„Und den ersten Platz belegt…. Samantha Abbott!“, ertönte die klare Stimme der Ansagerin, und die anderen Teilnehmer machten mir Platz, während ich zum Treppchen lief und auf die oberste Stufe sprang. Die Menschen applaudierten, aber ich hielt nur Ausschau nach meinen Eltern, um ihre Reaktion zu sehen. Sie stachen deutlich aus der Menge hervor, und mein Vater nickte mir kurz zu, als sich unsere Blicke trafen, meine Mutter lächelte.
Den anderen Mädchen und mir wurden Medaillen umgehängt, dann sagte unser Trainer noch kurz etwas, der Direktor, der die Schule und den dazu gehörigen Sportplatz großzügig zur Verfügung gestellt hatte, stotterte ein paar Worte zurecht und dann war die Siegerehrung vorbei und wir durften gehen. Ich sprang vom Podest und rannte durch die Menge zu meinen Eltern. Meine Mutter schloss mich sofort in die Arme, und hielt mich einen Moment, bevor sie sich ein Stück zurück lehnte und stolz ansah.
„Das hast du großartig gemacht, Sam, wir sind so stolz auf dich. Du hast dir den Sieg mehr als verdient.“, sagte sie und küsste mich auf die Wange. Mein Vater drückte nur kurz meine Schulter, aber selbst das war mehr, als ich erwartet hätte und ich machte mich beschwingt auf den Weg zu den Duschen.
Es war so schwer meine Eltern zufrieden zu stellen, und sie so glücklich zu sehen, war ein unglaubliches Gefühl. Irgendwann würde ich es auch noch lernen, mein Temperament unter Kontrolle zu bekommen, und dann würden sie noch sehr viel öfter Grund dazu haben.
Summend duschte ich, zog mich um, föhnte und kämmte meine Haare, bevor ich immer noch geradezu pulsierend vor Energie den Dusch- und Umkleidebereich verließ – und prompt in jemanden rein lief. Erschrocken zuckte ich zurück und entschuldigte mich, aber blieb dabei an einer Tasche hängen, die irgendwer auf dem Boden hatte stehen lassen, und verlor das Gleichgewicht.
Die andere Person reagierte schnell und zog mich an sich, bevor ich fallen konnte. So fand ich mich, den weichen Stoff eines weißen Hemdes, welches sich über eine muskulöse, männliche Brust spannte, unter den Händen, und starrte perplex in ein mir nur allzu bekanntes Gesicht.
„Max“, stieß ich hervor und starrte den zwei Jahre älteren Sohn eines mit meinen Eltern befreundeten Paares noch einige Sekunden an, bevor ich mich hektisch von ihm löste und einen Schritt zurück machte und darauf achtete, nicht wieder über die Tasche zu stolpern.
„Hey“, antwortete Max und grinste mich amüsiert an, woraufhin ich prompt rot wurde.
„Hi“, erwiderte ich, und hätte mich im nächsten Moment ohrfeigen können, für diese geistreiche Antwort.
Max lachte leise, bevor er sagte: „Eigentlich war ich nur vorbei gekommen, um dir zum Sieg zu gratulieren und meine Bewunderung auszudrücken, aber jetzt beginne ich mich zu fragen, ob du nicht vielleicht irgendwie geschummelt hast. Wie gewinnt man einen Leichtathletikwettbewerb, wenn man so eine schlechte Koordinierung hat?“
„Ich… äh… ich habe keine schlechte, da war nur die Tasche und ich hatte nicht erwartet…“, stammelte ich und war froh, dass meine Eltern mich gerade nicht sehen konnten. So viel zum Stolz der Familie.
„Wie auch immer, es war schön, sich mit dir zu… unterhalten, Sam. Man sieht sich.“, erwiderte Max und wandte zum Gehen, bevor er mir über die Schulter zu rief: „Und übrigens, halt dir mal das erste Wochenende nächsten Monat frei, da veranstaltet die Oberstufe nen Frühlingsball und ich habe noch keine Begleitung.“
Mit diesen Worten verschwand er in der Menge und ließ mich sehr verwirrt, aber auch sehr glücklich, zurück.

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