Ich saß auf der Couch und sah fern, als es plötzlich geklingelt hatte. Vollkommen verwirrt war ich zur Tür gegangen, hatte geöffnet und meinem Ebenbild gegenüber gestanden. Einem, zugegeben, ziemlich zerzausten und durchnässten Ebenbild, aber die Ähnlichkeit war unverkennbar.
Sie hatte gesagt, ihr Name wäre Tamara, und wir wären Schwestern, und da dies ohnehin offensichtlich war, hatte ich sie herein gebeten, ihr trockene Kleidung gegeben und nun saßen wir in der Küche, jeder mit einer Tasse Tee vor sich. Ich musterte sie verwundert, da ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, und mir nicht erklären konnte, warum meine Eltern meine eigene Schwester vor mir verheimlich haben sollten.
„Also… ähm… wo kommst du her? Und, warum besuchst du mich?“, fragte ich nach einigen Minuten des Schweigens wissen und rutschte nervös auf meinem Stuhl hin und her.
Tamara grinste nur. „Ich komme… aus einer Stadt, oder eher einem Dorf, am anderen Ende des Landes. Meine ‚Mutter‘, oder eben die Person, die mich aufgezogen hat, ist vor kurzem gestorben. Zusammen mit ihrem Testament, hat sie mir einen Brief hinterlassen, in welchem stand, dass sie gar nicht meine Mutter war.
Sie hat geschrieben, dass vor vielen Jahren eine gute Freundin zu ihr kam, mit einem Baby, und sie gebeten hatte, sich darum zu kümmern. Sie hat nie erfahren, woher dieses Baby kam, aber sie hat auch nicht gefragt, weil sie dieser Freundin bedingungslos vertraut hat. Allerdings hat sich dann herausgestellt, dass es sich bei dieser Freundin um unsere Großtante handelt, die mich vor dem sicheren Tod, nachdem ich im Wald ausgesetzt wurde, gerettet hat.“
„Moment, Großtante?“, stieß ich aus, und starrte sie verwirrt an. „Die einzige Großtante, die ich kenne, ist so sehr wie mein Vater, dass sie einem Baby eher das Herz raus schneiden, als es retten würde.“
„Jaaa… ich rede auch von der anderen Großtante.“, erwiderte Tamara und grinste weiter. „Du weißt schon, die Schwester von Oma? Von der unsere Eltern nicht wollen, dass du sie kennst? Weil ihnen der negative Einfluss durch Oma schon genug war, aber sie ihre Schwester nicht einfach umbringen konnten?“
Ich blickte sie entgeistert an. „Also, ich weiß ja, dass der gesamte Rat total einen an der Waffel hat, aber einfach so die Existenz von zwei mit mir verwandten Personen verheimlichen?“
„Zwei Personen, von denen du weißt.“, entgegnete Tamara und lehnte sie dann ein wenig nach vorne, wobei sie ihren Kopf auf den Händen auf stützte. „Und… was war das mit dem Rat? Tantchen wollte mir nichts Näheres darüber sagen.“
„Ach, das… ist nicht so wichtig.“, sagte ich ausweichend und rutschte unwillkürlich ein wenig zurück.
„Oh, komm schon! Wir sind Zwillinge, mir kannst du’s doch wohl erzählen?“, rief Tamara und zum ersten Mal, seit sie hier angekommen war, wich das selbstsichere Grinsen aus ihrem Gesicht, und wurde durch Frustration ersetzt.
