„Ich weiß noch“, sagt Mike, „dass meine Eltern mich einmal zu einem Jahrmarkt mitgenommen haben. Oder ich sie. Meine Eltern wären nie von selbst auf diese Idee gekommen.“

„Meine Eltern haben mich nie irgendwo hin mitgenommen.“, werfe ich ein.

Es kommt härter heraus, als ich es mir vorgestellt habe. Vielleicht habe ich es nur gesagt, um Mike daran zu erinnern, dass ich auch noch da bin. Wahrscheinlich gönne ich es ihm nicht, dass er sich schon wieder auf meinem Mitgefühl ausruhen will und mir seines nicht gönnt.

Tatsächlich sieht er nur kurz überrascht auf, aber versenkt sich dann wieder in seine Erzählung.

„Weißt du, wie seltsam das für mich war. Überall diese Lichter, wo man mir doch immer sagte, ich dürfe das Licht nicht länger als zwei Minuten an lassen, abends früh ins Bett gehen, meinen Teller im leer essen und nichts wegwerfen. Dieser Jahrmarkt war das Gegenteil von meinem Leben. Mir kam das alles damals unendlich wertvoll vor. Dabei weiß ich heute, dass die Plüschtiere billig und hässlich waren und die Lichter nur dazu da, um uns wie die Motten anzulocken. Ich war so fasziniert von dieser schlechten Musik, weil sie als erste Musik in meinem Leben einen Bass hatte und laut war. Heute weiß ich, dass sie die Musik nur deswegen aufdrehten, damit die Maschinen, die die Menschen im Kreis schleuderten, mit ihren hydraulischen Zischgeräuschen nicht so grausam wirkten.“

„Ja, Mike, das weiß ich auch.“, erwidere ich gereizt, weil ich ihm diese Sentimentalität nicht gönne.

Aber Mike hört mir nicht so, sondern schaut verträumt auf die Vorhänge, als könne er dahinter etwas erahnen, was er vergessen zu haben glaubte.

„Wir hatten schon mehrere Runden gedreht, meine Eltern waren ungeduldig geworden. Sie wollten hier nicht ihr mühsam erspartes Geld ausgeben. Wahrscheinlich sahen sie das ganze auf mit anderen Augen. Aber ich konnte mich nicht stattsehen. Eine Hütte hatte es mir angetan. Es war ein blauer Vorhang mit Sternen davor. Anders als bei den anderen Attraktionen konnte man nicht hineinsehen. Wahrscheinlich wird es das gewesen sein, was mich gereizt hat. Ich konnte noch nicht lesen, aber die Schriften beeindruckten mich, weil sie aus vielen blinkenden Lämpchen zusammengesetzt waren.“

„Wann soll das gewesen sein?“, frage ich ärgerlich.

„Nachdem wir fortgezogen waren.“, erklärt Mike verträumt.

„Mike, du hast mir gesagt, dass du lesen gelernt hast, kurz bevor ihr weggezogen seid.“

„Ich konnte schlecht lesen.“, wischt Mike meinen Widerspruch beiseite.

„Nein. Du hast mir erzählt, du konntest schon mit vier Jahren lesen.“

„Aber schlecht.“, sagt Mike: „Ich konnte die Buchstaben erkennen, aber nicht die Worte. Das verstehst du vielleicht nicht. Jedenfalls…“, fährt er ungerührt fort: „Ich riss mich auf einmal los und ging in diese Hütte hinein. Ich wäre fast über den blauen Vorhang gefallen, aber dann war ich plötzlich in einem Raum, der mir sehr viel größer erschien als die Hütte selbst. Ich stand vor einem Tisch mit einer gläsernen Kugel darauf. Sie schien von sich aus zu leuchten und voller Blitze zu sein. Als ich sie berühren wollte, stand plötzlich eine Frau hinter mir. Es war nicht meine Mutter, die mir nachgerannt war, wie ich im ersten Moment dachte, sondern eine Fremde. Sie war groß, trug ein Kopftuch und hatte die schwarzumrandeten Augen von Lucia. Aber sie war im Gegensatz zu Lucia vollständig bekleidet und trug einen dicken, bestickten Umhang.
‚Gefällt dir meine Kugel?‘, fragte sie mich. Ihre Stimme war der von Lucia sehr ähnlich, nur vielleicht noch ein bisschen voller und dunkler.
Ich nickte atemlos.
‚Soll ich dir ein wenig die Zukunft vorhersagen?‘, fragte sie, während sie um mich herum trat und hinter dem kleinen Tisch Platz nahm.
Wieder nickte ich, unfähig ein Wort hervorzubringen.
Sie berührte die Kugel und an den Stellen, wo ihre Finger sich nieder ließen, war es, als zögen sie die Blitze an sich.
Und dann sagte sie…“, Mike kneift die Augen zusammen, wie wenn er nachdenkt: „Dann sagte sie…“

„Du erzählst mir das doch aus einem Grund“, fahre ich ihn gereizt an, „nicht wahr? Was willst du sie sagen lassen, hä?“

Mike lächelt versonnen den Vorhang an. Strahlen von Abendlicht lassen das Gewebe orange leuchten.

„Sie sagte: ‚Du bist Mike.‘
Und ich wusste nicht sicher, ob es Lucia war, aber woher hätte sie sonst meinen Namen gewusst?
Sie sagte: ‚Einmal kommst du hier raus aus dem Dreck. Einmal schaffst du etwas ganz Großes.‘
Ich sah wie gebannt, wie ihre Finger die Blitze lenkten. Dann war plötzlich auch meine Mutter im Raum. Für einen Moment stand sie still, dann sah sie das Gesicht der Frau, die wahrscheinlich Lucia war und erstarrte.
‚Ach das ist der Grund, warum du hier reinwillst.‘, sagte sie tonlos.
Dann sah sie zu mir herunter.
‚Hören Sie auf, meinen Sohn in Ihre verdorbene Welt zu ziehen.‘, fauchte sie der fremden Lucia entgegen, die in ihrem blauen Kopftuch groß und unnahbar wirkte.
Dann packte sie mich am Arm und schleifte mich hinaus. Der Vorhang streifte schwer meinen Kopf. Das war das letzte, was ich wahrnahm, bevor meine Mutter mich ohrfeigte und meinem Vater hastige, halblaute Worte zu zischelte.
Ich weiß nur noch, dass ich danach todunglücklich war und zugleich berauscht von der Erkenntnis, dass Lucia mir eine Zukunft versprochen hatte, die mich herausführen sollte.“

Mikes Lächeln ist das eines Greisen.

„Mike.“

Er reagiert nicht.

„Mike, ich glaube dir kein Wort. Das ist alles nur Scheiße, die du dir als Rechtfertigung ausdenkst, dass du so ein Arschloch geworden bist. Aber in Wirklichkeit warst du bestimmt schon als Kind ein Arschloch, egal, ob du schon mit vier lesen konntest oder nicht. Das einzige, was ich dir überhaupt glaube, ist die Geschichte mit Lucia und den Frauen aus dem Rotlichtviertel, aber den Mist mit der Wahrsagerin kaufe ich dir nicht ab.“

Mike lächelt immer noch versonnen und lässt die Worte an sich abprallen.

„Mike, du bist ein Arschloch.“

Mike dreht sich um, und sein Gesicht hat wieder das alte Schädellächeln.

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