Er legt an und schießt einen Pfeil ab. Noch während ich nicht begreife, was dieser silberne Blitz bedeutet, bin ich schon hinter dem nächsten Baum und höre mein eigenes Herz so laut, als schlüge es von Kern der Welt zu mir hinauf.

Jetzt ein paar Atemzüge ohne Furcht, wie schön wäre das. Aber auch die Angst gehört dazu. Früher oder später kann sich niemand der Angst entziehen, selbst wenn man weiß, dass es nur ein Training ist.

Mike sagt dazu: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, emotional zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Rational schon, aber nicht emotional. Deswegen Religion und Weltkriege und Amokläufe. Irgendwo hätte die Welt ein Schlüsselloch, wo man dahinter sehen könnte, aber das gelänge nur den wenigsten.

Ich warte hinter dem Baum. Der da drüben wird doch eine Weile brauchen, bis er hier ist, denke ich.
Falls er herkommt.

Ich bin auch bewaffnet, aber mit einer Nahkampfwaffe jetzt hinüberzurennen, das wäre einfach nur dumm. Mein Angreifer lässt mich warten.
Ich habe einmal gehört, dass die meisten irgendwann aus bloßer Panik aus ihrem Versteck herausrennen, einfach, weil sie es nicht mehr aushalten, das Warten und die Ungewissheit.

Noch ein Grund mehr zu bleiben. Die Angst ist nervenzerfetzend. Ich darf mich nicht aus dem Schutz hervorbewegen. Wenn ich schaue und er schießt… einen Moment zu lange den Kopf hervor gestreckt und es trifft mich ins Auge.

Ich kann nicht nachsehen, wo er jetzt steckt. Ich habe nur noch einen einzigen Sinn, der mir bleibt, das Gehör. Wenn er näher kommt, wenn er dabei ein Geräusch macht, wenn er kurz vor mir ist, wenn ich es dann schaffe, auf ihn einzustechen, dann kann ich es vielleicht überleben, dann muss ich nur schnell rennen, zurück zur Brücke, zu den anderen, hoffen, dass derjenige auch ein einzelner war.
Viele Kausalitäten, die sich aneinanderreihen müssen.

Überleben, wie das klingt. Ich überlebe doch in jedem Fall. Das ist nur eine Simulation. Wahrscheinlich kann man das irgendwann wirklich nicht mehr unterscheiden.

Beruhige dich, denke ich, ganz ruhig, das alles ist nicht real. Für einen Moment schaffe ich es, mir Wände vorzustellen, den Raum, in dem ich wahrscheinlich wirklich bin und zu denken, dass Baum, Brücke, Angreifer und Unterstützer nur in meinem Kopf sind. Aber dann reißt mich ein Rascheln zurück in die Welt.

Hinter dem Baum. Nur zwei Schritte, jetzt vielleicht nur noch einer. Ich halte das Schwert bereit. Ihn einen Moment früher erwischen, als er mich ist nicht unbedingt eine Garantie für mein Leben, wenn er den Pfeil schon in dem Moment abschießt, in dem ich erst losschlagen kann.

Ich höre nichts mehr. Wir müssen einander sehr nahe sein, nur der Baum trennt uns.

Warum macht er das überhaupt, dass er hierherkommt und nachguckt?
Warum wartet er nicht aus sicherer Entfernung, bis ich vom Warten zermürbt bin und schickt mir dann in meinem Fliehen einen Pfeil hinterher?
Ich begreife: Das ist auch so einer, der nicht mehr Warten kann, den die Panik ungeduldig gemacht hat.

Er steht jetzt wohl da hinter dem Baum, den Pfeil angespannt in Kopf- oder Herzhöhe. Er hat gesehen, dass ich nur ein Schwert habe.

Und wenn ich losspringe, aber von unten, wenn ich ihn erwische und sein erster Pfeil ins Leere geht?

Wir können beide Sterben oder Leben, jetzt, wo wir so nahe sind. Vorher war er noch der klare Sieger. Es stimmt wohl, was Mike über das Warten gesagt hat.

Jetzt!
Mein Körper hat ohne mich entschieden, aufzuspringen.
Blind, den einen Arm hochgerissen, weil meine Augen befohlen haben, sie vor dem Pfeil zu schützen, den anderen Arm mit dem Schwert, weit ausgestreckt, wenn Mike das sehen könnte, er würde mit mir ein ernstes Wort reden.
Ich schlage hinter den Baum, von unten, treffe irgendetwas Hartes, kein Fleisch, das Geräusch würde ich erkennen. Dann schnellt auch schon etwas über mich hinweg, dunkel und glänzend.

Ich begreife, was es ist. Mein Angreifer hat geschossen, er wird einige Sekunden brauchen, einen neuen Pfeil einzuspannen.

Ich richte mich auf, gehe rasch um den Baum, sehe in Augen, in denen Ratlosigkeit die Angst überschattet hat und schlage los, bevor ich in den Augen etwas Tieferes erkennen könnte, etwas, wie vielleicht eine Angst, die mich zum Mitgefühl verleiten könnte.

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