Meine Beine waren wie festgetackert am Boden. Obwohl ich es wollte, konnte ich nicht einen Schritt gehen. Warum waren Mama und Papa ausgerechnet dieses Wochenende in Frankfurt? Weil ich wissen wollte, woher der Rauch kam, griff ich nach der Klinke, um die Tür zu öffnen, doch ich zuckte sofort zurück. Das Metall war heiß, viel zu heiß! Ich könnte fast schwören es rot glimmen zu sehen! Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, zog ich einen Schuh aus und stieß mit dessen Hilfe die Tür auf. Sofort schlug mir eine Hitzewelle entgegen. Es roch nach Glut und der beißende Rauch ließ meine Augen tränen. Scheiße! Es brannte! Auch wenn ich die Tür jetzt wieder geschlossen hatte, stieg die Hitze immer weiter an. Ich musste ganz dringend hier raus. Gerade als ich einen Schritt nach hinten tat, zerbarst das Glas in der Wohnzimmertür mit einem lauten Knall. Geistesgegenwärtig riss ich die Arme vor mein Gesicht und duckte mich. Ich müsste das Wohnzimmer durchqueren, um zur Haustür zu gelangen. Wie sollte ich hier nur jemals hinauskommen? Plötzlich riss mich das klägliche Miauen von Tiffany aus meinen Gedanken! Ich hatte sie ganz vergessen!
„Tiff-tiff, komm zu mir, komm…“, lockte ich sie, war mir aber nicht einmal sicher, woher ihr Maunzen gekommen war. Ich war mit dieser Katze aufgewachsen, wenn sie jetzt verbrannte, bei lebendigem Leib, oh Gott, ich wollte nicht einmal darüber nachdenken! Ich musste sie finden! Natürlich war mir klar, wie dumm ich mich gerade benahm und dass ich eigentlich so schnell wie möglich hier hinaus müsste, doch das Bild meiner kleinen Tiffany wollte nicht von meiner Netzhaut verschwinden. Mit aller Kraft trat ich gegen die ohnehin schon zerstörte Tür, die jetzt sofort nachgab und in sich zusammenfiel. Ich verdeckte mit meinem Ärmel Nase und Mund und hielt mich eng an die Wand gedrückt, während ich den Raum betrat. Die Küche befand sich nur ein paar Schritte neben der Wohnzimmertür. Ich zwang mich darauf zu achten, den Blick von der brennenden Einrichtung abzuwenden und mich nur auf meine Mission zu konzentrieren: Ich wollte Tiff retten und dann am Besten uns beide. Gerade als ich den unwiderstehlichen Drang verspürte, tief Atem zu holen, erreichte ich die Küche. Flammen züngelten bereits am Rahmen nach oben, aber jetzt war ich so weit gekommen, dass ich nicht aufgeben wollte. Mein Tritt blieb diesmal wirkungslos, denn die Tür war völlig verzogen. Erst nach dem ich mich mit aller Kraft gegen das Holz geworfen hatte, schlug sie nach innen auf. Ich hechtete zum Wasserhahn und löschte meinen kohlenden Ärmeln mit einem Zischen. Wieder ertönte das leise Maunzen und diesmal fiel mein Blick auf den Kühlschrank, wo meine Katze Schutz gesucht hatte. Ich streckte die Arme nach ihr aus, obwohl ich weiß, wie sinnlos das ist. Eine ferne Erinnerung an meine Mutter kommt mir in den Sinn. Sie steht mit gebeugtem Rücken vor dem Apfelbaum im Garten, um der Katze eine Zwischenstufe vor dem Boden zu bieten. Ich beschließe, es ihr gleichzutun und bücke mich vor dem Kühlschrank.
„Tiff-Tiff, komm schon, Tiff-Tiff!“, locke ich sie und Tiffany springt. Ich spüre den leichten Ruck als sie auf meinem Rücken landet, greife nach ihr und sie krallt sich in meinen Arm. Sie strampelt und ich lasse sie los. Meine Katze springt auf die Arbeitsplatte vorm Fenster und beginnt am Fenster zu kratzen. Ich öffne es, damit wenigstens sie hinaus kann, doch auf dem Steinsims hält sie an und kommt zu mir zurück.
„Lauf, Tiffany, los!“ Ich gebe ihr einen kleinen Schubs, doch sie faucht und schlägt dann ihre Krallen in meine Hand. Sie scheint mich zu sich ziehen zu wollen und in diesem Moment kommt mir eine Idee. Keine Ahnung, ob es am Drängen meiner Katze liegt oder daran, dass das Feuer inzwischen die Küche erreicht hat, aberich springe auf die Arbeitsplatte und dann auf den Fenstersims. Der kühle Nachtwind weht mir entgegen und der unerwartete Sauerstoff beschert mir einen Hustenanfall. Meine Katze wirft mir einen Blick zu, ihre Augen glimmen im Dunklen, dann springt sie auf den Ast, der sich fast bis zu unserem Fenster erstreckt. Vielleicht habe ich so wirklich eine Chance den Boden zu erreichen. Ich strecke meine Arme danach aus und hangle mich an dem Ast zu dem Baum hinüber. Tatsächlich! Geschafft! Raus aus der brennenden Wohnung. Mir wird plötzlich schwindelig, weil mir jetzt erst bewusst wird, wie knapp das eben war und in der Ferne höre ich Sirenen. Die Nachbarn müssen die Feuerwehr gerufen haben. Meine Kräfte verlassen mich mit einem Mal und ich kann mich nicht mehr festhalten. Während mir schwarz vor Augen wird, spüre ich noch, dass ich falle.

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