Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Unvermittelt fand sich Elly mitten auf einer schwankenden Brücke über einen reißenden Fluß wieder, der von den grellen Blitzen eines Gewitters in ein bizarres Lichterspiel getaucht wurde. Hinter hier stand eine blökende Herde Schafe, deren lautes Gemähe ihr immer wieder bedeute endlich hinüber zu gehen und die Frage zu stellen. Verwirrt versuchte sich Elly die Haare aus dem Gesicht zu streichen um zu sehen was da drüben am anderen Ende der Brücke denn wäre und vor allem wer. Als ein erneuter Blitz nur wenige Meter neben der Brücke in die Erde fuhr, sah sie etwas Unglaubliches: am anderen Ufer wuchs ein riesiger Baum in die Höhe mit einer mächtigen Krone und weitreichenden Wurzeln, von denen sie nur erahnen konnte, wo ihr Ende sein könnte: Yggdrasil, der Baum des Lebens!
Im Schutz einer kleinen Aushöhlung des Stammes konnte Elly eine Schildkröte ausmachen,
Kassiopeia, die unsterbliche, allwissende Schildkröte.
Aber was war es was die Schafe von ihr wissen wollten? Das laute Mähen wurde mit jedem Donnern und Blitzen eindringlicher und ängstlicher als schiene ihr Leben davon abzuhängen. Elly ließ Kassiopeia nicht aus den Augen und stampfte gegen das Unwetter an, da wurde ihr Blick wie versteinert. Eine dunkle Gestalt, ein Indianer, war aus Yggdrasils Schatten getreten, machte eine seltsame Bewegung und etwas kam auf Elly zugeflogen, keinen Schritt war es ihr mehr möglich zu gehen, wie durch ein Schlüsselloch sah sie einen Pfeil auf sich zu rasen – schweißgebadet stieß Elly einen Schrei aus und saß kerzengerade in ihrem Bett.

Tag 4: Home Sweet Home

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Erschöpft, ein wenig sauer und grummelig sinkt Elly auf einen Stuhl an ihrem geliebten Küchentisch. Warum um Himmelswillen muss diese Mona jedes Stücken Ware auf dem Band kommentieren. Diese unglaubliche Freundlichkeit von der dieses Mädchen nur so sprühte, konnte einem gewaltig auf den Sack gehen. Elly strich mit der flachen linken Hand sanft über die Oberfläche des Tisches. Was für eine Arbeit. Immer noch spürte sie das Gewicht der Schleifmaschine in ihren Armen. Ebenso wie die Vorfreude und Aufregung die sie mit einemmal befallen hatten, als sie in den alten Häusern unterwegs gewesen war um nach einer passenden Holztür für ihr Vorhaben zu suchen. Meine Güte, wie lange hatte sie ihren eigentlichen Beruf nicht mehr ausgeübt. Und dann dieses nebenbei gesehene Video im Nachtprogramm. Es waren wundervolle Stunden angespannter und doch erlösender Arbeit. Sie hatte nicht denken müssen. Jedenfalls nicht so.
Elly nahm einen großen Schluck Kaffee. Und dann hatte sie weiter gemacht.

Tag 3: An der Supermarktkasse

„Guten Tag Elly, wie geht‘s Ihnen heute?“ … herrjee sie sieht schlecht aus, vor mir kann sie es nicht verstecken…
„Hallo Mona, haben sie schon wieder Schicht?“
„Sie wissen ja, die kleinen Mäuler wollen gestopft sein.“
Oha ein Hundeknabberknochen? Hat sie sich jetzt auch einen Hund angeschafft? „Gut gegen das Alleinsein. Was füttern sie denn?“
„Wie bitte, “ ein wenig konsterniert schüttelt Elly den Kopf, „ ach so, nein, nein, den nehm ich mit zu einem Besuch.“
„Da wird sich der Gastgeber aber freuen, wenn sie seinen Wuffi verwöhnen. Na aber das Rattengift nehmen sie hoffentlich nicht auch mit auf den Besuch.“ Schallend lacht Mona, in der Hoffnung Elly ein bisschen aufzumuntern.
Elly streckt sich innerlich und atmet tief durch. „Sie werden es nicht glauben, mein Gastgeber hat eine Rattenplage im Keller.“
Mona spürt ein wenig von der abweisenden Kälte in Ellys Antwort.
„Ach deswegen die Handschuhe“, flink zieht sie einen Packen steriler Haushaltshandschuhe über die Kasse und lächelt ihr wärmstes Lächeln.
„Ja, ich hab ne Allergie gegen alles was giftig und irgendwie falsch ist.“ Elly lächelt dabei nur mit den Augen jedoch so eindringlich, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Mona zweifelt langsam dran ob das wirklich die Elly ist, die jede Woche zu ihr einkaufen kommt.
Stumm zieht sie Zigaretten – 5 Schachteln „Davidoff Menthol“, sonst bevorzugt Elly eigentlich die eher schwächere Sorte „Vogue lilas“, ein paar Lebensmittel und unglaublicher Weise ein Flasche Champagner.
Soweit Mona wusste, war Elly seit ewigen Zeiten allein. Wenn das ein Date war… mein Gott, was war das für ein Mann? Mit Ratten im Keller? Für denn sie sich mit starken Zigaretten wappnen musste? War die Frau wirklich sooo verzweifelt vom Alleinsein? Und wer weiß wofür sie die Handschuh wirklich brauchte. Während sie Elly abkassierte, bekam Mona das Bild von der behandschuhten Elly im Schlafzimmer irgendeines alten Zausels nicht mehr aus dem Kopf. Kurz begegneten sich die Blicke der beiden Frauen. Mona öffnete den Mund und wollte schon – da lächelte Elly: „Alles gut Mona, alles gut.“

