dem mir erst mal ein riesiger Schwall Rauch entgegen kam, woraufhin ich mich hustend abwand.
Ich drehte mich halb um, um die Tür wieder zu schließen, da fiel mein Blick auf den unförmigen, schemenhaften Umriss von etwas, dass auf dem Tisch drapiert war. Obwohl ich vor Rauch kaum noch sehen oder atmen konnte, gewann die Neugier die Oberhand über mich und ich trat etwas näher heran und beleuchtete das Ding. Nur um eine Sekunde später mit einem Aufkeuchen zurück zu weichen und die Taschenlampe fallen zu lassen.
Mein Körper begann unkontrolliert zu Zittern und ich spürte, wie sich ein hysterisches Schluchzen den Weg meine Kehle hinaufbannte, doch ich zwang mich beides zu unterdrücken. Irgendjemand, denn obwohl es aussah, als wäre der Körper von einem Tier zerfetzt worden, deutete diese theatralische Zurschaustellung auf eine Person hin, hatte Max umgebracht, seine Leiche hier deponiert und dann aus irgendeinem Grund das Haus angezündet. Und es war meine Schuld. Weil ich mich nicht an die Anweisungen des Briefes gehalten und zu meinen Eltern gegangen war.
Ich trat zitternd einen weiteren Schritt zurück, bis ich an den Türrahmen stieß und dann schnell die Hand nach der Tür ausstreckte, um diese zu schließen. Irgendwo zwischen Panik und Verzweiflung schaffte ich es trotzdem, mich so weit unter Kontrolle zu halten, dass ich nicht an Ort und Stelle zusammen brach, sondern mir selber immer wieder sagte, dass ich erst mal aus diesem Haus raus kommen musste. Und dann ein funktionierendes Telefon finden.
Trotzdem konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten, was meine ohnehin schon beeinträchtigte Sicht nicht gerade verbesserte, und ich drehte mich schniefend um – und sah mich einem fremden Mädchen gegenüber. Sie stand, nur wenige Schritte entfernt, in der Küche und schien mich anzustarren. Ihr Haar war, soweit ich das erkennen konnte, lockig, aber das war auch schon alles. Irgendwie kam sie mir bekannt vor, aber ich konnte nicht genau sagen, warum.
Ohne ein Wort zu sagen, begann sie, sich mir zu nähern und ich wich unwillkürlich zurück. Ich wusste nicht mal genau, warum, aber irgendetwas an ihr, wirkte auf mich noch bedrohlicher, als das Feuer, und ich war mir schon fast sicher, dass sie sowohl dafür, als auch für Max‘ Tod verantwortlich war. Ich wollte gerade die Hand nach der Türklinke hinter mir ausstrecken, um mich dann umzudrehen und durch den Garten zu fliehen, da machte sie einen Satz nach vorne und presste mich so gegen die Tür, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte.
Obwohl sie ein wenig kleiner war als ich, war sie trotzdem unwahrscheinlich stark; und ohne die geringste Anstrengung warf sie mich, nachdem sie ein wenig zurück getreten war, zu Boden. Dann holte sie aus einer Tasche, die ich erst jetzt bemerkte, eine mit einer stark nach Benzin riechenden Flüssigkeit gefüllte Flasche hervor und begann diese über mir zu leeren. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich dem nicht entziehen können, denn sie hatte mich vollkommen in die Ecke des Raumes getrieben und der einzige Fluchtweg war durch sie versperrt.
In aller Seelenruhe stellte sie die Flasche weg, bevor sie eine Schachtel Streichhölzer raus holte, eines davon anmachte und dann über mich hielt.
„Übrigens, du bist vorhin nicht in Wasser getreten, Sam. Es war Blut. Das Blut deines Freundes. Wenn ich es mir genau überlege, dann war es schon fast langweilig, ihn umzubringen, viel zu einfach. Warum wehrt sich eigentlich keiner von euch?“, sagte sie mit einer überraschend klaren und sanften Stimme, bevor sie mit den Schultern zuckte und das Streichholz fallen ließ.
Ich sah noch, wie ich in Flammen aufging, aber dann kniff ich durch die plötzliche Helligkeit die Augen zu, und als ich sie wieder öffnete, lag ich in meinem Bett, zu Hause, und der Arm einer Person, die nur Max sein konnte, war um meine Taille geschlungen. Nur ein Traum.

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