Tag 26: Das Blatt der Zeit

Mein zufällig gewählter Textabschnitt ist aus dem Buch: »Faunblut« (S. 176, Z. 8 ff).

Der Abschnitt spielt in der Vergangenheit von Jade, da sie Situationen beschreibt, die so schon passiert sind. Allerdings hatte dies durch die Nutzung einer anderen Zeitform noch verdeutlicht werden können.
Einen bewussten Eindruck davon, dass überhaupt Zeit vergeht, habe ich nicht. Es wird indirekt darauf hingewiesen, da Faun sich zuerst etwas ansieht und später über die Brücke zurück geht, aber es werden keine die Zeit beschreibenden oder betreffenden Worte verwendet.

Tag 25: Die Erzähler

Marktschreier

Eilmeldung! Eilmeldung! Samantha Abbott ist verschwunden!
Ja, Sie haben richtig gehört. Samantha, Tochter von Richard und Elisabeth Abbott, ist weg gelaufen.
Zumindest ist das die offizielle Erklärung. Es gehen allerdings Gerüchte um, dass sie von Vampiren entführt wurde. Einige behaupten sogar, sie wäre selbst einer.
Dabei ist die wichtige Frage doch: Was haben sie vor? Was wollen die Vampire mit ihr? Und warum verheimlichen ihre Eltern das? Stecken sie mit ihnen unter einer Decke? Wollen sie uns, uns gewöhnlichen Bürgern, etwas antun? Oder ist es sogar so, dass die Vampire etwas gegen die Reichen haben?
Was ist, wenn sie uns angreifen? Wenn sie nicht mehr im Schatten leben wollen? Wenn sie ihr wahres Gesicht offenbaren wollen, und unsere Stadt als Beispiel nehmen?

Oh ja, schütteln Sie nur Ihre Köpfe! Aber wenn die Vampire dann angreifen, dann werden Sie an meine Worte denken! Wenn Sie ihre Familien tot auffinden, werden sie sich wünschen, mir geglaubt zu haben!
Laufen Sie weg, so lange sie noch können! Uns steht Schreckliches bevor!

Tag 24: Schritt für Schritt

(ich nehme als Meilenstein-Liste einfach mal meine Heldenreise, das müsste so was in der Art sein? Aber es ist schlecht ;D)

1) Gewohnte Welt/Ruf des Abenteuers: Sam erfährt, dass sie nach dem Angriff von Cathryn zum Vampir werden oder sterben wird.

2) Weigerung: Sie kommt mit dieser Nachricht überhaupt nicht klar, da sie Vampire als Monster ansieht, und sagt, sie würde eher sterben, als Blut zu trinken.

3) Mentor: Ethan versucht sie trotzdem weiter zu überzeugen und bleibt in ihrer Nähe, obwohl es für ihn gefährlich ist.

4) Überschreitung der Schwelle: Sam tötet aus Versehen ein Mädchen und muss fliehen.

5) Proben, Verbündete, Feinde: Ethan bringt sie dem Versteck der Vampire, wo Sam lernen muss, mit ihrem neuen Leben und der überwiegenden Feindseligkeit der anderen klarzukommen.

6) Tiefste Depression (Deep Shit Point): Sie wird vom Rat gefangen genommen und gefoltert, um Informationen preiszugeben

7) Entscheidende Prüfung: Bei der Flucht aus dem Rathaus greift Sam Miriam an, und bringt sie fast um, kann sich aber im letzten Moment zurückhalten.

8) Belohnung: Durch das Wissen, dass sie sich unter Kontrolle hat und sogar Schmerz aushalten kann, um ihre Freunde zu schützen, gewinnt Sam Selbstvertrauen.

9) Wendepunkt: Als sie wieder beim Versteck ankommen, finden sie alle tot auf, und sowohl Cathryn als auch Ethan werden schwer verletzt, woraufhin Sam selbst entscheiden muss, was sie in der Situation machen sollen, und ihr niemand dabei helfen kann.

10) Auferstehung: Sam wird sich darüber klar, dass sie nicht einfach weglaufen kann, sondern gegen den Rat kämpfen muss.

11) Rückkehr: (indirekt) Sie fasst trotz der eher schlechten Umstände neuen Mut und beschließt, Ethans Familie aufzusuchen.

12) Endszene: Sam macht sich zusammen mit den anderen auf den Weg zu der Siedlung.

