Mit einer Flasche Shampoo in der Hand mustere ich das Mädchen vor mir. Ich weiß, dass es seltsam für sie sein muss, wenn sie sieht, wie ich sie anstarre, doch ich kann einfach nicht anders. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mir sicher, dass sie mich zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht wahrnehmen wird. Sie ist damit beschäftigt sich durch die blonden Haare zu fahren und tief zu seufzen, liest sich halbherzig die Beschreibungen auf diversen Kosmetikprodukten durch und legt sie anschließend wieder zurück ins Regal. Ihre Lustlosigkeit rührt von innerer Zerrissenheit, das kann ich sehen. Irgendetwas beschäftigt sie so sehr, dass sie sich nicht einmal auf alltägliche Dinge konzentrieren kann. Ein Blick in ihren Einkaufswagen scheint meine Vermutung zu bestätigen. Wobei es sich ja eigentlich nicht um eine Vermutung handelt. Ich kenne Aleyna, auch, wenn sie mich nicht kennt. Ich kenne sie sogar besser, als sie selbst sich kennt, weiß, welche Entwicklung sie durchmachen wird und welche Kämpfe ihr bevorstehen. Natürlich bin ich versucht ihr zu sagen, dass sie ihre zukünftigen Entscheidungen lieber zweimal überdenken sollte, doch ich weiß, dass ich das nicht darf und sie Fehlentscheidungen treffen muss, um sich selbst zu finden.
Ich unterdrücke ein Grinsen, als ich die Donuts mit bunten Streuseln sehe. Eigentlich brauche ich keinen zweiten Blick um zu sehen, dass sich neben ihnen ein großer Sack mit Äpfeln befindet. Aleyna liebt Donuts, doch um ihr schlechtes Gewissen zu stillen, dass sie diese fettigen, ungesunden Dinger kauft, braucht sie etwas Gesundes als Ausgleich. Ich mag ihre verquere Art zu denken und weiß, dass nicht jeder ihre Gedanken nachvollziehen kann. Ich bilde da natürlich eine der wenigen Ausnahmen…
Deswegen wundert es mich auch nicht, dass sie gerade einen Horrorfilm in ihren Einkaufswagen fallen lässt. Ihre äußere Erscheinung lässt nicht darauf schließen, dass sie auf blutrünstige Monstergeschichten steht und ich bezweifle, dass eine ihrer glatt-gebügelten „Freundinnen“ davon weiß. Ach, schon bald wird sie begreifen, dass Freundschaft etwas ganz anderes bedeutet, als sie es bisher vermutet hatte.
Mein Blick wandert zu ihren grünen Augen, die wild durch die Regale huschen. Wenn sie nur wüsste, dass sie sich schon bald eine solch alltägliche Situation sehnlich herbeiwünschen wird. Sicherlich würde sie dann auf die ungeliebte Gemüse-Lasagne verzichten und stattdessen die Zutaten für ihr Leibgericht kaufen. Nun seufzt sie tief und verdreht leicht die Augen, als sie eine besonders krumme Aubergine zu den Nudeln legt. Ich bin froh, dass sie sympatischer ist, als sie in diesem Moment scheint und freue mich darauf, sie bald noch ein wenig mehr kennen zu lernen. Ich versinke gerade in meinen Gedanken, als ich erschrocken feststelle, dass sie mir in die Augen sieht und meine Gafferei enttarnt wurde. Unsicher überlege ich, wie ich reagieren soll, doch sie nimmt mir die Entscheidung ab, indem sie mich freundlich anlächelt. Ihr Lächeln ist so herzlich, dass ich kurzzeitig glaube, dass sie mich doch kennt und als eine alte Bekannte begrüßt. Ehe ich jedoch darauf reagieren kann, wendet sie sich ab und schiebt ihren Einkaufswagen zur Kasse, an der sie noch ein Paket Kaugummi auf das Band legt.

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