„Nein. Tut mir leid. Eben weil wir Zwillinge sind will ich dich da nicht mit rein ziehen.“, erwiderte ich und verschränkte abweisend die Arme. „Ich denke, es wäre das Beste, wenn du einfach wieder gehst. Zu unserer Großtante, oder irgendwelchen Freunden. Du kannst gerne die Nacht über hier bleiben, aber dann solltest du… einfach gehen und nicht zurückkommen.“
Tamara schmollte. „Nein.“
„Was?“
„Nein. Ich werde nicht gehen, bevor du mir nicht die Wahrheit erzählt hast. Was auch immer dein Problem ist, ich will es wissen, egal, ob ich mich dadurch in Gefahr begebe. Ich will wissen, was meine Eltern für Menschen sind, und warum sie mich umbringen wollten. Und warum du sie so zu hassen scheinst.“, sagte Tamara entschlossen und blickte mich um, ihre Gesichtszüge hart und unnachgiebig.
„Was weiß ich? Wahrscheinlich hast du einfach nicht in ihren gottverdammten Plan gepasst, du kannst glücklich sein, dass du so normal aufgewachsen bist! Selbst der Tod wäre vermutlich noch gnadenvoll gewesen, im Gegensatz dazu, was andere erleben! Warum kannst du das nicht einfach so hinnehmen und verschwinden?!“, fuhr ich sie an. Bei diesem Ausbruch war ich unbewusst aufgestanden und hatte mich auf den Tisch gestützt, von wo aus ich jetzt auf Tamara hinab blickte.
Diese schien gänzlich unbeeindruckt, und schob langsam den Stuhl zurück, bevor sie sich ebenfalls erhob und mir dann kalt in die Augen sah. „Denkst du wirklich, so ein kleiner Wutanfall kann mich beeindrucken? Weißt du eigentlich, durch wie viel Scheiß ich gegangen bin, um hier zu landen? Es ist nicht so, als würden einem die Informationen einfach so zu fliegen! Unsere Tante hat sehr viel Wert darauf gelegt, praktisch zu verschwinden, und dich zu finden war nahezu unmöglich! Du hältst dich für so toll und allwissend und stark, aber glaub mir, ich bin nicht nur irgendein kleines, schwaches Mädchen. Du brauchst mich nicht zu beschützen, ich kann auch mich selbst aufpassen.“
„Nicht, wenn es um den Rat geht. Du hast ja keine Ahnung, worüber du überhaupt redest.“, erwiderte ich kühl und entgegnete ihren Blick ebenso kalt.
„Dann erklär es mir doch!“, rief sie, nun sichtlich wütend. „Meinst du, ich habe all diese Leute gefoltert und getötet um an Informationen zu kommen, nur damit so eine selbstüberzeugte Tussi mich einfach wegschickt? Du bist nicht besser als unsere Eltern!“
Ich starrte sie einen Moment vollkommen entgeistert an, bevor was sie gesagt hatte, wirklich in meinem Kopf anzukommen begann. „Bitte was? Ich bin genau wie unsere Eltern? Wer foltert hier andere Menschen? Wer ist einfach aufgetaucht und erwartet Informationen, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt? Wenn eine von uns ist, wie unsere Eltern, dann du.“, sagte ich leise.
„Oh Süße, du kapierst es echt nicht, oder?“, fragte Tamara mit einem leichten Lachen, bevor sie um den Tisch herum zu mir kam, und sich direkt vor mich stellte. „Ja, ich habe Leute gefoltert, um an Informationen zu kommen. Und glaube ja nicht, dass ich bei dir eine Ausnahme mache, nur weil du meine Schwester bist.“
Nun war es an mir zu lachen. „Du willst mir drohen? Ich wusste gleich, dass irgendwas an deinem Verhalten nicht stimmt, niemand aus dieser Familie handelt je aus reiner Gutherzigkeit. Und auch Menschen, die gar keinen direkten Kontakt zum Rat und den ganzen Irren haben, können anscheinend ganz schön durchgedreht sein.
