Jeder kennt solche Tage. Tage, an dem man irgendwie die ganze Zeit über mit dem falschen Fuß vorangeht und sich an jeder Ecke anstößt. Man drückt mit aller Kraft an Türen, auf denen dick und fett „ziehen“ steht, man holt die Wildtierkameras von draußen rein und stellt fest, das man allesamt falsch eingestellt hat, so dass die Bilder nun einen falschen Datumsstempel tragen und überbelichtet sind. Großartige Tage also, bei denen allein die Vorstellung sich heute Abend auf das heimatliche Sofa werfen zu können, einen noch aufrecht erhält. So hatte ich auch wenig Geduld, als ich auf dem Nachhauseweg nur kurz was kaufen wollte und dann diese Typen vor mir an der Kasse standen. Beide ende zwanzig, der eine ein Wasserfall, der andere ein mürrischer Baumstumpf. Das allein wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, doch die vier Einkaufswagen, die sie noch mit sich führten, in denen sich die Waren gefühlt bis zur Decke stapelten, zerrten nun doch erheblich an meiner Geduld. Der Inhalt eines Einkaufswagen befand sich schon auf dem Band und während der Wasserfall sich daran machte den Inhalt deszweiten Einkaufswagens auf das Laufband zu verfrachten, stand der Baumstumpf mit einer langen handgeschriebenen Liste daneben und schien das auf das Band gelegte zu kontrollieren. Seinem Gesicht war keinerlei Regung zu entnehmen, während der andere sich ein Spaß daraus machte die Waren auf möglichst spektakuläre Art und Weise auf das Band zu befördern, wobei auch schon das eine oder andere herunter fiel. Das meiste fing er in der Luft auf und gab dabei ein triumphierenden Laut von sich und grinste den Baumstumpf breit an. Der Baustumpf reagierte jedoch nicht weiter darauf.
„Ich habe vorhin eine tolle Idee gehabt.“, begann der Wasserfall und warf mindestens sechs Brote auf einmal auf das Band.
„Hm.“, machte der Baumstumpf desinteressiert, was den anderen leider in keinster Weise davon abhielt weiter zu reden.
Der Wasserfall verkündete: „Wir brauchen ein U-Boot.“
„Hm?“, machte der Baumstumpf, während seine rechte Augenbraue kurz zuckte.
„Ja – unbedingt!“, machte der Wasserfall weiter und begann die im Einkaufswagen aufragende Pyramide aus Mehlpackungen abzubauen. „Überlege doch mal wie cool das wäre.“
Der Baumstumpf runzelte nun die Stirn und fragte: „Es sollten 30 Dosen Erbsen sein. Ich zähle nur 27.“
Der Wasserfall winkte ab. „Drei mehr, drei weniger – wen interessiert das schon? Zurück zum U-Boot. Neben dem Fakt, dass es bestimmt spannend wäre einen See mal von Innen zu sehen – stell dir mal vor, was wir alles darin finden könnten? Vielleicht liegen da noch die tollsten Sachen herum, an die jedoch niemand heran kommt. Vielleicht sogar ein ganzer Antimaterie-Generator. Stell dir das mal vor – wie genial wäre das? Hm?“
„Im Wasser verrottet alles viel schneller.“, entgegnete der Baumstumpf müde. Der Wasserfall schob den zweiten Einkaufswagen nach vorne und musste sich nun daran machen den an der Kasse abgepiepten Inhalt des ersten Wagens wieder rein zu schaufeln. Langsam kam der Kerl sichtlich ins Schwitzen.
„Herrje. Das sieht ja aus wie ein Jahreseinkauf.“, kommentierte der Kassierer. Ein junger Kerl, vermutlich ein Student, der sich nebenher ein wenig Geld verdiente.
Der Wasserfall lachte auf. „Schön wär´s! Eher Wocheneinkauf für die Sippschaft. Viel zu viele Mäuler auf einen Haufen. Und du kannst mir eines glauben: Ich hasse die Kohlwochen! Ach warte… moment… ich habe da ja noch etwas.“ Er begann in seiner Tasche zu kramen und förderte dabei einige zerknüllte Zettel zutage, bei denen es sich um Rabatt-Coupons handelte. Das Gesicht des Kassierers wirkte nicht grade erfreut, als er beide Hände ausstreckte um die Coupons entgegen zu nehmen.
Der Wasserfall fragte: „Gibt es vielleicht Mengenrabatt?“
Der Kassierer machte ein so irritiertes Gesicht, das selbst ich Mitleid mit ihm bekam.
„Eh…“, machte er. „Nein, habe ich noch nie von gehört.“ Er griff nach der Paprika, die als nächstes auf dem Band lag und legte sie auf das Wiegefeld seiner Kasse.
„Schade, schade.“, seufzte der Wasserfall. Dann grinste er breit und zog ein abgegriffenes Kartenspiel aus der Tasche. „Wie wäre es dann mit einer kleinen Wette? Wenn ich gewinne, dann dürfen wir alles umsonst mitnehmen und wenn du gewinnst – dann zahlen wir den doppelten Preis. Na? Wie wäre es? Sind wir heute Manns genug?“
„Eh.“, kam nur erneut von dem armen Kassierer. „Nein, tut mir Leid. Das darf ich sicherlich nicht.“
„Komm schon!“, drängte der Wasserfall. „Sei kein Quadrilonischer Frosch!“
„Ein was?“, kam irritiert zurück. Mit der Paprika in der Hand schüttelte er langsam den Kopf. „Egal – ich darf es trotzdem nicht.“
„Ach – bekommt doch niemand mit. Wir spielen auch Die faule Gans – da gewinnst du bestimmt. Und musst ja niemanden sagen, dass wir dir gleich das doppelte Geld geben. Kannst die eine Hälfte ja behalten – es würde niemandem auffallen. Und nimm es mir nicht übel aber du siehst wirklich aus, als könntest du ein bisschen Extrageld gut gebrauchen.“
„Ja… Nein!“, machte der Kassierer und legte nun endlich die Paprika beiseite. „Das geht wirklich nicht. Und nun lassen sie mich bitte die Waren erfassen.“
Der Wasserfall seufzte enttäuscht. „Dein Verlust, mein Junge. Dein Verlust.“
Er nahm die Paprika entgegen, packte sie in den Wagen und erstarrte in diesem Moment. Eine Sekunde lang verharrte er reglos, dann wandte er sich erschrocken zu dem Baumstumpf um.
„Haben wir Kapern eingepackt?“, fragte er und seinem entsetztem Gesicht nach nahm er an, dass genau dies nicht geschehen ist.
Der Baumstumpf antwortete desinteressiert: „Keine Ahnung aber wenn du-“
„Ich hole schnell welche!“, rief der Wasserfall und rannte auch schon los. Der Kassierer blickte ihm mit Irritation und leiser Resignation nach, während der Baumstumpf nur kurz die Augenbrauen hob. Derweil beschloss ich, dass die Dose Ravioli im heimatlichen Vorratsschrank, gut genug fürs Abendessen sein wird. Ich ließ den Korb mit den drei Sachen einfach stehen und ging entnervt.

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