Vorsichtig drückte ich die Tür auf und trat in die dunkle, kalte Hütte. Es hing der schwache Geruch von Kräutern in der Luft, und ich konnte sehen, dass noch vereinzelt Reste davon an den Balken hingen, zwischen Staub und Spinnenweben. Es war so lange her, dass ich hier gewesen war, und trotzdem war mir alles so vertraut. Fast schien es mir, als könnte jeden Moment Oma aus der Küche oder die Treppe hinunter kommen und mich begrüßen. Aber das würde sie nicht. Keine Plätzchen und Geschichten mehr.
Seufzend stieg ich die Treppe hinauf und öffnete dann die Luke zum Dachboden. Die Leiter sah etwas morsch und noch instabiler aus, als zuvor, aber sie war die einzige Möglichkeit, die ich hatte. Vorsichtig kletterte ich hinauf und sah mich oben um. Der Dachboden war sehr aufgeräumt und ordentlich, aber das wunderte mich bei Oma wenig. Sie war immer auf Ordnung bedacht gewesen. Allerdings war es sehr dunkel, und ich wollte nicht die ganze Zeit über mein Handy zur Beleuchtung benutzen; eine Lampe gab es allerdings nicht. Ich blickte mich ein wenig um, bis mein Blick an einem Kerzenständer mir Kerzen hängen blieb. Kurz kramte ich in meiner Jackentasche, und zog dann ein Feuerzeug hervor, mit welchem ich die Kerzen anzündete.
Unschlüssig, was ich überhaupt hier tat und wonach ich suchte, stand ich im Raum und ließ meinen Blick über die verschiedenen Regale und Kisten gleiten, bevor ich einfach zu irgendeinem Karton ging, und ihn öffnete. Zuerst kam mir nur eine große Staubwolke entgegen, und ich wandte mich einen Moment hustend ab, bevor ich mir den Inhalt genauer ansah. Auf den ersten Blick schienen es nur Bücher zu sein, doch dann sah ich, dass es zum Großteil Fotoalben waren, und ich zog neugierig eines hervor.
Es enthielt einige Bilder von meinen Großeltern, als sie noch jünger gewesen waren, und ich war überrascht, meine Oma des Öfteren ziemlich vertraut mit einer anderen Frau zu sehen, die ihr auch noch zu ähneln schien. Sie schienen fast wie Schwestern, aber meines Wissens nach war Oma ein Einzelkind gewesen, weshalb ich sie einfach als eine gute Freundin beurteilte. Es waren ebenfalls Bilder von Stränden und Pools, allem Anschein nach in anderen Ländern, und auf allen war mein Großvater mit drauf, was mich stark wunderte. Ich hätte ihn nicht als die Art von Mensch eingeschätzt, die Urlaub machte, dazu glich er meinen Eltern zu sehr, aber vielleicht war er nicht immer so gewesen? Ich hatte nie verstanden, wie er und Oma überhaupt zusammen gekommen waren, und das schien mir die einzige Erklärung.
Die letzten Bilder waren alle von der Hochzeit der beiden, und obwohl Oma schon irgendwie glücklich schien, wirkte sie trotzdem ein wenig fehl am Platz. Selbst die Urlaubsbilder waren irgendwie immer so gewöhnlich und bescheiden gewesen; die Hochzeit hingegen war total protzig und pompös, und es war deutlich, dass dies so war, um einen Eindruck zu hinterlassen, nicht, weil Oma das so wollte. Auch das Kleid schien viel zu elegant und teuer für sie.
Im nächsten Album waren Bilder von ihr, schwanger und später dann auch mit einem Baby. Es schien die gesamte Kindheit meiner Mutter zu enthalten, was wirklich komisch für mich war. Ich hatte kaum Bilder von ihr als Kind gesehen, meine Eltern selbst hatten selten Fotos von mir gemacht, und jetzt sah ich das hier: Die kleine Elisabeth, mit Zöpfen, Baumwollkleidchen und Sandalen. Im Sandkasten spielend, tanzend, geschminkt in den viel zu großen Schuhen ihrer Mutter. Beim Reiten auf einem Pony. Nur wenige Bilder, auf denen sie das Haar ordentlich frisiert hatte und edle Kleider trug, meistens alleine mit ihrem Vater auf irgendwelchen Empfängen. Sie schien eine fast schon normale Kindheit gehabt zu haben.