Tag 23: Der Fluch der Mumie

Ehrfürchtig trat ich in die kühle Eingangshalle und ließ die Stille auf mich wirken. Die Wände waren mit Hieroglyphen und Säulen verziert, zwischen welchen in Schaukästen verschiedenste, zum Großteil vergoldete, Ausstellungsstücke thronten. Es war nur schwach beleuchtet, was die geheimnisvolle, geradezu mystische Atmosphäre nur verstärkte, und auf Grund der Tageszeit war nicht allzu viel los.
Ich ging langsam durch die Halle, sah mir alles genau an und las die dazu gehörigen Informationsschilder. Wenn ich schon Ärger bekommen würde, weil ich es gewagt hatte, nach der Schule nicht zum Ballett, sondern in die ägyptische Ausstellung ging, dann sollte es sich zumindest lohnen.
Neben der Tür, die zu dem Raum mit dem Sarkophag fühlte, hing ein Hinweisschild, auf dem darum gebeten wurde, nicht zu versuchen hinter die Absperrung zu kommen und sich dem Sarg zu nähern, da sich immer noch Spuren von alten Viren oder Pilzen daran befinden könnten. Schulterzuckend ging ich weiter und fragte mich, warum es überhaupt Leute gab, die den Sinn von Absperrungen nicht verstanden.
Auch hier wollte ich mir alles genau ansehen, als plötzlich das Hauptlicht ausging. Verwirrt sah ich mich um, aber es war niemand anderes zu sehen. Ob das Museum schon zu hatte? Ich wollte auf meinem Handy nach der Uhrzeit sehen, aber anscheinend hatte der Akku den Schultag nicht überstanden und es war aus, weshalb ich ein wenig hilflos und verloren inmitten alter Artefakte, in einer nur notdürftig beleuchteten Halle, nur eine Mumie als Gesellschaft, stand.
Da hörte ich in der Ferne das Klirren von Schlüsseln und Schritte, die sich näherten. Zuerst war ich erleichtert, anscheinend gab es Wachpersonal, das aufpasste, dass niemand eingeschlossen wurde, aber dann ergriffen mich Zweifel. Was war, wenn die Person mir nicht glaubte, dass ich aus Versehen eingeschlossen wurde, weil ich mein Zeitgefühl vollkommen verloren hatte? Was war, wenn man mir vorwerfen würde, mich absichtlich hier her geschlichen und versteckt zu haben, um die Nacht hier zu verbringen oder gar was zu stehlen? Und wenn dann die Polizei gerufen würde? Meine Eltern würden mich umbringen, und spätestens morgen wüsste es die ganze Stadt.
Die Schritte kamen immer näher, und ich sah mich hektisch nach einem Versteck um, doch die einzige Möglichkeit, die sich mir bot, war der Sarg. Ich lugte um die Ecke und sah, wie der Wachmann gerade in einem anderen Raum verschwand, bevor ich schnell über die Absperrung kletterte und vorsichtig in den Sarkophag schaute. Jetzt verstand ich auch, warum die Menschen nicht zu nah heran kommen sollten. Der Flyer erzählte lügen, hier war gar keine Mumie; der Sarg war leer.
Obwohl es verständlich und nachvollziehbar war, wäre ich zu jedem anderen Zeitpunkt wahrscheinlich verärgert gewesen, doch in diesem Moment hatte ich keine Zeit dafür. Ich hörte bereits, wie der Wachmann sich wieder auf diesen Raum zu bewegte, weshalb ich, ohne noch weiter darüber nachzudenken, in den Sarg kletterte ich mich dann an die Wand presste. Während der ganzen Zeit, in der der Wachmann durch den Raum lief, hielt ich die Luft an und bewegte mich keinen Millimeter, bis er endlich wieder raus ging.
Ich wartete noch einen Moment, bevor ich wieder aus dem Sarg kletterte und so leise und unauffällig wie möglich zum Eingang schlich. Allerdings hatte ich dabei nicht beachtet, dass das Museum geschlossen hatte, weshalb auch die Eingangstür zu war. Da hörte ich das mir schon bekannte Klirren der Schlüssel wieder, und eine männliche Stimme die fragte, ob da jemand wäre.
Wieder sah ich mich nach einem Versteck um, ich würde deutlich lieber in der Nähe des Eingangs bleiben, aber es war so karg dekoriert, dass meine einzige Möglichkeit auch weiterhin der Sarkophag war. Also schlich ich wieder zurück und legte mich in die kalte, unbequeme Steinbox.
Nach einiger Zeit – ich vermutete, dass mindestens zwei Stunden vergangen sein mussten, da der Wachmann zwei weitere Male die Räume gecheckt hatte – begannen meine Augen und auch meine nackten Arme unglaublich zu jucken und zu brennen. Zuerst tat ich es als Einbildung ab, dann versuchte ich es auf den Staub zu schieben, aber als meine Augen schließlich richtig zu Tränen anfingen und auch mein Hals total gereizt war, so dass ich durchgehend das Bedürfnis hatte, zu husten, fing ich an, mir Sorgen zu machen.
Was war, wenn ich wirklich mit irgendwelchen Viren oder Pilzen in Berührung gekommen war und jetzt krank wurde? Aber andererseits konnte ich jetzt noch weniger weg, als zuvor. Jetzt würde mir niemand mehr meine Geschichte glauben, also hatte ich keine Wahl, als es einfach auszuhalten und zu hoffen, dass ich nicht sterben würde.

