Tag 13: Vorprogrammierte Konflikte

Konflikt 1:
Sie verschwindet und weiß von nun an nicht mehr, wo sie wirklich hingehört.

Konflikt 2:
Ihre Mutter stirbt bei der Explosion des Famillien-Goldschmiedebetriebes.

Konflikt 3:
Ihr Großvater und ihr Vater hassen einander bis aufs Blut, vor allem, weil Opa seinem Schwiegersohn die Schuld am Tod seiner Tochter gibt.

Konflikt 4:
Ein Theaterstück, das sein jähes Ende erst viele Jahre später findet, hält sie im Innern des gläsernen Sarges gefangen.

Konflikt 5:
Sie spürt die Trauer ihrer Liebsten, doch kann niemals mehr zurück.

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Beißender Rauch drangen ihr in Mund und Nase, sodass Finja hustend aus dem Dämmerschlaf erwachte, unfähig einen klaren Gedanken fassen zu können. Die Stimme ihrer Stiefmutter drang gefährlich sanft an ihr glutheißes Ohr: „ Siehst Du, Finja, so ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt. Sie verbrennen bei lebendigem Leibe.“ „Aber es ergibt doch überhaupt keinen Sinn“, Finjas Vorstellungskraft würde bald nicht mehr ausreichen, um die verschwommenen Erinnerungen aus dem Dunkel ihrer Seele heraufzubeschwören. „Es war Johannas Vater, der sie tötete, meine Base starb nicht durch Eure Hand.“ „Bist Du Dir da so sicher, ich hasste sie, so wie ich Dich hasse, wahrlich, ihr beiden gehört dem Abschaum der Meereskronen an. Johanna war eine Hexe und Du, Du bist auch längst auf der dunklen Seite angelangt. Lauf nur, mein Mädchen aber weit wirst Du es nicht schaffen. Ich werde ab jetzt immer schon da sein, und auf Dich warten, mein Täubchen.“ Rauch und die Glut einiger herabfallender Deckenbalken, verschleierten Finja die Sinne. Denn Gräfin Ermengard konnte unmöglich dieses Feuer gelegt haben, sie schmachtete ihr Dasein schließlich im Kellergewölbe, im Verließ des Grafensitzes und würde niemals mehr das Tageslicht wiedersehen, bis zum Tage ihrer Hinrichtung. Ihre zitternden Hände umfassten vorsichtig den Kupferknauf der Türe zu ihrem Schlafgemach. Von einem gewaltsamen orangeroten Lichtermeer in die Diele zwischen Treppenabsatz und angrenzendem Teezimmer gedrängt, gelang Finja von Büsen schließlich die Flucht nach vorne. Zwei Stufen auf einmal nehmend, stolperte sie in ihrem langen Schlafgewand ins Foyer hinab. Die Vorhänge, die Gobelins, alles stand in Flammen, brannte lichterloh, die Hauptpforte, nur noch ein Schatten ihrer mahagonigeprägten Kostbarkeit. Die Hitze fraß sich wie ein zu scharf geschliffenes Messer mühelos durch die Holzmaserungen, sodass höhnische Fratzen entstanden, die das Mädchen auszulachen suchten. „So ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt.“ Das höhnische Gelächter ihrer Stiefmutter, ließ die junge Comtesse innerlich zusammenzucken, während ihre Silhouette erstarrt zu sein schien. Finja glaubte in dieser Nacht sterben zu müssen, ohne zu wissen, auch nur zu erahnen, dass sich weit entfernt von ihr, bzw. einer weit entfernten Zeitrechnung, gerade ähnliches abspielte. Als die junge Dame einen vermeintlich letzten Blick in den bodenlangen Spiegel im Kaminzimmer warf, erblickte sie dort nicht nur ihr eigenes Spiegelbild. Da war noch etwas anderes, jemand anderes, der zu ihr hinausschaute. Zunächst dachte sie, es handle sich um eine Täuschung, eine Illusion, doch ihr doppeltes Spiegelbild verschwand einfach nicht, auch nicht, als der Rahmen ebenfalls Feuer fing und bedrohlich begann hin und her zu schwanken. „Finja, Du darfst ihr nichts glauben, sie ist nicht die, die sie vorgibt zu sein, die andere ist das Monster. Diejenige, die vorgibt böse zu sein, will Dich in Wahrheit beschützen.“ Finja robbte sich langsam zum Spiegel vor, immer auf der Hut vor herabfallenden Holzsplittern, Holzbalken oder umstürzendem Mobiliar. „Wenn ich hier und heute verrückt geworden sein sollte, dann sei es so, ich werde sowieso bald nicht mehr unter den Lebenden weilen“, traurig wischte sie sich eine unsichtbare Träne von den rußigen Wangen. „Doch, das wirst Du, Du wirst leben, nur eben nicht jetzt.“ Verwirrt blickte Finja auf den zerberstenden Spiegel, während sich

