Hannah mit 6 Jahren

So ein schöner Schmetterling, dachte ich verzückt, als ich den blauschimmernden Falter auf meinem Finger beobachtete. Er bog seine Fühler hin und her, flatterte mit den Flügeln im Wind, blieb aber dennoch auf meiner Hand sitzen.
Ich wagte es nicht, etwas zu sagen, nicht einmal zu atmen, weil ich den kleinen Falter nicht erschrecken wollte.
Nie zuvor hatte ich etwas schöneres gesehen.
„Hannah!“, durchschnitt eine aufgeregte Stimme die Stille des Gartens.
Der Schmetterling hob mit einem Satz ab und segelte davon. Ich seufzte enttäuscht und drehte mich wütend zu Veronica um.
„Du hast den Schmetterling verscheucht!“, rief ich empört und stampfte auf, um meiner Wut Nachdruck zu verleihen.
Ihre großen Augen blickten mich verwirrt an. „Das ist doch nur ein Insekt“, antwortete sie dann belustigt und kam springend näher. „Ich habe was viel tolleres!“
Sie blieb vor mir stehen, wirbelte einmal im Kreis und fragte: „Wie findest du mein neues Kleid?“
Es war weiß, knielang mit dünnen Trägern und hatte grüne Schildkröten drauf. Ich kannte dieses Kleid.
„Aber…aber das ist doch das Kleid, das ich mit Mama in der Stadt gesehen habe.“
„Ja, ich weiß“, erwiderte sie verzückt. „Als du mir davon erzählt hast, wollte ich es mir anschauen. Und du hattest recht, es ist wirklich sehr hübsch.“
„Natürlich ist es hübsch, deshalb wollte ich es ja haben!“, schnaubte ich und sah sie finster an. „Wieso hast du es jetzt an?“
„Naja…“, sie biss sich auf die Unterlippe, „du sagtest, deine Mama findet es zu teuer, also hab ich meine gefragt. Jetzt kannst du es dir immer anschauen, wenn ich es anhabe.“
„Aber ich will es nicht nur anschauen!“
„Sei nicht so, Hannah!“, rief Veronica aus. „Nie gönnst du mir etwas. Du bist immer neidisch!“
„Ich bin nicht neidisch!“, widersprach ich grimmig.
„Wieso freust du dich dann nicht für mich und mein neues Kleid?“, wollte sie fordernd wissen. Als ich nicht antwortete, machte sie diesen überheblichen Laut, den ich so hasste, wirbelte herum und stapfte davon.
Finster sah ich ihr hinterer und wünschte mir nichts anderes, als dieses Kleid, das eigentlich ich hatte haben wollen, zu ruinieren. Mit Flecken und Rissen würde sie es nicht mehr so schön finden!
Ich malte mir aus, wie sie am Ast eines Baumes damit hängen blieb, wie sie in eine Pfütze stieg oder wie sie stolperte und in den Matsch fiel. Ich hatte es bildlich vor Augen, als…
Veronica plötzlich mit ihrer Sandale an einem herumliegenden Ast hängenblieb, mit den Armen in der Luft ruderte und Augenblicke später mit einem lauten Aufschrei auf dem Gras landete. Als sie sich wieder aufrichtete und an sich heruntersah, kamen ihr beinahe die Tränen. Ihr tolles neues Kleid, war voller Erde und grüner Flecken.
Schnell drehte ich mich weg, damit sie mein Grinsen nicht sehen konnte. Innerlich freute ich mich diebisch darüber, dass sich mein Wunsch erfüllt hatte.

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