Anfangs war alles wie immer. Die Dunkelheit, die Angst, die stummen Schreie. Doch dann veränderte sich etwas in meinem Traum. Die Panik, die mich wie immer fast zu ersticken drohte, konzentrierte sich plötzlich nicht mehr auf das undurchdringliche Schwarz, sondern auf ein Licht, das immer näher zu kommen schien. Mein Herz raste wie wild und wollte mich dazu antreiben wegzurennen, doch ich konnte einfach nicht. Ich hatte keine Kraft und ein seltsam kratziges Gefühl im Hals ließ mich husten. Und ich hustete wirklich. Ich war nicht stumm, so wie ich es sonst in meinen Alpträumen war. Diese Tatsache jagte mir irritierenderweise noch mehr Angst ein. Denn auch die Dunkelheit erschien mir mit einem Mal nicht mehr furchteinflößend, sondern schützend. Irgendetwas lief hier eindeutig falsch.
Das Licht kam näher und entpuppte sich als Feuer, heißes, tödliches Feuer. Ich musste hier weg, musste aufwachen. Adrenalin jagte durch meine Adern. Mit letzter Kraft sprintete ich los, weg vom Feuer, hinein ins Schwarz…
Ich riss die Augen auf und fuhr hoch. Ich hörte meinen eigenen, angestrengten Atem und das heftig pulsierende Blut in meinen Ohren. Tief Luft holend, zwang ich mich zur Ruhe. Das war nur ein Alptraum, nur ein weiterer Alptraum, redete ich mir immer wieder ein. Doch ich konnte sogar noch den Rauch in meiner Kehle spüren, das kratzige Gefühl und den herben Geschmack.
Vielleicht brauchte ich nur etwas Wasser. Langsam ließ ich die Beine aus dem Bett gleiten. In der Dunkelheit war kaum etwas zu erkennen. Das Fenster ließ nur spärlich Licht hinein, denn auch der Mond war heute kaum mehr als ein schmaler, gebogener Strich am Himmel. Dennoch schaffte ich es bis zur Tür und schaltete das Licht ein. Nur um im nächsten Moment wie erstarrt auf den Rauch in meinem Zimmer zu blicken. Rauch! So viel Rauch! Er waberte am Boden. Der Teppich war kaum zu sehen. Panisch schaute ich mich um, doch ich konnte nirgends die Quelle entdecken, als es mir dämmerte. Ich trat einen Schritt von der Tür zurück… und tatsächlich. Durch die schmalen Schlitze drang immer mehr von diesem grauen Monster hinein.
Was sollte ich nur tun? Mir war heiß und kalt zugleich. Die Angst aus meinem Alptraum kehrte mit aller Macht zurück. Nur dass das hier kein Traum war. Dieser Rauch war echt. Und er kam von draußen, dem einzigen Weg aus dem Zimmer. Durchs Fenster konnte ich nicht, dafür lag der Raum viel zu weit oben in diesem Gebäude.
Unsicher machte ich einen Schritt vor, die Hand nach der Klinke ausstreckend. Würde mich jemand hören, wenn ich schreie? Zard und Vera hatten gesagt, sie würden heute Nacht auf Patrouille gehen. Auf sie konnte ich also nicht hoffen. War überhaupt jemand anderes im Gebäude? Ich bezweifelte es. Dennoch rief ich nach Hilfe. Innerlich hoffte ich, dass jemand mein Flehen hören würde, aber es tat sich auch nach dem fünften Ruf nichts. Ich hatte also gar keine andere Wahl. Der Rauch wurde immer dichter.
Die Situation überforderte mich. Im Wald wäre das nie geschehen. Dort war ich nie eingesperrt gewesen, denn genau so empfand ich im Moment. Ich war eingesperrt, wie ein Tier in der Falle.
Mir selbst Mut zusprechend ballte ich die Hände für einen Augenblick zur Faust, ehe ich die Klinke hinab drückte und die Tür aufriss. Noch mehr Rauch. Das leise Knistern von Flammen. Ich rannte einfach los, kein Gedanke mehr an die Konsequenzen, blindlings und ohne Orientierung. Wie ein verschrecktes Reh. Ich war so dumm! Doch irgendwie schaffte ich es zu den Treppen, kämpfte mich durch den beißenden Nebel und kam dem Quell des Feuers immer näher. Ich hörte es knistern und brechen und schließlich sah ich es. Wie ein gleißendes Licht versperrten sie mir die Sicht. Meine Augen tränten, meine Kehle fühlte sich an, als würde sie jeden Moment zerreissen. Es war heiß, doch selbst jetzt noch lief ich einfach weiter. Eine innere Stimme trieb mich an den schlagenden Flammen vorbei. Sie züngelten an meinen Beinen und Armen empor, aber ich rannte weiter, bis ich plötzlich im Freien stand. Wie eine Ertrinkende sog ich die Luft in mich. Ich fiel auf die Knie, wagte keinen Blick zurück, denn ich konnte das Feuer noch deutlich spüren. Es griff nach mir, doch ich wusste, nun war ich in Sicherheit. Die Nacht um mich herum schien mich in ihre schützende Dunkelheit zu ziehen. Erschöpft sank ich zu Boden. Nicht einmal husten konnte ich noch. Das Letzte was ich sah, bevor meine Augen sich schlossen, war eine große Gestalt, die sich aus der Finsternis schälte und auf mich zukam. Gefährlich funkelnde Augen. Dann war es dunkel, doch ich spürte eine sanfte Berührung und vernahm die unheilvollen Worte.
„Du hättest besser brennen sollen, mein Engel.“

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