Wie oft hatte sie den Blick in den Himmel gerichtet? Wie oft hatte sie die Sterne betrachtet, bis ihr Nacken steif war? Wie oft hatte sie sich gefragt, ob es dort oben eine Endlichkeit gibt?
Wenn sie so darüber nachdachte … Nie.
Sie hatte sich nie diese Frage gestellt. Sie hatte nachts Besseres zu tun, als millionen verglühende Gaskörper anzustarren und sich über ihr Schicksal und philosophische Weltfragen, Gedanken zu machen. Anstatt sich im Interstellaren Raum zu verlieren, verlor sie sich lieber in ihren Büchern. Und dieser Zustand war so beständig wie die Existenz der Sterne selbst.

_______________________________________

„Verdammte Töle!“ schimpfte Amira und zerrte wütend an der Leine. „Jetzt komm endlich! Musst du wirklich jeden verdammten Busch beschnüffeln?!“ Amira schnaubte genervt und war im selben Moment sauer auf sich, weil sie mit einem reudigen Köter redete, dessen Lebensziel anscheinend darin bestand, jeden einzelnen Busch auf diesem Planeten zu beschnüffeln. Endlich ließ der Hund von dem Busch ab und tappte weiter. Amira setzte sich ebenfalls in Bewegung und fluchte leise vor sich hin.
Sie war übers Wochenende zu ihrer Tante aufs Land gezogen und hatte die ehrenvolle Aufgabe bekommen, mit Tantchens geliebtem Hundilein Susi, Gassi zu gehen. Ja, genau SO hatte sie sich ein erholsames Wochenende vorgestellt. Toll, wirklich sehr erholsam! Es gibt doch wirklich nichts Schöneres, als auf einen haarigen Flohfänger aufzupassen!
Amira wurde ruckartig aus ihrem sarkastischen Selbstmitleid gerissen, als Susi sie zum nächsten Busch zerrte. „Verdammt, NEIN, Susi! Bleib stehen! Das ist ein Busch wie jeder andere, Gottverdammt!!“
Als hätte Susi Amira verstanden, blieb sie stehen und kauerte sich zusammen. Ein leises Fiepen wie bei einem Hundewelpen drang aus ihrem Maul. Amira musterte die Hündin verwundert und hockte sich neben sie. „Ey, was denn los? Hast du Angst?“ Irgendwie tat ihr der Hund jetzt leid. Amira hob langsam die Hand, um den Kopf des Tieres zu tätscheln, als der Boden unter ihr erzitterte. Er vibrierte förmlich und über ihrem Kopf hörte sie ein lautes Dröhnen, welches ihr Körperinneres erzittern ließ. Amira wurde von den Füßen gerissen und Susi stieß ein gequältes Jaulen aus. Der Himmel über den beiden verfinsterte sich schlagartig und tauchte die Umgebung in ein tristes Schattenland. Das Beben verstärkte sich und Amira faltete schützend die Arme über ihrem Kopf zusammen. Susis Gejaule hatte sich in ein wolfsartiges Heulen verwandelt, als wollte sie dem dröhnenden Himmel antworten.
Plötzlich brach alles ab. Das Beben, das Dröhnen, und auch der Hund verstummte. Amira nahm langsam ihre Arme vom Kopf und richtete ihren Blick gen Himmel. Sie sah eine Scheibe. Eine schwarze Scheibe, welche mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den Erdboden zuraste. Helle Lichter umgaben sie und der Himmel schien zu erzittern. Trotzdem war alles still. Nirgends war ein Geräusch zu hören. Als hätte jemand den Lautsprecher auf das Minimum gedreht. Amira legte sich automatisch die Hände auf die Ohren und starrte die fallende Scheibe an. Sie würde aufprallen. In ein paar Sekunden. Eine kleine Stimme in Amira riet ihr, sich in Sicherheit zu bringen. Doch Amira rührte sich nicht. Sie saß am Rand des Schotterweges und starrte in den Himmel. Die Scheibe war kurz vor dem Erdboben. Noch fünf Sekunden … Amira schluckte. Noch vier Sekunden. Susi begann erneut zu Fiepen. Amira streckte unwillkürlich die Hand aus und streichelte den Kopf des Tieres. Noch drei Sekunden … Die innere Stimme in Amira begann zu schreien. Noch zwei Sekunden … Amira nahm die Hand vom Kopf der Hündin und legte sie erneut an ihr Ohr. Eine Sekunde …

Kurz vor dem Aufprall verlor sie das Bewusstsein. Sie spürte nicht, dass Erzittern der Erde, die gigantische Druckwelle und die Wand aus aufgewirbeltem Staub. Sie bemerkte nicht, wie Susi sich losriss und fortrannte. Eine Staubschicht legte sich über Amira und deckte sie zu.

Etwas eine Stunde später öffnete sie die Augen. An ihrem Bauch vibrierte etwas. Sie blinzelte benommen und wollte sich aufsetzen, als ein stechender Schmerz ihren Körper durchzuckte. Sie stöhnte gequält auf und fasste auf ihren Bauch. Sie spürte das Vibrieren unter dem Stoff ihrer Jacke, fasste in die Tasche und zog ihr Handy heraus. Ihre Tante rief sie an. Bevor sie den Anruf richtig realisieren, geschweige denn, antworten konnte, hatte ihre Tante aufgelegt. Amira ließ ihr Handy zurück in die Tasche gleiten. Ihr fiel der viele Staub auf, der an ihr klebte. Plötzlich vernahm sie neben sich ein leises Hecheln. Sie drehte vorsichtig den Kopf, um sich nicht unnötig Schmerzen zu bereiten und blickte in die großen braunen Augen von Susi, die Amira schwanzwedelnd begrüßte. Sie hustete. „Klar, dir geht’s natürlich wieder blendend.“ Susi leckte als Antwort liebevoll über Amiras Wange. Amira war wollte es zwar nicht zugeben, aber sie freute sich die Hündin zu sehen. Vorsichtig stützte sie sich ab und stand auf. Langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Eine fallende schwarze Scheibe erschien vor ihrem geistigen Auge. „Was ist nur passiert, Susi?“, fragte Amira, mehr sich selbst, als den Hund. Susi antwortete ihr trotzdem mit einem empörten Bellen und lief los. Amira hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten.
Eine halbe Stunde später standen sie auf einem Feld. In einem gigantischen Krater. Vor ihnen lag ein Wrack. Zumindest hielt Amira es für eines. Die Trümmer waren schwarz. An einzelnen Stellen flackerte ein Licht auf und überall stieg Rauch auf. An vereinzelten Stellen hatte das Feld Feuer gefangen. Amira stand da, nicht in der Lage sich zu bewegen. Es erschien ihr wie ein Traum. Die Realität verschwamm vor ihren Augen.
„Was zum Teufel ist das, Susi?“ Diesmal war die Frage wirklich an den Hund gerichtet.

Pin It on Pinterest

Share This