Als Madame Cassandra ihren Blick auf sie richtete, griff Amira unwillkürlich nach der Hand ihres Mannes, welcher ihre Hand beruhigend drückte. Der Blick der Wahrsagerin fokussierte sich auf die kleine Tochter, welche mit verschränkten Händen und großen Augen auf die Glaskugel starrte. Ein eigenartiger Ausdruck huschte über das Gesicht von Madame Cassandra, während ihr Blick auf dem Kind ruhte. Gerade als Amira etwas sagen wollte, fiel ihr die Wahrsagerin ins Wort: „Ihr Kind hat aber außergewöhnliche Augen. Ein braunes und ein grünes. Sehr hübsch.“ Madame Cassandra lächelte entzückt und blickte zu Amira, welche etwas überrascht aussah. Sie wusste gar nicht, dass ihre Tochter zwei unterschiedlich farbige Augen hat. „Heterochromie.“, sagte sie leise und schaute ihren Mann an. Dieser lächelte jedoch ganz unbekümmert, als wäre die Welt in Ordnung und die Familie würde gerade einen schönen Strandurlaub genießen. Amira wollte ihn gerade auf die Augen ihrer Tochter ansprechen, als ihr die Wahrsagerin erneut das Wort abschnitt. „Sie kann damit Dinge sehen, nicht wahr? Ihre Tochter, meine ich. Sie kann Dinge sehen, die anderen verborgen bleiben.“
Irritiert starrte Amira die Wahrsagerin an. Wovon sprach die bitte?
Plötzlich hörte sie neben sich ein heiteres „Ja“. Ihr Mann hatte geantwortet und auf seinen Lippen lag noch immer dieses sorglose Lächeln. „Ihre Tochter“, fuhr die Wahrsagerin fort, „ist außerdem in der Lage, mit diesen Dingen zu sprechen. Sie unterhält sich mit ihnen, manchmal stundenlang, nicht wahr?“
Erneut antwortete Amiras Mann mit einem „Ja“.
„Manchmal verschwindet ihre Tochter auch spurlos und taucht erst nach einigen Stunden wieder auf. Wenn ihr sie fragt, wo sie war, antwortet sie, dass sie mit diesen Dingen gespielt habe, nicht wahr?“
Ein erneutes „Ja“ von Amiras Mann, begleitet von einem bestätigendem Nicken.
Amira verstand die Welt nicht mehr. Was redete die Frau da? Und wieso um alles in der Welt gab ihr Mann dieser Wahrsagerin recht?
Plötzlich meldete sich das zarte Stimmchen ihrer Tochter zu Wort. „Es stimmt, Mama. Ich sehe sie. Ich kann sie auch hören und ihnen antworten.“ Das kleine Mädchen drehte sich um und blickte ihrer Mutter an. Die Augen des Mädchen waren nicht mehr zweifarbig, sondern beängstigend schwarz. Amira machte erschrocken einen Schritt zurück und bemerkte, dass sie immernoch die Hand ihres Mannes hielt. Dieser schaute sie ebenfalls an, das Lächeln in seinem Gesicht war erstarrt und seine Augen waren ebenfalls schwarz. Amira erschauderte und wollte sich losreißen, doch ihr Mann hielt ihre Hand eisern umklammert. Sie zerrte und schüttelte, doch sie kam einfach nicht los. Aus dem Hintergrund hörte sie die Stimme ihrer Tochter. „Sie reden auch über dich, Mama. Sie sagen, wie nutzlos du doch bist und dass es keinen Unterschied macht, ob du lebst oder tot bist.“ Amira kniff die Augen zusammen und riss an ihrer Hand. Sei still, flehte sie innerlich, sei einfach still. Ihr Handgelenk schmerzte und ihre Finger wurden schmerzhaft zusammengepresst. „Sei still!“ schrie sie und völlig unerwartet ließ ihr Mann ihre Hand los und Amira stolperte nach hinten. Sie schrie erschrocken auf und öffnete ruckartig die Augen.

Um sie herum war es dunkel. Sie lag auf dem Rücken und ihr war eiskalt, obwohl sie schwitzte. Kein Wunder, dass ihr kalt war, ihre Decke lag auch meilenweit von ihr entfernt. Moment, ihre Decke?
Amira tastete mit ihrer rechten Hand umher und bekam einen kalten, flachen Gegenstand zu fassen. Ihr Handy, dachte sie. Sie drückte einen Knopf und ein grelles Licht brannte in ihren Augen. Scheiße, dachte sie und kniff die Augen zusammen. Sie blinzelte gegen das Licht und erkannte eine Uhrzeit auf dem Screen flimmern. 04:37 Uhr.
Sie legte das Handy zurück und schloss die Augen. Nach Albträumen konnte sie immer so schlecht wieder einschlafen. Verdammt.

Pin It on Pinterest

Share This