Überschrift 1:
Liebling, es könnte spät werden
Verena fand eines Tages ein Post-It mit diesem Wortlaut auf dem Badezimmerspiegel im Haus ihrer Eltern. Der Vater war auf Dienstreise. Also nahm sie den Zettel vom Spiegel, steckte ihn ein. Endlich hatte sie etwas gegen ihre Mutter in der Hand.

Überschrift 2:
Integration im Wasserglas
Irene ließ mehr als die übliche Menge Himbeersirup in das Wasserglas rinnen. Tiefrot zeigte sich der dickliche Saft, in dem jeder Löffel Mühe hätte umzufallen. Dann setzte sie das Glas an die Lippen, nahm einen kräftigen Schluck und fühlte sich wieder besser.

Überschrift 3:
Handbuch für Radikale
Verena führte ein Tagebuch, ein Foto-Logbuch und seit Kurzem auch ein Handbuch für Radikale, in das sie alles Wichtige eintrug, um wieder Meisterin ihres Alltags zu werden. Die Notiz des Tages lautete: Barfuß und im Bademantel zum Briefkasten in den Hof gehen.

Überschrift 4:
Hauptsache nicht Mitte dreißig
„Hauptsache nicht Mitte dreißig“, sagte Verena, als Markus sie fragte, wie alt sie sein wolle, wenn sie fix nach New York übersiedeln wird. Bis dahin fehlten ihr noch einige Jahre. „Deine Chancen stehen gut“, sagte Markus.

Überschrift 5:
Erbliche Überreste
‚Zum Glück kann man Tote nicht erben, sondern nur deren ehemaligen Besitz’, dachte Verena. Sie nippte an ihrem Whisky. An jenem 1. November saß sie mit Markus in der Bar. Und unweigerlich überfiel sie diese Melancholie, die sie aus ihrer Kindheit kannte. Graue Tage, die nie heller wurden als eine Morgendämmerung. Eine Kälte, die in die Knochen kroch und der dazugehörende obligatorische Kirchgang.

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