Tag 30: Achtung: Hochspannung!

Amira presste den Ärmel ihres Pullovers auf ihre Nase und kniff verbissen die Augen zusammen. Entweder verrottete hier gerade eine Leiche oder ihr Großvater bewahrte hier oben eine Stinkbombensammlung auf, die gerade explodiert war. Ein Würgreiz bahnte sich den Weg aus ihrem Rachen nach oben, Amira schluckte tapfer. Eigentlich bereitete es ihr immer Freude, in altem Krimskrams zu stöbern und vielleicht das ein oder andere Buch zu entdecken. Aber der Gestank hier oben war einfach atemberaubend, im wahresten Sinne des Wortes. Amira saugte gierig Sauerstoff in ihren Mund, blähte ihre Mundhöhle auf und hielt die Luft an. Hektisch begann sie in den alten Kartons zu wühlen, stieß mit dem Ellbogen an ein wackeliges Kellerregal und mit einem lauten Scheppern fiel sämtliches Gerümpel auf den Boden, unter anderem eine Holzkiste, die genau auf Amiras linken Fuß fiel. Amira stieß einen unterdrückten Schmerzensschrei aus und presste die Hand vor den Mund. Bloß nicht einatmen! Sie hockte sich vorsichtig hin, rieb sich den schmerzenden Fuß und warf einen Blick zu der Holzkiste. Die Verziehrungen darauf kamen ihr vertraut vor. Erinnerungen durchzuckten sie und es erschienen einzelne Bildausschnitte vor ihrem inneren Auge, Erinnerungen an Momente, die sie in diesem Haus erlebt hatte. Amira griff nach der Kiste und betrachtete sie. Langsam wurde ihr schwindelig, sie musste bald wieder Luft holen. Sanft strich sie über die eingravierten Muster und erinnerte sich unwillkürlich an ein Märchen, das ihre Großmutter ihr immer erzählt hatte. “Die Schachtel hält genau einen Wunsch für dich bereit”, hatte sie immer gesagt. “Wenn du einmal groß bist, dann kannst du für einen ganzen Tag das Leben mit einer anderen Person tauschen.”
Amira hatte es als Kind alles geglaubt, jedes einzelne Wort. Sie konnte es damals gar nicht erwarten, groß zu werden. Und jetzt … Amira betrachtete die Kiste und spürte wie der Würgreit erneut an ihrem Rachen kratzte. Schwarze Punkte tanzten vor ihrem Auge und ein schmerzvolles Rauschen dröhnte durch ihre Ohren. Es ging nicht mehr. Amira ließ die Kiste fallen und stürzte zur Tür. Sie stolperte die Stufen hinunter und rang gierig nach Luft.

Tag 31: Das Ende

Zuletzt habe ich gelesen:
Kirschblüten und rote Bohnen

Dabei habe ich folgendes herausgefunden:
Nach dem ich die ersten Seiten des Romans gelesen hatte, wusste ich immernoch nicht, was genau auf mich zukommen wird. Um mit den Metaphern des Buches zu beschreiben: Es war wie eine Kirschblüte, die sich langsam geöffnet und immer mehr von sich offenbart hat, aber vorher konnte man nicht erraten, wie das Resultat aussehen wird. Es wurden am Ende auch viel mehr Fragen beantwortet, als ich mir gestellt habe. Ein Ereignis am Ende hat mich wirklich schwer getroffen. Wenn ich vielleicht genauer nachgedacht hätte, dann wäre mir diese Wendung womöglich eingefallen. Das war leider nicht der Fall.

Tag 29: Die Vorahnung

Dies ist das Vorahnungselement meiner Geschichte:
Amiras Gedanken schweifen ab und sie denkt an den Typen, der sie im Treppenhaus angerempelt hat, und am nächsten Tag trifft sie natürlich genau diesen Typen wieder.

Und so stelle ich mir vor, das Element in meiner Geschichte einzubauen:
Dieses Element muss sehr früh vorkommen. Immerhin kann die Geschichte, oder die Geschichten, erst losgehen, wenn beide aufeinandertreffen und zusammenarbeiten. Dass sie sich kennenlernen ist eine Sache… dass sie sich „lieben lernen“ eine andere. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Hauptsache sie lernen sich erst einmal kennen und vertragen sich wenigstens ein bisschen.

