Tag 28 – Storytelling Adventure Month

Dialog mit der Zwillingsschwester (Anna)

„Kann ich dir etwas helfen?“ fragt Anna, die ihrer Schwester beim geschäftigen Treiben in der Küche zusieht, obwohl sich der kleine runde Tisch längst unter der Last der Obstschale und der Müsliboxen biegt.
„Nein, danke.“
„Dann setz dich doch her zu mir.“
Verena blickt über ihre Schulter nach hinten und sagt: „Der Kaffee fehlt noch.“
„Seit wann trinkst du denn Kaffee?“
„Seit einem Jahr.“
„Aber das solltest du doch gar nicht.“
Verena beißt sich auf die Lippe. Natürlich sollte sie nicht. Aber man sollte viel nicht. Und er hilft nun mal sehr verlässlich, den Appetit zu zügeln.
„Ich nehme einen Orangensaft“, sagt Anna: „Falls du so etwas in deinem Kühlschrank findest.“
„Klar. Eva und Sabine haben sicher nichts dagegen.“
Verena stellt ein Tetrapak auf den Tisch.
„Da ist Zucker drin. Das ist ganz schlecht“, sagt Anna.
Verena zuckt die Schultern und stellt den Orangensaft zurück in den Kühlschrank.
„Was führt dich zu mir?“
„Nicht was, wer: Du.“
„Das glaubst du ja selbst nicht. Lässt vier Jahre nichts von dir hören und kreuzt dann mitten in der Nacht bei mir auf. – Woher hast du überhaupt meine Adresse?“
„Von Mama.“
Verena hebt die Augenbrauen fast unmerklich und schenkt sich eine große Tasse Kaffee randvoll ein.“
„Wo warst du all die Jahre?“
„Als ob dich das interessieren würde.“
„Würde ich sonst fragen?“
„In Thailand.“
„Und bist dort am Strand gelegen.“
„Nein. Ich habe gearbeitet.“
Verena rührt in der Tasse, obwohl sie kein Körnchen Zucker hineingegeben hat.
Anna greift zu einer Banane, schält sie und legt die Schale auf das leuchtend weiße Tischtuch.
Verena zuckt kurz zusammen.
„Ist was?“ fragt Anna.
„Nein.“
„Hast du ein Nervenleiden?“
„Wir waren eigentlich bei einem anderen Thema. Was hast du wirklich in Thailand gemacht?“
„In einem Hotel auf Kho Samui gearbeitet.“
„Und warum bist du nicht dort geblieben?“
Annas Hände beginnen zu zittern, als sie sagt: „Ich fliege nächste Woche wieder zurück.“
„Na dann.“
Anna kaut an ihrer Banane. Verena beißt in einen Apfel und spült das zu Mus zerkaute Stück mit einem Schluck Kaffee hinunter.
„Ach, was soll’s. Gib mir auch einen Kaffee“, sagt Anna.
Verena schenkt ihr eine halbe Tasse voll ein. Anna gibt zwei Löffel Zucker in die Tasse.
„Hast du auch Milch?“
„Ich nicht, aber Sabine oder Eva.“
Verena stellt ein Kännchen mit Milch auf den Tisch. Und Anna rührt nun den Milchkaffee behutsam, damit nichts auf das Tischtuch schwappt.
„Ich wollte dich noch einmal sehen. Wer weiß, ob ich noch einmal die Chance dazu habe.“
„Wovon redest du?“, fragt Verena.
„Schau dich an. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Und dann trinkst du auch noch Kaffee. Du legst es wohl drauf an, vorzeitig zu gehen.“

Pin It on Pinterest

Share This