Amira zuckte ruckartig zusammen, als über ihr das Licht erlosch. Von einer Sekunde auf die andere war es stockfinster. Amira verharrte in ihrer geduckten Haltung und ihre Augen suchten panisch die Dunkelheit ab. Probehalber schloss sie die Augen und öffnete sie wieder. Kurioserweise war es dunkler, wenn sie die Augen geöffnet hatte.
Da ihr Handyakku vor einer halben Stunde des Geist aufgegeben hatte, konnte sie auch nicht die Taschenlampenfunktion ihres Handys benutzen. Toll, dachte Amira. Da wäre diese blöde Funktion endlich mal von Nutzen gewesen und jetzt das.

Es war seltsam. Irgendwie verspürte sie nicht die geringste Angst. Es war, als wäre sie von einem schweren schwarzen Mantel umschlossen, der sie schützte. Die Dunkelheit war ihr schon als Kind nie bedrohlich erschienen.
Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und tastete sich vorsichtig an der Wand entlang. Nach ein paar Minuten leuchtete ihr aus der Ferne ein grünes Notausgangsschild entgegen. Amira beschleunigte ihren Schritt und eilte auf das grellgrüne Licht zu. Als sie direkt unter dem flackerndem Schild stand, holte Amira den Flyer hervor, den sie an der Kasse erhalten hatte. Auf der Rückseite war der Umriss des Museums und die verschiedenen Stockwerke verzeichnet. Sie befand sich im ersten Untergeschoss. Vermutlich hielt es die Museumsverwaltung für eine großartige Idee, die Ausstellung der Ausgrabungsstätte in den Keller zu verfrachten. Da passte wenigstens die Atmosphäre. Amira versuchte ihren Standpunkt auszumachen. Es gab drei Notausgänge. Einer bei dem Pharaonengrab, einer neben der Treppe und einer neben dem Personalraum. Da Amira weder an der Treppe noch am Grab des Pharaos war, konnte sie nur neben dem Personalraum sein. Wenn sie zur Treppe wollte, musste sie den Gang weitergehen, nach links abbiegen und die Halle durchqueren. War doch ganz leicht. Amira lief los und wünschte sich insgeheim, sie könnte das Notausgangsschild mitnehmen. Dann hätte sie wenigstens etwas Licht. Aber es ging nunmal nicht anders.
Während sie sich durch die Dunkelheit tastete, schwirrten ihr die seltsamsten Gedanken durch den Kopf. Gab es hier eine Alarmanlage? Wenn nicht, dann musste es hier doch einen Nachtwächter geben, oder? Amira dachte an den Film „Nachts im Museum“. Da erwachten alle Ausstellungsstücke zum Leben. Amira blieb unvermittelt stehen und horchte in die Dunkelheit. Da! Da war doch ein Poltern gewesen, oder? Amira spitze die Ohren. Nein, Fehlalarm. Außer dem Blut, was durch ihren Kopf rauschte, konnte sie absolut nichts hören. Ein wenig enttäuscht lief sie weiter. Da war sie nun einmal nachts in einem Museum eingeschlossen und es passierte absolut nichts Spannendes. Es war fast langweiliger als tagsüber. Apropos eingeschlossen… Amira hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wie sie hier wieder rauskommen sollte. Der Haupteingang war zu, ebenso die Notausgänge. Das wusste Amira aus einem Buch. Es sei denn, es waren moderne Notausgänge, die nur von innen aufgingen. In diesem Fall wäre es einfach nach draußen zu gelangen. Amira blieb erneut stehen. Jetzt hatte sie die Wahl. Sie konnte einfach gehen, sie konnte sich ein wenig umschauen, was sich bei dieser Beleuchtung aber nicht besonders lohnte, oder sie konnte sich hinter den Tresen am Eingang setzten und im Museum übernachten. Die Reaktion desjenigen, der sie am nächsten Morgen finden würde, wäre sicherlich unbezahlbar. Vielleicht konnte sie das Museum auch verklagen, wegen den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Wenn sie den Hauptenergieschalter finden würde, könnte sie sich Licht machen und das Museum in vollen Zügen genießen, ohne die Anwesenheit von anderen Menschen. Wann hatte man schonmal die Gelegenheit dazu? Mann, es gab so viele Möglichkeiten und jede war vielversprechend. Vielleicht erwachte ja doch noch ein Ausstellungsstück zum Leben. Amira tippte auf den Pharao. Auch, wenn sie Mumien eigentlich nicht ausstehen konnte.
Ja, all diese Möglichkeiten standen ihr offen. Sie entschied sich letzendlich für die Einfachtse. Sie verließ das Museum durch den nächsten Notausgang, stieg in den letzten Bus und fuhr nach Hause. Was für eine spannende Nacht im Museum.

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