Es ist ein ziemlich ruhiger Tag im Supermarkt. Ein paar Rentner wuseln durch die Gänge und ein eine Mutter schiebt einen vollgepackten Einkaufswagen vor sich her. Falls noch ein paar andere Personen zwischen den Regalen stehen, entziehen sie sich meinem Blickfeld. Die Kasse bietet nunmal nicht den besten Ausblick.
Entspannt lehne ich mich zurück. Es ist eher eine Seltenheit, dass sich keine Menschen an die Kasse drängeln und diese Seltenheit sollte man nutzen. Ich schließe die Augen und lasse mich in meinem unbequemen Stuhl ein wenig nach unten rutschen.
Ich war gerade in einen eher unruhigen Halbschlaf verfallen, als ein zaghaftes „Entschuldigung“ mich aus diesem Zustand herausreißt. Erschrocken öffne ich die Augen und blinzle ein paar Mal. „Verzeihung, ich bin wohl etwas weggedöst.“, murmle ich. Fast automatisch greife ich nach den Artikeln auf dem Fließband und ziehe sie über den Scanner.
Es ist eine seltsame Angewohnheit von mir, die Artikel genauer zu betrachten, bevor ich sie zur Seite lege. Man kann aus den Dingen, die jemand kauft, soviel über eine Person erfahren, ich finde das sehr interessant. Umso interessanter ist es, dass ich gerade ein Cuttermesser in der Hand halte. Ein ungewöhnlicher Artikel. ‚Wochenangebot, 2,99 Euro‘, erinnere ich mich. Ich schaue zu meinem Kunden auf und vor mir steht ein Mädchen mit langen braunen Haaren und einem kleinen schwarzen Portmonnaie in der Hand. Ihr Alter kann ich nicht einschätzen, aber sie sieht recht jung aus. Unter ihren Augen sind dunkle Ringe zu erkennen und ihre grauen Augen blicken trüb und traurig zu mir herab.
‚Oh Gott‘, schießt es mir durch den Kopf, ‚hoffentlich tut sie sich mit dem Cuttermesser nichts Schlimmes an. Vielleicht sollte ich ihr einfach sagen, der Artikel sei ab 18? Nein, das wäre lächerlich.‘ Ich lege das Messer zur Seite und greife nach einem neuen Artikel. Eine Packung mit vier Schokoladenmuffins. Na, das sieht doch schon anders aus. Ich ziehe die Packung über den Scanner und greife nach einer Tafel Schokolade. Dieser folgte noch eine weitere Tafel. ‚Mann, dieses Mädchen isst ja ’ne Menge Süßkram.‘, denke ich, ‚ Dabei sieht sie doch recht schlank aus.‘
Aus der Packung Katzenfutter, die ich über den Scanner ziehe, schließe ich, dass sie eine Katze hat. ‚Gut kombiniert, Sherlock.‘, lobe ich mich in Gedanken. Nach einer Packung Chips folgt ein Notizbuch mit kleinen Kätzchen drauf, ebenfalls Wochenangebot. Ich lächle. Ja, sie sieht aus wie jemand, der gerne in ein Notizbuch schreibt.
Der letzte Artikel auf dem Fließband ist ein Buch. ‚Der einsame Engel, ein Krimi von Friedrich Ani‘ lese ich, als ich das Buch in die Hand nehme. Auf eine erschreckende Weise passt das Buch perfekt zu ihr… Ich ziehe es ebenfalls über den Scanner und tippe den Code in die Kasse. „Das macht dann 13,48 Eure, bitte.“ Sie greift in ihr bereits geöffnetes Portmonnaie, holt einen 10 Euro Schein heraus und legt ihn auf die Ablage. Ich öffne die Kasse, während sie einen weiteren Schein auf die Ablage legt. Ich lege beide Scheine Sorgfältig in die Kasse, fische das Wechselgeld heraus und lass es in ihre geöffnete Hand fallen. „Ein Euro und 52 Cent zurück“. Ihre Hand ist warm, merke ich, als ich sie kurz berühre. Irgendwie hatte ich das nicht erwartet. Sie lässt das Geld achtlos in ihre Manteltasche, anstatt in ihr Portmonnaie fallen. „Kassenzettel?, frage ich, während sie ihren Einkauf in einen Beutel packt. „Nein danke.“ erwidert sie. Ihre Stimme ist erstaunlich tief für ein Mädchen. „Schönen Tag noch“, sagt sie, während sie sich umdreht und geht. Ich schaue ihr nachdenklich hinterher und vergesse glatt ‚Gleichfalls‘ zu sagen.

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