Tag 22: Der verlorene Kopf

Ich saß in einem Ledersessel vor dem Tisch des Kollegen meines Vaters, welcher aber noch nicht da war. Seine Sekretärin kannte mich mittlerweile, und hatte mir freundlich – und falsch – zu gelächelt, während sie mich zu dem Büro gebracht hatte. Er war bis jetzt jedes Mal zu spät gewesen, egal ob morgens zu Arbeitsbeginn, nach Pausen oder wenn ich von irgendwelchen Aufträgen zurückkam, und ich wunderte mich, dass mein Vater so etwas tolerierte. Für gewöhnlich, waren meine Eltern sehr auf Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein bedacht, schon allein, wegen des guten Eindrucks, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieser Mann auf seine Klienten positiv wirken konnte. Aber vielleicht verhielt er sich bei offiziellen Terminen ja auch ganz anders.
Gelangweilt ließ ich meinen Blick durch das Zimmer wandern, hinweg über all die Diplome und Auszeichnungen, verschiedensten Statuen und Bilder, die alle nur dazu dienten, seine Stellung und Machtposition zu verdeutlichen. „Ich bin besser als du“, schrien sie, „Sieh zu mir auf“. Ich konnte weder ihn, noch sein Büro oder seine verlogene Sekretärin leiden. Eigentlich hatte ich sogar den Verdacht, dass die beiden was am Laufen hatten, und er seine Frau betrog, aber das konnte ich natürlich nicht nachweisen. Nicht, dass ich es versucht hätte. Ich mischte mich nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein.
Da blieb mein Blick wiederholt am Fernrohr hängen, und ich warf einen unsicheren Blick über die Schulter. Er hatte mir verboten, irgendetwas in seinem Büro ohne ausdrückliche Erlaubnis und Aufforderung anzufassen, insbesondere das Fernrohr, aber… irgendwie juckte es mich schon in den Fingern, zu sehen, was er denn so betrachtete. Zögernd stand ich auf und näherte mich, wie beiläufig, dem Stativ. Nach einem letzten prüfenden Blick zur Tür sah ich schließlich hindurch.
Zuerst konnte ich gar nichts sehen, nur weiß, weshalb ich das Fernrohr ein wenig schwenkte und schon bald die Fassade des gegenüberliegenden Hauses in mein Blickfeld kam. Es war eines der wenigen mehrstöckigen Wohnhäuser dieser Stadt, und ich wusste, dass die Wohnungen dort sehr teuer waren. Obwohl fast alle Fenster dunkel waren, und man keine Personen sehen konnte, fragte ich mich, ob er von hier aus wohl auch Frauen beim Umziehen beobachtete.
Ich hatte gerade entschieden, dass ich für heute genug Risiken eingegangen war und wollte mich wieder setzen, da blieb mein Blick an einem Mann hängen. Er trug nur einen Pyjama und blickte nachdenklich aus dem Fenster. Soweit ich mich erinnern konnte, gehörte er zur oberen Gesellschaftsschicht – wie sonst könnte er sich auch die Wohnung leisten? – aber war nicht allzu angesehen. Er arbeitete als Reporter, so viel wusste ich, und es gingen Gerüchte um, dass die Reichen der Stadt ihn bezahlten, nur positive Dinge über sie zu schreiben, und die negativen zu vertuschen.
Ein Hoch auf die Pressefreiheit.
Da erschien plötzlich eine zweite Person am Fenster und der Mann drehte sich überrascht um. Er schien seinen Besucher – oder eher, seine Besucherin – nicht zu erwarten, und wirkte wütend. Es sah aus, als drohte er ihr, die Polizei zu rufen. Die andere Person wirkte ebenfalls aufgeregt, und irgendetwas an ihr kam mir bekannt vor. Aus der Entfernung konnte ich nur sehen, dass es eine Frau, vielleicht auch ein Mädchen, war, welche blondes, schulterlanges Haar hatte. Dann verschwanden sie hinter dem seitlichen Vorhang, und ich wartete gespannt, ob sie noch einmal auftauchen würden.
Einige Minuten blieb es leer, doch dann stolperte plötzlich der Mann wieder ins Blickfeld des Fernrohrs und griff haltsuchend nach dem Vorhang, bevor er mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden sank. Das Mädchen trat ebenfalls ans Fenster, bückte sich kurz, als würde sie nach dem Mann sehen und sah sich dann kurz suchend im Raum um. Ich hätte erwartet, sie schockiert oder entsetzt zu sehen, aber sie wirkte eher genervt. Verärgert. Sie hatte sich gerade abgewandt und sah aus, als würde sie den Raum verlassen wollen, da drehte sie den Kopf noch einmal zum Fenster und schien mich direkt anzusehen. Ihre grünen Augen schienen mich geradezu zu durchbohren, und ich sprang unwillkürlich von dem Fernrohr zurück.
Jetzt wusste ich wieder, woher ich sie kannte. Sie war das merkwürdige Mädchen aus dem Fahrstuhl, die hier ebenfalls Praktikum machte – oder das zumindest behauptet hatte – und obwohl es absolut keine logische Erklärung dafür gab, schien sie mich gesehen zu haben. Hin und hergerissen zwischen dem Instinkt, wegzulaufen und mich zu verstecken, und dem Wissen, dass ich die Polizei rufen und vielleicht nachsehen sollte, ob es dem Mann gut ging, stand ich im Raum.
Ohne mir genau darüber im Klaren zu sein, worauf mein Entschluss gefallen ist, stürmte ich aus dem Büro, an der Sekretärin, die mir wohl einen merkwürdigen Blick zu warf, vorbei und die Treppen runter. Ich hatte nicht die Ruhe, jetzt auch noch auf den Aufzug zu warten. Die Straße überquerte ich, ohne wirklich auf den Verkehr zu achten und wurde mehrfach angehupt, aber ich war so durcheinander, dass ich auch dies kaum wahrnahm. Genauso wenig, wie das Klingeln des Fahrradfahrers, den ich erst im letzten Moment aus dem Augenwinkel sah. Dann wurde alles schwarz.

