Wir schlenderten langsam über den alljährlichen Jahrmarkt, der selbst jetzt immer noch nicht daran scheiterte, mich zu faszinieren. Auch Fran schien begeistert, sie sah sich die ganze Zeit über mit weit aufgerissenen Augen um und blieb immer wieder stehen, um etwas staunend anzustarren. Da schien etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, denn sie begann ungeduldig an meiner Hand zu zerren und deutete auf eine etwas kleinere Bude, die aussah, als wäre sie nur schnell aus zufällig herumliegenden Holzbrettern zusammen gezimmert worden. Ich warf Ethan einen fragenden Blick zu, doch er zuckte nur mit den Schultern und wir näherten uns der Bude.
„Madame Cassandra?“, las ich von einem schief über der Tür hängenden Holzschild, welches mit kleinen Lämpchen verziert war, vor. „Eine Wahrsagerin?“ Meinen abschätzigen Ton ignorierend, zog Fran mich weiter in den Eingang hinein, und Ethan folgte uns ebenfalls.
Obwohl ich mittlerweile schon einige unglaubliche und merkwürdige Dinge erlebt hatte, konnte ich es nicht verhindern, dass mich der Anblick im Inneren in Staunen versetzte. Der Raum wirkte viel größer, und die hölzernen Wände waren mit lilafarbenen Tüchern verhängt, so dass es fast wirkte, als befände man sich in einem Zelt. Die einzigen Lichtquellen waren zwei eiserne, verzierte Kerzenständer.
In der Mitte des Raumes befand sich ein elegant aussehender Tisch, vor welchem drei Stühle standen, zwei normale, und dazwischen ein kleinerer. Dieser Anblick erfüllte ich mit einem unguten Gefühl, und ein Blick zu Ethan zeigte mir, dass es ihm ähnlich ging, aber Fran war so begeistert, dass ich auch nicht einfach wieder hinaus gehen konnte, als setzten wir uns.
In genau diesem Moment trat hinter einem dunkellilanem Vorhang, welcher mit winzigen, glitzernden Sternchen geschmückt war, eine Frau hervor. Sie wirkte alt, obwohl ich ihr Alter anhand ihres Gesichtes nicht hätte bestimme können. Ihr Haar war unter einem, ebenfalls lilafarbenen, Tuch versteckt, und auch ihr Kleid passte sich dem Farbschema an. Sie nickte uns zu, bevor sie sich als „Madame Cassandra“ vorstellte und sich uns gegenüber auf einem Stuhl niederließ.
Die Glaskugel, welche vor ihr auf dem Tisch stand, beachtete sie kaum, und musterte stattdessen jeden von uns genau. Der Blick aus ihren dunklen, fast schwarz wirkenden Augen war durchdringend und ich fühlte mich, als könnte sie direkt in meine Seele sehen. Das wissende, kaum wahrnehmbare Nicken, als ihr Blick von mir zu Ethan, und dann schließlich zu Fran wanderte, verstärkte diesen Eindruck nur, und ich griff unwillkürlich nach der Hand meiner Tochter.
Da änderte sich ihr Blick plötzlich. Zuerst schien sie nur verwundert, dann verwirrt und schließlich vollkommen entsetzt. Madame Cassandra erhob sie zitternd von ihrem Stuhl und wich zurück, den Blick weiterhin auf Fran gerichtet, welche die Frau besorgt musterte.
„Hab ich was falsch gemacht?“, flüsterte sie, doch ich schüttelte nur den Kopf und strich ihr über ihr Haar. „Nein, es ist alles gut. Das ist bestimmt nur Show, so was machen diese Leute, um andere Menschen zu beunruhigen. Geh doch schon mal mit Papa raus und guckt euch den Jahrmarkt weiter an, ich komme sofort nach, okay?“
Fran nickte und sprang mit vor Aufregung glitzernden Augen sofort auf; Ethan warf mir einen unsicheren Blick zu, bevor er ihr hinaus folgte. Ich hatte mich ebenfalls erhoben, und durchbohrte die Wahrsagerin mit meinem wütenden Blick. „Sie haben besser einen guten Grund dafür, meine Tochter, meinen Mann und mich so zu beunruhigen.“
Ihr Blick wanderte zögern zu mir, aber sie schien mich nicht wirklich fokussieren zu können, als würde sie durch etwas anderes hindurch sehen müssen.
„Sie müssen vorsichtig sein.“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang vor Angst ganz brüchig. „Es wird etwas Schreckliches passieren.“
„Was denn? Und wem? Fran? Passiert ihr etwas?“
Die Wahrsagerin schüttelte nur ihren Kopf. „Nein, es ist… nicht ihr passiert etwas Schreckliches, sondern wegen ihr…“
Ich starrte sie verwirrt an. „Fran ist fünf, welche Gefahr kann eine fünfjährige schon für die Welt sein?“
„Nicht jetzt… später. Oh Gott, da ist so viel Blut und Leichen und… Feuer. Alles brennt. Alles ist zerstört. So viel Leid und… sie steht inmitten des Chaos, aber… es scheint sie nicht zu stören. Sie lacht. Es ist ihr Werk.“
Mein Herz scheint sich in meiner Brust zusammen zu ziehen und ich schüttele nur ungläubig den Kopf. „So ein Schwachsinn.“
Mit diesen Worten drehe ich mich um und trete wütend und aufgewühlt aus der Bude. Draußen angekommen werde ich schon von Fran und Ethan, der mich fragend ansieht, erwartet.
„Nichts wichtiges, nur irgendein sinnloses, verwirrtes Gerede von schrecklichen Dingen, die angeblich geschehen werden.“, erklärte ich, und signalisierte ihm, dass ich es ihm später, wenn Fran außer Hörweite war, genauer erzählen würde.
Obwohl ich der Vorhersage von Madame Cassandra keinen Glauben schenken wollte und mir auch nicht vorstellen konnte, wie Fran jemals etwas Derartiges verursachen sollte, konnte ich es nicht verhindern, dass mir den ganzen restlichen Abend über die Zweifel und Besorgnis über ihre Worte wie ein Schatten folgten.

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