Tag 2: Es war einmal …

Es war einmal eine Zeit, in der sich die Menschen mit allerhand kitschigen Sprüchen Grüße in Poesiealben hinterließen. Die Menschen entwickelten sich weiter. Sie machten sich die Technik zu Willen. Bald waren es nicht nur die Gelehrten, die an Rechnern saßen und Rechner wurden so klein, dass sie in eine Hand passten. Fast jedes Kind hatte einen. Sie nannten sich Smartphone.
Die Überbringer von Poesiealbumsprüchen in Formel1 Geschwindigkeit. Dank WhatsApp. Jeden Tag flogen Unmengen von Sprüchen aller Art durch das Internet. In etwa so: „ Heute ist der Internationale Tag der gut aussehenden Frau. Also sende diese Nachricht an jemanden, auf den diese Beschreibung perfekt passt. Und denke immer an die Devise: Das Leben sollte keine Reise sein mit dem Ziel in einem attraktiven, gesunden Körper ins Grab zu steigen. Wir sollten lieber seitlich hinein rutschen, mit Schokolade in der einen und einer Flasche Sekt in der anderen Hand, der Körper total verbraucht und glücklich schreiend: „Wow, was für eine Fahrt!“ Habe einen wunderbaren Tag! Sende diese Nachricht an fünf wundervolle und kluge Frauen und es passiert wie immer nichts! Aber du bringst sie wenigstens zum Lachen.“
Eines Tages aber bekam die 17jährige Brina eine Nachricht, die ein grausames Ultimatum stellte. Deshalb ging Brina an diesem Weihnachtfeiertag völlig verstört mit ihrem Handy zur Polizeidienstelle in ihrer Stadt. Sie tat das einzig Richtige, dachten sie und ihre Mutter Elly.
Deshalb schickte sie ein schulterklopfender diensthabender Beamter mit der abfälligen Bemerkung „ So was nimmt man doch heute nimmer Ernst. Einfach löschen und gut iss.“, gleich wieder nach Hause.
Bis schließlich die Meldung vom Tod des jungen Mädchens gleichzeitig mit einer WhatsApp bei eben jenem Beamten ankam. Eine WhatsApp, die ihm höchst unangenehm bekannt vorkam.

Tag 1: Brief an die Zukunft

Grüß dich ich,
auf keinen Fall darf ich es vergessen.
Wenn du das liest, tu dir einen Gefallen und schau nach ob es sich bereits geklärt hat. Überprüfe, ob diese abscheuliche Zicke noch frei rum läuft. So etwas habe ich nicht für möglich gehalten.
Erinnere dich an deine Wut, dein Entsetzen. Ja,ja,ja alt schwach, keine Handhabe, vergessen – blablabla.
Reiß dich jetzt zusammen alte Frau! Solche Sachen vergisst niemand. Und wenn du das behauptest, dann hast du sie verdrängt. Guck nicht so sparsam empört. Ich bin du – ich kenne dich besser als sonst wer.
Du weißt genau wen ich meine! Wenn du dass hier liest sind mindestens 5 Jahre vergangen. Entweder ist das Biest hinter Gittern, in der Klapse oder ich, also wir, ich meine du, haben sie erledigt.

Habe ich es noch nicht geschafft – musst du das jetzt machen. Es ging auch um dein Kind.

Mach es gut!

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