Verena war spät dran. Wie immer bei wichtigen Terminen. Sie stand im Badezimmer, zog sich zum zehnten Mal die Lippen nach und kontrollierte ihre Zähne auf Reste von den zuvor verspeisten Mohnsamen. Sie hielten den ärgsten Hunger meist gut im Zaum, doch blieben sie bevorzugt an ihren Schneidezähnen hängen, deren Abstände um wenige Millimeter zu weit waren.

In die Galerie Freudenstrahl waren es nur wenige Schritte. Die ersten Gäste für die Eröffnung standen bereits mit einem Glas Wein in der Hand vor dem Eingang und rauchten. Verena machte sich klein und schmal, als sie zwischen ihnen hindurch schlüpfte. Markus, der Besitzer der Galerie, erwartete sie bereits.

„Da bist du ja endlich“, sagte er und küsste sie auf beide Wangen.
„Gut schaust du aus.“ – Was Verena mit einem gequälten Lächeln quittierte.

Dann sah sie ihr erstes Bild. Das Foto hatte sie vor einem Jahr bei einem Spaziergang geschossen. Sie war schon mehrere Stunden unterwegs gewesen. Nichts hatte ihren Ansprüchen genügt. Sie wollte den perfekten Baum finden. Also war sie tiefer in den Wald hineingewandert. Manche Wege ging sie mehrmals. Doch erst als sie sich ins Dickicht gewagt hatte, war ihre Sicht eine andere geworden. Und diese Buche war ihr sozusagen direkt vor die Linse gesprungen.Das Siegerbild beim Fotowettbewerb.

Das Preisgeld war wenig erwähnenswert. Allerdings hatte es ihr die erste Ausstellung bei der Galerie Freudenstrahl beschert. In ihrem Bauch kribbelte es wie damals, als sie Matthias zum ersten Mal geküsst hatte. Diese Feuerwirbel waren vom Magen nach oben geklettert und hatten ihren Kopf zu einem schwebenden Ballon gemacht bis sie den Boden unter ihren Füßen verlor.

„Darf ich Ihnen Verena Walk präsentiere. Es ist ihre erste Ausstellung in meiner Galerie.“
Den Rest der Rede hörte sie nicht mehr. Verena kam erst zurück in diese Wirklichkeit, als Markus sie um ein paar Worte zu ihren Bildern bat. Das Kribbeln im Bauch nahm ihr jede Scheu und sie sagte: … (to be continued)

Pin It on Pinterest

Share This