Aber, wie auch immer. Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst. Also, zum letzten Mal: Verschwinde. Verschwinde, so lange du noch kannst. Und denk nicht mal daran, mich anzugreifen. Dir wird das Ergebnis nicht gefallen.“
Tamara bewegte sich keinen Millimeter, und auch ich blieb vollkommen still stehen. „Niemals. Du machst mir keine Angst, Sam.“

„Oh, sei dir da mal nicht so sicher.“, knurrte ich, was Tamara kaum merklich zusammen zucken ließ. Sie griff nach hinten, und hatte plötzlich ein Messer in der Hand, mit welchem sie mich anzugreifen versuchte, doch ich war schneller und hielt ihren Arm auf. Sie starrte mich wütend an und versuchte vergeblich, ihren Arm aus meinem Griff zu befreien, aber ich dachte gar nicht daran, sie los zu lassen. Stattdessen drehte ich ihren Unterarm immer weiter, bis sie vor Schmerzen aufschrie und auf die Knie sank. Das Messer ließ sie ebenfalls fallen, aber ich drehte trotzdem weiter bis mit einem lauten Knacken ihre Knochen brachen. Dieses Mal war ihr Aufschrei lauter.
Ich ließ ihren Arm fallen und sah auf sie hinab, aber genau wie ich es erwartet hatte, war sie nicht so schnell unterzukriegen. Irgendwo her zog die plötzlich eine Pistole, doch noch bevor sie die Möglichkeit hatte, richtig zu zielen, hatte ich nach ihrem Handgelenk gegriffen und es gebrochen. Sie schrie wieder und zog den Arm reflexartig an den Körper, die Pistole fiel klappernd zu Boden.
„Sonst noch was?“, fragte ich in beiläufigem Tonfall, als würden wir immer noch ruhig am Tisch sitzen, und sie nicht mit gebrochenen Knochen und schmerzverzerrtem Gesicht vor mir auf dem Boden kauern.
„Du kannst mich nicht einschüchtern.“, antwortete Tamara mit zusammen gebissenen Zähnen. „Selbst wenn du es jetzt schaffen solltest, mich zum Gehen zu bringen – ich werde wieder kommen, und nicht eher ruhen, bis ich die Informationen habe, die ich brauche!“
In diesem Moment hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde und jemand das Haus betrat. Tamaras Kopf wandte sich in Richtung des Geräusches und ihr Gesicht bekam einen etwas gehetzten Ausdruck.
„Sam? Bist du da?“, ertönte Ethans Stimme, und ich rief zurück: „Ja, in der Küche. Erschreck dich nicht, wir haben… Besuch.“
Ich konnte praktisch vor mir sehen, wie sich Ethan bei dieser Bemerkung anspannte, und nur Sekunden später erschien er in der Tür.
„Zwillingsschwester von der ich bis jetzt nichts wusste. Wollte Informationen erzwingen, hat mich angegriffen und meint jetzt trotzdem, mich weiter bedrohen zu müssen. Sie meint, dass sie sich von mir nicht einschüchtern lässt.“, sagte ich als Reaktion auf seinen verwirrten Gesichtsausdruck.
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich, doch anstatt sie direkt anzugreifen, fragte er: „Was für Informationen?“
„Über den Rat, daraus resultierend über uns… eigentlich wollte ich sie nur schützen, aber dann hat sie vom Foltern und töten für Informationen angefangen und gesagt, ich wäre nicht besser als meine Eltern… jetzt würde ich ihr auch so nichts mehr sagen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie keinen Tag gegen den Rat überleben würde, so schwach und unorganisiert die auch sein mögen.“, erwiderte ich und warf Tamara einen abfälligen Blick zu, bevor ich mich auf den Tisch hinter mir setzte. „Meinst du, sie würde sich von dir einschüchtern lassen?“
„Oh, ich bin mir sicher, dass mir da die eine oder andere Sache einfallen würde…“, erwiderte Ethan und tat so, als würde er nachdenken, „Niemand bedroht meine Sam und kommt ungeschoren davon. Nicht mal die Familie. Und auch wenn ihr euch auf den ersten Blick ähnelt – der Unterschied zwischen euch könnte nicht offensichtlicher sein.“

(warum eskaliere ich immer so?)

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