Tag 28: Der Zwilling

Es brachte einfach nichts. Sie konnte sich so lange im Bett wälzen, wie sie wollte. An Einschlafen war nicht mehr zu denken. Amira wusste, dass ihre Schwester eine Frühaufsteherin war und vermutlich bereits Frühstück machte. Sie war in so vielen Dingen komplett anders als Amira. Das Einzige, was beide gemeinsam hatten, war ihr Aussehen. Amira seufte genervt und rappelte sich auf. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und schlurfte im Schlafanzug die Treppe runter in die Küche. Auf dem Weg dorthin stieg ihr bereits der Duft von frischen Brötchen in die Nase. Beim Bäcker war sie also auch noch, dachte Amira und rollte mit den Augen. Als sie die Küche betrat, stand ihre Schwester mit dem Rücken zu ihr am Herd und brutzelte Schinken in einer Pfanne. Sie drehte sich nicht zu Amira um, als diese sich an den Tisch setzte, trotzdem begrüßte sie Amira mit einem heiteren „Guten Morgen!“ und schubste den Schinken weiter mit einer Gabel in der Pfanne herum. Amira trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf dem bereits sehr liebevoll gedecktem Tisch stand. „Morgen“, erwiderte sie murrend und wischte sich den Mund ab. Sie konnte es praktisch spüren, dass ihre Schwester unentwegt lächelte. Amira hasste das. Sie hasste so viele Dinge an ihrer Schwester. Leider konnte Amira sie nicht einfach rausschmeißen. So herzlos war nicht einmal sie.
„Wie läuft es in der Schule?“, kam es plötzlich aus Richtung Herd. Amira schaute zu ihrer Schwester. Diese hatte sich immernoch nicht umgedreht, aber ihre Stimmlage verriet, dass sie immernoch ein breites Lächeln im Gesicht hatte.
„Wie immer.“, antwortete Amira und setzte erneut das Glas an ihre Lippen. „Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Schweigen.
„Es ist nur so, ich habe dich letztens in der Schulzeit mit einem komischen Typen gesehen.“
Amira verschluckte sich, kippte in ihrem Hustanfall das Wasserglas um und verteilte prustend einige Tropfen auf der Tischplatte. Sie klopfte sich auf den Brustkorb, aber das Husten wurde nur noch schlimmer. Sie versuchte Luft zu holen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Ohne auf Amira zu achten, sprach ihre Schwester weiter. „Es war an einem Dienstag, ziemlich früh. Du hättest Unterricht gehabt, das weiß ich. Du hast geschwänzt, nicht war?“ Sie lächelte immernoch. „Wer war dieser Typ? Er sah ziemlich schludrig aus, wenn du mich fragst.“
Amira hustete immernoch und trank den Schluck Wasser, der noch in ihrem Glas drin war. Langsam beruhigte sie sich wieder.
„Jetzt sag schon. War das dein Freund?“ Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Nein, was red‘ ich da… Das würde nicht zu dir passen. Deine einzig ware Liebe sind Bücher, und das bleibt sicher so, bis zu alt und grau bist.“ Endlich drehte sie sich um und schenkte Amira ein engelsgleiches Lächeln. „Hübscher Ring übrigens. Das Auge wirkt sehr realistisch. Als würde es mir jeden Moment zuzwinkert.“ Sie hob die Pfanne an, schaltete den Herd aus und schubte den Schicken auf einen Teller. Amira starrte ihre Schwester fassungslos an.
Scheiße, sie wusste über Jack bescheid… Und den Ring sollte eigentlich auch niemand bemerken, verdammt.
Ihre Schwester brachte den Schinkenteller an den Tisch und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von Amira.
„Du hast ein Geheimnis, nicht wahr? Ein ziemlich großen. Magst du es mir erzählen?“ Ihr Lächeln wurde breiter und eine Reihe schneeweißer Zähne blitzte Amira entgegen.
„I–Ich muss aufs Klo.“, würgte Amira hervor, stieß den Stuhl vom Tisch weg und stürtzte aus dem Raum.

Tag 26: Das Blatt der Zeit

Mein zufällig gewählter Textabschnitt ist aus dem Buch: »Kirschblüten und rote Bohnen« (S. 45, Z. 20 ff).

Der Absatz ist sehr kurz. Es wird ein Zustand beschrieben, der auf eine bestimmte Zeitspanne zutrifft, welche sich jedoch nicht ablesen lässt. Man könnte sagen, der Absatz ist zeitlos. Die einzige Zeitangabe ist „Wenn ihn der Mut verließ […]“. Der Abschnitt kann in der Gegenwart spielen, trifft aber auch auf die Zukunft zu. Ich finde, es ist auch gar keine Zeitangabe nötig. Es wird eine Art Fortschritt beschrieben, da ist es praktisch, wenn die „Zeitangabe“ sich auf das weitere Geschehen übertragen lässt.

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