Elisabeth warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und strich eine widerspenstige Strähne ihres Haares zurück. Sie hatte sich bemüht, einen ordentlichen Knoten hinzubekommen, aber durch die Haarstruktur – eine weitere Sache, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, und über die sie mehr als unglücklich war – konnten selbst Glätteisen und Haarspray nur bedingt etwas ausrichten. Und dann noch nicht mal richtig blond oder braun, nein, es musste genau der Übergang sein, irgendeine merkwürdige Mischung.
Aber über derlei sinnlose Dinge wollte sie sich nicht mehr aufregen, das brachte nur Falten, erinnerte sie sich und atmete tief durch. Sie griff nach der Mappe, die auf dem Beifahrersitz gelegen hatte und blätterte die Bewerbung noch mal durch. Sie hatte zwar mehrmals überprüft, ob alles richtig war, sie sogar einigen Bekannten und ihrem Vater vorgelegt, aber das hier war nun mal wichtig, da konnte sie sich keinen Fehler erlauben.
Seufzend schob sie die Blätter wieder ordentlich zusammen, ließ den Blick noch einmal kurz über den Spiegel streifen und stieg dann aus. Obwohl ihr Magen sich zu verknoten schien und ihr Puls sich beschleunigte, ging sie mit tadelloser Haltung und ohne zu stolpern oder straucheln auf das Kanzleigebäude zu. Es war beeindruckend, so wie fast jedes der alten Gebäude in der Stadt, aber da es schon immer im Besitz der höher stehenden Familien gewesen war, hatte es mehr Verzierungen, zum Teil vergoldet, hohe Fenster und war perfekt in Stand gehalten. Es kam fast schon an das Rathaus heran.
Vorsichtig stieg sie die Treppe hinauf und klingelte. Kurz darauf ertönte die Stimme der Sekretärin aus der Gegensprechanlage, die wissen wollte, ob Elisabeth einen Termin hatte, was diese bejahen konnte. Es schien ihr absurd, dass es tatsächlich Menschen geben sollte, die versuchten ohne einen Termin zu Mr. Abbott zu kommen. Das leichte Brummen, welches signalisierte, dass sie die Tür nun öffnen konnte, ertönte und sie trat ein. Einen Moment lang wunderte sie sich, dass die Sekretärin ihr den Weg nicht erklärt hatte, immerhin empfing Mr. Abbott mit Sicherheit auch oft Besucher, die sich nicht seit dem Schulabschluss auf diesen Moment vorbereitet hatten, aber in Verbindung mit dem unhöflichen Desinteresse, was bei der kurzen Unterhaltung mit der Sekretärin durchgedrungen war, erklärte sich die Sache von selbst.
Diese Sekretärin war anscheinen unhöflich und faul, sie hatte vermutlich keine Ahnung, was für eine Ehre es war, diese Position zu haben, weshalb Mr. Abbot nach einer neuen Sekretärin und Assistentin suchte. Und genau deshalb war sie, Elisabeth Townsend, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, hier.
Sie schritt durch die große Eingangshalle und – an der deutlich gelangweilten und nur nachlässig gestylten Sekretärin vorbei, welche sie geflissentlich ignorierte – auf eine lange, geschwungene Treppe zu. Im ersten Stock angekommen, wandte sie sich nach links und ging dann selbstsicher einen Gang entlang, nahm einige Abzweigungen und blieb schließlich vor der Tür mit der Aufschrift „Richard Abbott“ stehen. Nachdem sie noch ein letztes Mal tief durchgeatmet hatte, klopfte sie schließlich an.
Es blieb still. Einen Moment überlegte sie, noch einmal zu klopfen, für den Fall, dass er es nicht gehört hatte, aber was war, wenn sie sich einfach vertan hatte, und der Termin nicht heute war? Oder wenn diese nutzlose Idiotin von Sekretärin ihn nicht darüber informiert hatte? Sie war gerade einen Schritt zurück getreten, um zurück zu gehen und die Sekretärin deswegen zu befragen, da erklang ein herrisches „Herein“.
Zögernd trat sie wieder zur Tür und streckte ihre Hand nach der Klinke aus, bevor sie sich innerlich für ihr kindisches Benehmen schalt, den Rücken durchdrückte und selbstbewusst den Raum betrat. Mr. Abbott saß an seinem Schreibtisch, rechts hinter ihm seine Verlobte, Martha, hochgewachsen, schlank, platinblondes Haar, große blaue Augen, welche sie herablassend musterten.
Mr. Abbott sah von seinen Papieren auf und warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Und Sie sind…?“
„Elisabeth Townsend, ich hatte ihr Stellenausschreiben gesehen und dann hier angerufen; Ihre Sekretärin hatte mir den Termin gegeben und ich war davon ausgegangen, dass Sie ebenfalls darüber informiert wären, was aber offensichtlich nicht der Fall zu sein scheint. Wenn es Ihnen also gerade nicht passt, dann kann ich auch gerne wieder gehen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommen.“, erwiderte sie.
Jetzt legte Mr. Abbott die Blätter ab, und schob den Stapel ordentlich zur Seite. „Nein, nein, lassen Sie nur. Es ist ja nicht Ihre Schuld, dass Delilah unfähig ist. Haben Sie die Dokumente dabei?“
„Selbstverständlich.“, sagte Elisabeth lächelnd und ging sicheren Schrittes auf den Schreibtisch zu. Sie hielt Mr. Abbott den Hefter hin, welcher diesen entgegen nahm und ihr bedeutete, sich zu setzen. Martha hingegen schien wenig erfreut und schien sie mit ihren Blicken zu erdolchen. Elisabeth lächelte ihr nur zu, bevor sie unauffällig ihre Hand um das kleine Fläschchen in ihrer Handtasche schloss.
Wenn ihre Mutter auch absolut unfähig war, wenn es um gesellschaftliche Dinge oder gutes Aussehen ging, so konnte doch zumindest ihr Wissen über Pflanzen und Kräuter von Zeit zu Zeit ganz hilfreich sein. Zum Beispiel, wenn man unerwünschte Nebenbuhlerinnen loswerden musste. Die hatte den Platz ohnehin nicht verdient, immerhin hatte sie nie etwas dafür tun müssen.
Mr. Abbott sah kurz von ihrer Bewerbung hoch, bevor er sagte, dass er es sich noch einmal in Ruhe durchlesen und dann genau darüber nachdenken, sie aber auf jeden Fall anrufen würde. Dann erhob er sich, schüttelte ihr die Hand und begleitete sie sogar bis zu Tür. Als diese hinter ihr ins Schloss fiel, konnte Elisabeth ihr Grinsen nicht mehr zurück halten. Sie wusste schon, was die Antwort sein würde. Endlich war sie ihrem Ziel wieder einen Schritt näher, und bald schon, bald würde sie allen zeigen, dass sie nicht nur ein dummes, naives Mädchen mit zu großen Träumen gewesen war.
Sie würde ihnen zeigen, dass sie, Elisabeth Townsend, alles erreichen konnte, was sie wollte.

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