Ehrfürchtig trat ich in die kühle Eingangshalle und ließ die Stille auf mich wirken. Die Wände waren mit Hieroglyphen und Säulen verziert, zwischen welchen in Schaukästen verschiedenste, zum Großteil vergoldete, Ausstellungsstücke thronten. Es war nur schwach beleuchtet, was die geheimnisvolle, geradezu mystische Atmosphäre nur verstärkte, und auf Grund der Tageszeit war nicht allzu viel los.
Ich ging langsam durch die Halle, sah mir alles genau an und las die dazu gehörigen Informationsschilder. Wenn ich schon Ärger bekommen würde, weil ich es gewagt hatte, nach der Schule nicht zum Ballett, sondern in die ägyptische Ausstellung ging, dann sollte es sich zumindest lohnen.
Neben der Tür, die zu dem Raum mit dem Sarkophag fühlte, hing ein Hinweisschild, auf dem darum gebeten wurde, nicht zu versuchen hinter die Absperrung zu kommen und sich dem Sarg zu nähern, da sich immer noch Spuren von alten Viren oder Pilzen daran befinden könnten. Schulterzuckend ging ich weiter und fragte mich, warum es überhaupt Leute gab, die den Sinn von Absperrungen nicht verstanden.
Auch hier wollte ich mir alles genau ansehen, als plötzlich das Hauptlicht ausging. Verwirrt sah ich mich um, aber es war niemand anderes zu sehen. Ob das Museum schon zu hatte? Ich wollte auf meinem Handy nach der Uhrzeit sehen, aber anscheinend hatte der Akku den Schultag nicht überstanden und es war aus, weshalb ich ein wenig hilflos und verloren inmitten alter Artefakte, in einer nur notdürftig beleuchteten Halle, nur eine Mumie als Gesellschaft, stand.
Da hörte ich in der Ferne das Klirren von Schlüsseln und Schritte, die sich näherten. Zuerst war ich erleichtert, anscheinend gab es Wachpersonal, das aufpasste, dass niemand eingeschlossen wurde, aber dann ergriffen mich Zweifel. Was war, wenn die Person mir nicht glaubte, dass ich aus Versehen eingeschlossen wurde, weil ich mein Zeitgefühl vollkommen verloren hatte? Was war, wenn man mir vorwerfen würde, mich absichtlich hier her geschlichen und versteckt zu haben, um die Nacht hier zu verbringen oder gar was zu stehlen? Und wenn dann die Polizei gerufen würde? Meine Eltern würden mich umbringen, und spätestens morgen wüsste es die ganze Stadt.
Die Schritte kamen immer näher, und ich sah mich hektisch nach einem Versteck um, doch die einzige Möglichkeit, die sich mir bot, war der Sarg. Ich lugte um die Ecke und sah, wie der Wachmann gerade in einem anderen Raum verschwand, bevor ich schnell über die Absperrung kletterte und vorsichtig in den Sarkophag schaute. Jetzt verstand ich auch, warum die Menschen nicht zu nah heran kommen sollten. Der Flyer erzählte lügen, hier war gar keine Mumie; der Sarg war leer.
Obwohl es verständlich und nachvollziehbar war, wäre ich zu jedem anderen Zeitpunkt wahrscheinlich verärgert gewesen, doch in diesem Moment hatte ich keine Zeit dafür. Ich hörte bereits, wie der Wachmann sich wieder auf diesen Raum zu bewegte, weshalb ich, ohne noch weiter darüber nachzudenken, in den Sarg kletterte ich mich dann an die Wand presste. Während der ganzen Zeit, in der der Wachmann durch den Raum lief, hielt ich die Luft an und bewegte mich keinen Millimeter, bis er endlich wieder raus ging.
Ich wartete noch einen Moment, bevor ich wieder aus dem Sarg kletterte und so leise und unauffällig wie möglich zum Eingang schlich. Allerdings hatte ich dabei nicht beachtet, dass das Museum geschlossen hatte, weshalb auch die Eingangstür zu war. Da hörte ich das mir schon bekannte Klirren der Schlüssel wieder, und eine männliche Stimme die fragte, ob da jemand wäre.
Wieder sah ich mich nach einem Versteck um, ich würde deutlich lieber in der Nähe des Eingangs bleiben, aber es war so karg dekoriert, dass meine einzige Möglichkeit auch weiterhin der Sarkophag war. Also schlich ich wieder zurück und legte mich in die kalte, unbequeme Steinbox.
Nach einiger Zeit – ich vermutete, dass mindestens zwei Stunden vergangen sein mussten, da der Wachmann zwei weitere Male die Räume gecheckt hatte – begannen meine Augen und auch meine nackten Arme unglaublich zu jucken und zu brennen. Zuerst tat ich es als Einbildung ab, dann versuchte ich es auf den Staub zu schieben, aber als meine Augen schließlich richtig zu Tränen anfingen und auch mein Hals total gereizt war, so dass ich durchgehend das Bedürfnis hatte, zu husten, fing ich an, mir Sorgen zu machen.
Was war, wenn ich wirklich mit irgendwelchen Viren oder Pilzen in Berührung gekommen war und jetzt krank wurde? Aber andererseits konnte ich jetzt noch weniger weg, als zuvor. Jetzt würde mir niemand mehr meine Geschichte glauben, also hatte ich keine Wahl, als es einfach auszuhalten und zu hoffen, dass ich nicht sterben würde.

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