Liebes neues Kind,

ich bin auf der Suche nach einer neuen Herausforderung als Mutter. Meine erste Tochter ist mir über den Kopf gewachsen. In Zentimetern, aber auch in ihrem Sein und Tun.

Als 25 Jahre lang als Mutter praktizierende Frau greife ich auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zurück. Ich kann gut kochen, ausgezeichnet backen und Wäsche weißer waschen als weiß. Auch wenn Verena meine Kochkünste in den letzten fünf Jahren zur Hälfte verschmäht hat. Ich bin alllzeit bereit, dich von einem Kurs zum nächsten zu fahren – sei es Ballett oder Volleyball oder Cheerleading.

Du siehst, meine bevorzugte neue Arbeitsstelle ist eindeutig von weiblicher Natur. Ich fühle mich diesen Wesen verbundener als jenen testosterongesteuerten Mini-Ausgaben meines derzeitigen Ehemannes.

Als aufopfernde Mutter verzichte ich natürlich voll und ganz auf mein eigenes Leben. Gehe keinen Interessen und Leidenschaften nach. Natürlich werde ich dir das nie offensichtlich vorhalten. Doch wisse, dass ich dies auf subtile Weise sehr wohl beherrsche. Du kannst dir dann aus der Palette der psychischen Probleme aussuchen, welches du als Antwort wählen möchtest. Magersucht ist schon an die Erstgeborene vergeben. Ich brauche Abwechslung. Eine Depression, Persönlichkeitsstörung oder Ähnliches gab es in unserer Familie noch nie. Das wäre doch was, oder?

Um nochmals auf meine herausragenden Eigenschaften zurückzukommen: Ich lebe natürlich noch ein klassisches Frauenbild aus den frühen 1970er-Jahren. Mein Mann, dein zukünftiger Vater, hat in der Küche nichts zu suchen. Ich wasche ihm auch die Wäsche und lese jeden noch so kleinen Wunsch von seinen Augen ab.

Sei versichert, dass auch du alle diese notwendigen Fertigkeiten für ein Zusammenleben mit dem anderen Geschlecht, von mir erlernen wirst. Ich bürge für Qualität.

Gerne trete ich meinen Job ab sofort an. Man kann ja nie wissen, ob es sonst nicht zu spät ist, noch ordentlich in der Psyche einer jungen Frau zu fuhrwerken, dass sie den Selbstmord als durchaus adäquaten Ausweg aus einem für sie trostlosen Leben sieht.

Hochachtungsvoll,
Irene W.

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