Verena und Markus blieben ruhig sitzen. Der kleine Vincent rutschte auf seinem Sessel hin und her.
„Bleib ruhig“, fauchte Verena.
„Kann ich nicht. Der Sessel ist so heiß“, wimmerte Vincent.
Madame Cassandra lächelte.
„Das bildest du dir bloß ein. Lass mal fühlen“, sagte Markus.
Er hob Vincent hoch und legte seine Hand auf den Stuhl.
„Siehst du, da ist nichts.“
Madame Cassandra lächelte.
„Ich habe euch drei erwartet.“
Verena zupfte an ihren Augenbrauen. Markus sah auf die Uhr. Nur Vincent sah der Madame in die Augen. Strahlend blau und ungetrübt blickten sie gleichzeitig auf ihn und durch ihn hindurch.
„Du wirst ein großartiges Leben haben“, flüsterte sie in Vincents Ohr.
„Schade, dass es nur ganz kurz währen wird“, sagte Madame weiter.
„Ich hör mir diesen Unfug nicht länger an. Kommt, wir gehen.“
Verena sprang auf, nahm Vincent bei der Hand und ging aus dem Zelt.
Markus blieb sitzen.
„Du bist wohl durch nichts zu erschüttern.“
„Nein. Ich glaube nicht an Scharlatanerie“, sagte Markus.
„Du wirst schon sehen. In fünfzehn Jahren werden dir diese Minuten hier durch dein Gedächtnis widerhallen.“
Markus stand nun auf und neigte seinen Kopf zu Madame Cassandra.
„Hören Sie auf, Menschen Angst zu machen.“
„Aber darum geht es doch. Um die Angst, die Angst vor dem Tod“ sagte sie mit lauter Stimme.
Sie warf ihr weiß gelocktes Haar nach hinten und zeigte beim Lachen ihre überkronten und vergoldeten Zähne.
„In fünfzehn Jahren werde ich wiederkommen und Ihnen Handschellen anlegen lassen. Bis dahin habe ich genug Beweise, dass und wie Sie Menschen in ihr Unglück treiben.“
Mit diesen Worten verließ Markus das Zelt.
Madame Cassandra sah erneut in die Glaskugel und verdrehte ihre strahlend blauen Augen.
„Die Zukunft ist jetzt“, sagte sie.

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