Amira holte tief Luft und gab einen zufriedenen Seufzer von sich. Himmlisch. Dieser Geruch. Dieser typische Geruch von Papier und Druckertinte, der zwischen den Regalen hervorkroch und jeden Bücherwurm in den siebten Himmel beförderte. Sie hätte vermutlich noch einige Stunden dagestanden und die Luft in sich aufgesaugt wie ein Schwamm, wenn die Bibliothekarin sie nicht mit einem Räuspern aus diesem Zustand herausgerissen hätte. „Kann ich Ihnen behilflich sein, junge Frau?“ fragte die ältere Dame und schaute Amira erwartungsvoll durch ihre viel zu dicken Brillengläser an. Ihre Augen hatten die Größe von Pistazien.

„Äh…“ Ein wenig überrumpelt schüttelte Amira den Kopf. „Ich schau‘ mich nur ein wenig um.“

„Oh, na dann.“ Die Dame watschelte wieder hinter ihren Schreibtisch und ließ sich auf einen gepolsterten Stuhl sinken. „Sag bescheid, wenn du etwas brauchst, Liebes.“ Sie griff sich eine bereits aufgeschlagene Ausgabe der „Brigitte“ und blätterte darin herum.

Amira musste unbewusst lächeln. So eine ulkige alte Frau.

Sie ließ ihren Blick über die Bücherregale schweifen und ihr Lächeln wurde noch ein wenig breiter. Seit Beginn des Urlaubs hatte sie nur miese Laune gehabt. Ihre Mutter war mal wieder mit Enthusiasmus vollgepumpt, Jan, der Freund ihrer Mutter, beschwerte sich die ganze Zeit über die hiesigen Einwohner und deren Fahrstil und Amira hatte eh lieber zu Hause bleiben wollen. Der Urlaub war natürlich eine Schnapsidee ihrer Mutter gewesen. Der Plan für den heutigen Tag war eine vierstündige Bergwanderung. Amira, die schon beim Treppensteigen Schwindelanfälle bekam, hatte sich, nachdem ihre Mutter diesen tollen Vorschlag gemacht hatte, plötzlich sehr unwohl gefühlt und bestand darauf, den Tag im Bett zu bleiben, um sich zu erholen. Sonst könne sie ja gar nicht den restlichen Urlaub genießen, hatte sie ihrer Mutter gesagt.

So kam es, dass Amira die hiesige Bibliothek aufsuchte, während ihre Mutter und Jan irgendwo einen zu groß geratenen Hügel erklommen.

Sie seufzte erneut. Ihre Mutter konnte einem echt alles vermiesen, selbst wenn sie gar nicht da war. Amira verbannte deshalb alle negativen Gedanken aus ihrem Kopf und widmete sich wieder dem, weshalb sie hier war: Bücher.

Ihr Blick fiel auf eine Holzkiste, die vor dem Schreibtisch der Bilbliothekarin stand. Amira trat näher und erkannte einige Taschenbücher, aber auch abgegriffene Hardcover-Bücher, die man eher schlecht als recht übereinandergestapelt hatte. Sie hockte sich vor die Kiste und holte ein Buch nach dem anderen heraus und legte sie neben sich auf den Boden.
Die alte Dame beugte sich über den Schreibtisch und beäugte Amira fragenden über ihre übergroßen Brillengläser hinweg. „Hast du etwas verloren, mein Kind? Was suchst du denn da unten auf dem Boden?“

Amira hatte gerade eine vergilbte Ausgabe von „Stolz und Vorurteil“ in der Hand und schaute zu der alten Dame auf. „Was sind das für Bücher?, fragte sie und zeigte auf den Jane-Austen-Roman.
Die Bibliothekarin beugte sich noch ein Stück weiter nach vorne und schob ihre Brille zurecht. „Das sind ausgesonderte Bücher. Aber ich dachte, bevor ich sie wegschmeiße, stell‘ ich sie hierher. Vielleicht hat ja jemand Interesse. Weißt du, es tut mir in der Seele weh, ein Buch einfach wegzuwerfen.“ Sie verzog das Gesicht zu einer traurigen Grimasse und ließ sich wieder in ihren Stuhl sinken. „Nimm‘ dir ruhig welche mit. Bei dir sind sie sicher gut aufgehoben.“

Da hat sie wohl recht, dachte Amira und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag noch so schön werden könnte? Sie holte alle Bücher aus der Kiste und studierte sie eingehend.

Nach drei Stunden verließ sie die Bibliothek mit sieben Büchern unterm Arm und einem glücklichen Lächeln im Gesicht.

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