ihr doppeltes Spiegelbild wieder zu einem einzelnen zusammensetzte. Doch dieses Mädchen hinter dem Spiegel, dort, wo es ebenfalls brannte, verschwand dennoch nicht sofort. Sie blieb, wo sie war, eingehüllt in ein weißes Hemd aus Leinen, das sie zu einem azurfarbenen Beinkleid trug. Aus welcher Welt sie auch immer zu entstammen vermochte, sie würde ihr Schicksal werden. Denn als Finja emporblickte, hatten sich das Feuer und seine Dämonen mit den ersten Anzeichen des heraufdämmernden Tages in aschenträchtige Luft aufgelöst.

Tag 2: Es war einmal …

Es war einmal ein junges, hübsches Mädchen, das seinen Vater über alles liebte. Jeden Tag begleitete sie ihn, wenn er zu Reisen in ferne Länder aufbrach, was selbstverständlich nur in seinen Träumen stattfinden konnte, denn sie galt als vogelfrei. Eines Tages aber, so sagte man ihm, würde sein Mädchen zu ihm zurückehren, nur wann, diese Frage wurde ihm jedes Mal aufs Schmerzlichste verweigert. Deshalb verbarg er sich in der dunkelsten Ecke seines Schlosses, den Blick auf die Weite der smaragdgrünen Landschaft gerichtet, eine Aussicht, die Erinnerungen durch seine Träume wabern ließ. Deshalb beschloss er, seinem Leben ein Ende zu setzen, sich den Mächten hinzugeben, die ihm sein eigen Fleisch und Blut einst aus den Armen entrissen. Bis schließlich die Welt um ihn herum in Dunkelheit versank und er erkennen musste, dass er es war, der sie verriet, er war Finjas nächtlicher Verfolger und der Tod sollte ihm noch viele Jahrhunderte lang verwehrt bleiben.

Tag 1: Brief an die Zukunft

Liebe Anna,
Du wolltest doch schon damals die Welt verbessern, ließt Dich von Musiktexten, Gedichten, den alten Denkern leiten. Ich weiß, dass Du etwas Bedeutendes erschaffen haben wirst, bis ich dazu komme, diesen Brief an Dich fertig zu stellen. Weißt Du eigentlich, warum Deine Geschichten immer wieder mal auf Ablehnung stießen? Deine Art zu denken, kleine Anna, ist nicht jedermanns Sache, trotzdem, ich hoffe, Du bist Deinem Stil treu geblieben. In Deinem Glauben daran, dass wahre Liebe sogar den Tod überwindet, Geister im Hier und Jetzt verwoben bleiben, um nie Erreichtes zu Ende führen zu können…. Ich muss Dir ehrlich sagen, Du schriebst manch horrorhafte Szenen so nieder, als bestünden sie aus purer Nostalgie, vielleicht war ja es ja das, was manch andere Leser nicht zu begreifen wussten. Du drücktest Dich immer so aus, als hätten diese Wesen wirklich existiert und Du weißt, mein junges Ich, das ich Dich schon damals mit der Kindlichen Kaiserin in ihrem Elfenbeinturm verglich. Kannst Du Dich noch an Deinen alten Ethik-Professor erinnern? Wie er Dich mit schelmisch blitzenden Augen musterte und leise, fast ehrfurchtsvoll fragte: „Wie machen Sie das, Sie sehen aus, als wären Sie noch ein Teenager, doch sprechen Sie, als seien Sie 20 Jahre älter als ich.“ Die Sache mit der alten Seele, ich wünsche mir von Herzen, dass Du fühlst, was ich heute fühle. Vielleicht verstehen Deine Leser ja besser, was Du meinst, wenn Du ihnen vor Beginn einer Geschichte erzählst, warum Du denkst, was Du denkst und wie gerade diese Gedanken dorthin gelangen konnten. Du kannst etwas, kleine Anna, wirf das nicht weg.
In Liebe, Deine alte Seele

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