Ort 1:
Central Park
„Warst du eigentlich schon mal in einem anderen Land?“, fragte ich Ethan, der hinter mir auf der Couch lag und Fern sah, während ich mir am Tisch sitzend Bilder von Sehenswürdigkeiten andere Länder im Internet ansah.
Er lachte. „Nein, wie sollte ich auch? Ich war mein ganzes Leben nur zu Hause, versteckt. Und du?“
Ich schüttelte den Kopf. „Auch nicht, meine Eltern lassen mich ja kaum aus der Stadt. Aber wenn ich mir was aussuchen könnte, würde ich gerne mal nach New York.“
„New York? Warum das?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, das hat keinen besonderen Grund. Es ist nur, dass so viele davon erzählen, und es ja auch in vielen Filmen vorkommt.“
„Und was würdest du dir angucken wollen?“
„Auf jeden Fall den Central Park.“, antwortete ich.
Ethan runzelte die Stirn. „Warum denn den Central Park?“
„Es ist ein Park. Ein riesiger Park. Und ich liebe die Natur. Außerdem ist er in der Mitte einer Großstadt, wie krass ist das denn bitte?“
„Parks gibt’s hier auch.“, erwiderte Ethan.
Ich seufzte. „Das ist nicht das gleiche. Der Central Park ist berühmt, und außerdem gibt es da total viele Seen und Statuen und Denkmäler und was weiß ich nicht alles. Es gibt Geschichte.“

Ort 2:
Times Square
„Wie du meinst.“, sagte Ethan amüsiert. „Und was sonst noch?“
„Times Square.“
„Oh, wow. Reklame und Menschenmassen.“
Ich warf ihm über die Schulter einen genervten Blick zu. „Dich würde ich sowieso nicht mitnehmen.“
„Okay, okay. Es tut mir leid. Was ist so interessant am Times Square?“
„Für dich vermutlich nichts.“, antwortete ich. „Aber es gibt Menschen, die ‚Reklame‘ und ‚Menschenmassen‘ durchaus interessant finden.“
„Ich hab mich doch entschuldigt.“
„Und gleich machst du dich doch wieder lustig. Du interessierst dich gar nicht dafür, was ich sage oder was mir gefällt.“
Die leisen Stimmen, die aus dem Fernseher ertönt waren, verstummten und ich hörte, wie Ethan zu mir herüber kam. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben mich. „Also, Times Square?“
Ich verdrehte die Augen. „Ich mag es einfach, andere Menschen zu beobachten. Und die Hektik, die dort herrschen muss. Ich meine, klar, es gibt auch Kinos und so’n Kram, aber… Menschen finde ich viel interessanter. Zu Hause sieht man ja immer nur die gleichen. Ich denke, es wäre einfach unbeschreiblich aufregend, so viele Menschen um sich zu haben. Und niemand, der einen kennt.“
„Weiß denn wirklich jeder, wer du bist?“, fragte Ethan.
„Ja.“, antwortete ich. „Und ich weiß, wer jeder andere ist. Mit wem ich reden darf, von wem ich mich fern halten soll. Wen ich mit Respekt begegnen, und wen wie Dreck behandeln kann. Und ständig fühlt man sich beobachtet.“

Ort 3:
High Line Park
„Irgendwann flieg ich mit dir nach New York.“, meinte Ethan und ich warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Oh, tatsächlich? Und wie genau stellst du dir das vor?“
„Das weiß ich noch nicht, aber mir wird schon was einfallen.“, erwiderte er grinsend. „Also, was soll ich mir noch für die City Tour merken?“
„Den High Line Park“
„Noch einen Park?“
„Es ist eine zu einem Park umgebaute, ehemalige Güterzugtrasse.“, verteidigte ich mich.
„Okay, und was ist daran so besonders?“
„Es ist über dem Boden? Praktisch in der Luft? Und das ist cool?“
„Wenn du meinst.“, kommentierte Ethan.
„Du müsstest dir einfach mal die Bilder angucken, dann würdest du das schon verstehen.“, erwiderte ich.
Zur Antwort lachte Ethan nur, und ich schüttelte ergeben den Kopf.

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