Sie kauert in einer schüchternen Haltung am Tisch, als wäre sie bei einer völlig Fremden. Genauso, wie ich es wahrscheinlich getan hätte, wenn ich sie wäre. Ihre Gestik erscheint mir wie ein Spiegel, so dass ich plötzlich auch nervös werde.

„Nimm dir ruhig.“, sage ich.

Sie holt ein Brötchen aus dem Korb, schneidet es auf, schmiert mit zittrigen Händen Butter und Honig darauf und beißt hinein. Nach ein paar Minuten frage ich: „Was führt dich her?“

Hinter dem Brötchen zeigt sich flüchtig ein Gesicht. Sie lächelt breit und etwas unbeholfen: „Mum ist tot. Und Dad auch. Die Briefe vom Amt kamen immer wieder zurück, also hab ich irgendwann gedacht, ich geh dich suchen und sag es dir persönlich.“

Ich lasse die Hand auf dem Weg zum Brötchenkorb sinken.

„Wirklich? Was ist denn passiert?“, frage ich, blass.

„Tu doch nicht so geschockt.“ Hinter dem Brötchen erscheint wieder das Grinsen. Mein Grinsen, an einer völlig Fremden.

„Tu du doch nicht so, als würde dich das freuen.“, schreie ich.

„Tu du doch nicht so, als würde dich das wirklich mitnehmen.“, antwortet sie. Brösel spritzen, als sie in das Brötchen beißt.

„Was ist denn passiert?“ Ich wende mich von ihr ab, ihre Ruhe macht mich wütend.

„Nichts… Ganz friedlich alles. Mum hat ihm einfach abends sein Beruhigungsmittel gegeben. Nur vielleicht ein bisschen zu viel. Dann hat sie es selber auch genommen. Vielleicht war sie nervös. Auf jeden Fall, am nächsten Morgen: Beide tot. Ich bekomme den Anruf als erste, weil ich sie bei mir ja wissen, wo ich wohne. Dich haben sie ja nicht erreicht. Keiner weiß, wo du steckst. Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

„Beide tot?“, wiederhole ich schockiert.

„Ja.“, sagt sie: „Na gut, ich gebe zu, am Anfang war ich auch mehr so wie du. Aber mittlerweile denke ich, dass es vielleicht das beste gewesen sein könnte.“

Sie wird auf einmal ganz ruhig und verträumt.

„Weißt du noch, wie wie als Kinder immer diese billigen instant Nudelsuppen gegessen haben, wenn Mama und Papa wieder nicht da waren?“, fragt sie:
„Die Suppen waren in einer Tüte eingeschweißt und in der Tüte waren wiederum kleine Tüten mit Gewürzen, Geschmacksverstärkern und Gemüseextrakt. Wir haben dann so getan, als würden wir kochen. Eine hat immer die Mama gespielt, die Tütchen aufgemacht und ins heiße Wasser geworfen. Die andere war das Kind und hat es kommentiert: Das da sind die Nudeln, das das ist das Curry, das das ist Lecker.
So nannten wir das Glutamat in dem einen Tütchen, weißt du noch?
Diese weißen, kleinen Kristalle haben wir uns manchmal gegenseitig aus der Hand geleckt, wenn wir gespielt haben, dass wir Ziegen seien, die Salz bräuchten.“

Sie beißt in ihr Brot, als habe sie lange nichts ordentliches mehr gegessen:
„Eigentlich waren wir die meiste Zeit unsere eigenen Eltern, meinst du nicht auch?“

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