Kann man eine Liebe verlieren? Oder bleibt sie unsterblich? Die Zuneigung, die Kai zu Nora empfand, war nicht unter der eingestürzten Kathedrale begraben. Er spürte ein sanftes Vibrieren in seinem Herzen. An Rache dachte er nicht. Noch nicht. Jene Instinkte kommen erst dann hervor, wenn die erste Trauer bewältigt ist. Doch war es nicht so weit. Er hatte noch keinen Grund zu trauern. Und musste auch Leonidas finden. Der Kleine war davongelaufen, als der erste Balken splitterte.
Kai beugte sich zu Xyon. Der Hund wedelte mit dem Schweif.
„Such Leonidas für mich“, sagte er und gab seinem Gefährten einen Klaps auf den Rücken.
„Du weißt, wo du mich findest.“
Der Hund stob davon und Kai ging zurück zum gestern eingestürzten Gebäude. Er nahm den Sensor aus seiner Hosentasche und stellte ihn auf „on“. Das blaue Licht blinkte in kurzen Abständen.
„Ich komme schon“, sagte Kai und blickte ins Innere der Trümmer.
Er hörte Steine rollen und Holz knacken. Der Berg aus Ziegeln und Gebälk setzte sich erneut in Bewegung, wenn auch nur unmerklich. Kai starrte wieder auf den Sensor. Ein zartes rotes Pünktchen war hinzugekommen.
„Ich sehe dich“, flüsterte er.
In dem Moment fiel ein Holzbalken vor seine Füße. Die Steine darunter bewegten sich ein wenig. Und jene dahinter bildeten einen auf ihn zukommenden Strom.
Kai drehte sich um und lief. Erst als er beim Ahornbaum ankam, blieb er für einen tiefen Atemzug stehen. Der Sensor war nun grau. Langsam steckte er ihn zurück in die Tasche. Eine Träne floss aus seinem linken Auge. Den Rücken an den Baum gelehnt glitt er zu Boden.

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