Ohne wirklich darauf zu achten, was ich tat, schob ich die diversen Lebensmittel und anderen Plunder über den Scanner und schob sie weiter, so dass die Leute sie einpacken konnten. Das einzige, was mich aus dieser geradezu mechanischen Arbeit reißen konnte, waren Scanfehler, Kunden mit irgendwelchen Problemen oder Beschwerden und der Bezahlvorgang. Gerade jetzt hatte ich es wieder mit einer außergewöhnlich dummen – nein, halt, unkonzentrierten – Person zu tun, ein junger Mann, der es einfach nicht schaffte, sein Geld rauszuholen und mir zu geben, mal ganz davon abgesehen, dass er seine Sachen noch nicht in den Einkaufswagen zurück geräumt hatte.
Ich hörte vermehrtes Seuzfen oder andere Geräusche, mit denen die anderen Menschen in der Schlange ihrem Unwillen Ausdruck verliehen, doch ignorierte es. Auch die genervten Blicke, welche nicht nur den Mann, sondern auch mich trafen, interessierten mich wenig. Da trat eine junge Fraue, fast noch ein Mädchen, welche als nächstes an der Reihe war, vor, nahm ihm das Portemonnaie aus der Hand, reichte mir den richtigen Betrag und packte dann schnell, und doch ordentlich, die Sachen in den Einkaufswagen.
Der Mann schien ein wenig perplex und starrte sie an, bis sie ihn anfuhr, warum er so dumm gucken würde, und dass er gefälligst weiter machen sollte, anstatt den Betrieb noch länger aufzuhalten. Danach richteten sie ihre Augen auf mich, und blickten mich ungeduldig, und sehr arrogant, an.
Während ich begann, die Artikel über den Scanner zu ziehen, betrachtete ich sie unauffällig. Sie schien definitiv zu einer höheren Schicht zu gehören, das war an ihrer Kleidung, dem Schmuck, ihrer tadellosen Haltung und dem gepflegten Aussehen deutlich zu erkennen, aber ich verstand nicht, warum sie in einem so gewöhnlichen Supermarkt einkaufen sollte.
Auch die Artikel, die sie kaufte, passten bei näherer Betrachtung nicht dazu. Chips, Cola, Schokolade, Eis, eine typische Teenager-Zeitschrift mit dem neuesten Klatsch und Tratsch, Mode- und Beautytips, dem ein oder anderen Rezept. Außerdem schien sie sich, trotz ihres auf den ersten Blick selbstsicheren Auftretens, unwohl zu fühlen. Ich bemerkte, wie sie sich immer wieder verstohlen umblickte, als befürchtete sie, von jemandem entdeckt zu werden. Und selbst in ihrem Blick, schien hinter der Kälte und Härte ein winziger Funken Unsicherheit und Angst zu glimmen.
Aber vermutlich interpretierte ich da wieder zu viel rein. Sie musste einer dieser typischen, verwöhnten Teenager sein, deren Eltern dann aber doch irgendwie zu viele Regeln und Vorschriften machten, immer gewisse Ansprüche hatten, und für die es sich einfach nicht gehörte, in einen Supermarkt zu gehen. Vermutlich würde es ihrem Ansehen schaden, wenn sie gesehen würde. Und ihre Eltern wollten, dass sie sich gesund ernährte, weshalb sie jetzt heimlich Junk-Food kaufte. Die Zeitschrift um mit den anderen in der Schule mitreden zu können, auch wenn ihre Eltern sie von derlei Zeug fernhalten wollten. Das war alles.
Keine tief in ihrem Inneren verankerten Ängste, keine Unsicherheit, weil ihre Eltern ihr keine Liebe zeigen. Kein Schauspielern, mehr Schein als Sein.
Sie räsuperte sich hörbar und warf mir einen abwartenden Blick zu. Ups, da hatte ich mich wohl doch ablenken lassen. Ich öffnete gerade den Mund, um ihr den Preis zu nennen, da sah ich, dass sie mir das Geld bereits hin hielt. Auf den Cent genau. Ich nahm das Geld, und fragte, ob sie den Kassenbon haben wollte, woraufhin sie verneinte und mit einem herablassenden Schnauben davon stolzierte.
Ja, sie war definitiv nur ein reicher, verwöhnter Teenager, für den diese Aktion vermutlich der Inbegriff von „rebellisch“ gewesen war, und den ich nie wieder sehen würde.

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