Ich spürte einen kurzen Stich der Eifersucht und versuchte zu verstehen, wie sie, obwohl sie eine so schöne Kindheit gehabt hatte, ihre Mutter so verachtete und mir dieses Leben antat, weshalb ich das Buch zu klappte und gerade zurück in den Karton räumen wollte, als ich plötzlich eine kleine Schachtel sah. Sie war ganz am Boden in der Ecke, eingeklemmt hinter Büchern, und ich nahm sie vorsichtig in die Hand.
Die Alben legte ich gedankenlos neben mich und strich vorsichtig über die glatte, leicht gewölbte Oberfläche der kleinen Holzschachtel, deren Seiten ebenfalls vollkommen glatt waren, und deren Deckel mit einem verzierten, eisernen Schloss verschlossen war. Verschwommen erinnerte ich mich an eine Geschichte, die mir Oma mal erzählt hatte, in der es um eine verzauberte Box ging, die Wünsche erfüllen konnte. Man musste nur, wenn man sie öffnete, an eine bestimmte Person denken, und lebte dann einen ganzen Tag als eben diese Person. Allerdings hatte ich das immer für ein Märchen gehalten, doch in Anbetracht der momentanen Ereignisse, schien mir alles möglich. Außerdem schien von der Schachtel eine merkwürdige Ausstrahlung auszugehen, so dass zuerst meine Hände, und bald schon mein ganzer Körper leicht zu kribbeln begann. Wenn ich sie ansah, wurde mir innerlich ganz warm, und ich fühlte mich sicher und geborgen, so wie wenn Oma mich umarmt hatte.
Nachdenklich starrte ich sie an. Ob ich sie öffnen sollte? Und wenn ja, als welche Person würde ich gerne mal den Tag verbringen? Als erstes fiel mir natürlich meine Mutter ein, aber dann natürlich in ihrer Kindheit, und ich wusste nicht, ob das so funktionierte. Auf einen Tag ihres jetzigen Lebens konnte ich gerne verzichten. ‚Normaler Mensch‘ hingegen wäre vermutlich nicht spezifisch genug, und von den Leuten aus der Schule, fiel mir niemand spezifisch ein, mit dem ich tauschen wollen würde, immerhin konnte es auch sein, dass sie zu Hause Probleme hatten, von denen niemand etwas wusste.
Seufzend stand ich auf und versuchte den Staub aus meiner Hose zu klopfen, aber das gelang mir eher schlecht als recht. Eigentlich war es doch egal. Es würde höchstwahrscheinlich eh nicht funktionieren, und selbst wenn – was war ein Tag eines schönen, einfachen Lebens denn Wert, wenn ich ohnehin wieder würde zurückkehren müssen? Ich räumte die Fotoalben zurück in den Karton und war gerade im Begriff, auch das Kästchen zurück zu legen, da überlegte ich es mir anders. Ich könnte es ja trotzdem mitnehmen, nur für den Fall. Schaden würde es mir nicht.
Vorsichtig ließ ich es in meine Jackentasche gleiten und pustete die Kerzen aus, bevor ich zu der Luke zurückging und die Leiter misstrauisch begutachtete. Bis jetzt war es gut verlaufen, aber ich wollte mein Glück nicht zu sehr auf die Probe stellen, weshalb ich nur die ersten paar Sprossen hinab stieg, und dann sprang. Ich schloss die Luke wieder, auch wenn es sowieso niemand merken würde, wenn sie offen blieb, und ging dann wieder nach unten. Mit einem letzten Blick ins Wohnzimmer öffnete ich die Tür und trat nach draußen, eine tiefe Traurigkeit in meinem Innern. Aber auch wenn Oma tot war, würde ich bestimmt wieder kommen, und sei es nur, um mich ihr irgendwie nahe zu fühlen.

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