Es brachte einfach nichts. Sie konnte sich so lange im Bett wälzen, wie sie wollte. An Einschlafen war nicht mehr zu denken. Amira wusste, dass ihre Schwester eine Frühaufsteherin war und vermutlich bereits Frühstück machte. Sie war in so vielen Dingen komplett anders als Amira. Das Einzige, was beide gemeinsam hatten, war ihr Aussehen. Amira seufte genervt und rappelte sich auf. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und schlurfte im Schlafanzug die Treppe runter in die Küche. Auf dem Weg dorthin stieg ihr bereits der Duft von frischen Brötchen in die Nase. Beim Bäcker war sie also auch noch, dachte Amira und rollte mit den Augen. Als sie die Küche betrat, stand ihre Schwester mit dem Rücken zu ihr am Herd und brutzelte Schinken in einer Pfanne. Sie drehte sich nicht zu Amira um, als diese sich an den Tisch setzte, trotzdem begrüßte sie Amira mit einem heiteren „Guten Morgen!“ und schubste den Schinken weiter mit einer Gabel in der Pfanne herum. Amira trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf dem bereits sehr liebevoll gedecktem Tisch stand. „Morgen“, erwiderte sie murrend und wischte sich den Mund ab. Sie konnte es praktisch spüren, dass ihre Schwester unentwegt lächelte. Amira hasste das. Sie hasste so viele Dinge an ihrer Schwester. Leider konnte Amira sie nicht einfach rausschmeißen. So herzlos war nicht einmal sie.
„Wie läuft es in der Schule?“, kam es plötzlich aus Richtung Herd. Amira schaute zu ihrer Schwester. Diese hatte sich immernoch nicht umgedreht, aber ihre Stimmlage verriet, dass sie immernoch ein breites Lächeln im Gesicht hatte.
„Wie immer.“, antwortete Amira und setzte erneut das Glas an ihre Lippen. „Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Schweigen.
„Es ist nur so, ich habe dich letztens in der Schulzeit mit einem komischen Typen gesehen.“
Amira verschluckte sich, kippte in ihrem Hustanfall das Wasserglas um und verteilte prustend einige Tropfen auf der Tischplatte. Sie klopfte sich auf den Brustkorb, aber das Husten wurde nur noch schlimmer. Sie versuchte Luft zu holen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Ohne auf Amira zu achten, sprach ihre Schwester weiter. „Es war an einem Dienstag, ziemlich früh. Du hättest Unterricht gehabt, das weiß ich. Du hast geschwänzt, nicht war?“ Sie lächelte immernoch. „Wer war dieser Typ? Er sah ziemlich schludrig aus, wenn du mich fragst.“
Amira hustete immernoch und trank den Schluck Wasser, der noch in ihrem Glas drin war. Langsam beruhigte sie sich wieder.
„Jetzt sag schon. War das dein Freund?“ Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Nein, was red‘ ich da… Das würde nicht zu dir passen. Deine einzig ware Liebe sind Bücher, und das bleibt sicher so, bis zu alt und grau bist.“ Endlich drehte sie sich um und schenkte Amira ein engelsgleiches Lächeln. „Hübscher Ring übrigens. Das Auge wirkt sehr realistisch. Als würde es mir jeden Moment zuzwinkert.“ Sie hob die Pfanne an, schaltete den Herd aus und schubte den Schicken auf einen Teller. Amira starrte ihre Schwester fassungslos an.
Scheiße, sie wusste über Jack bescheid… Und den Ring sollte eigentlich auch niemand bemerken, verdammt.
Ihre Schwester brachte den Schinkenteller an den Tisch und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von Amira.
„Du hast ein Geheimnis, nicht wahr? Ein ziemlich großen. Magst du es mir erzählen?“ Ihr Lächeln wurde breiter und eine Reihe schneeweißer Zähne blitzte Amira entgegen.
„I–Ich muss aufs Klo.“, würgte Amira hervor, stieß den Stuhl vom Tisch weg und stürtzte aus dem Raum.

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