Als ich die Augen öffnete, dämmerte es bereits und ich setzte mich verwirrt auf. Mein Kopf pochte und für einen Moment drehte sich die Welt so sehr, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste mich übergeben, aber das verging zum Glück schnell wieder. Verwirrt blickte ich mich um. Ich lag auf einer Art Sofa, in einem großen, elegant wirkenden Büro. In der Mitte stand ein Schreibtisch, vor welchem zwei Sessel standen. Sonst war ich alleine.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wie ich hier her gekommen, und wo ich überhaupt war, aber mein Kopf fühlte sich an, als wäre er voller Zuckerwatte. Langsam rutschte ich zur Kante des Sofas und stellte meine Füße auf den Boden, als ich plötzlich eine Bewegung wahrnahm. Neben dem Sofa, auf einem Sessel, saß ein Mädchen, ungefähr in meinem Alter, mit blondem Haar und grünen Augen, welches mich besorgt musterte. Ich hatte sie gar nicht bemerkt.
„Hey, wie geht es dir?“, fragte sie sanft, und ich runzelte in einem verwirrten Versuch, sie zuzuordnen, meine Stirn.
„Ganz okay… denke ich. Aber wo bin ich? Und warum? Und kennen wir uns, weil wenn ja, dann tut es mir sehr leid, aber ich habe keine Ahnung, wer du bist.“, antwortete ich, wobei sich meine Stimme rau und brüchig anhörte.
„Kannst du dich wirklich an gar nichts erinnern? Ich habe dich draußen, vor dem Gebäude auf der anderen Straßenseite gefunden. Du wurdest von einem Fahrrad angefahren, und ich habe das von hier aus gesehen. Wir machen beide hier Praktikum, und abgesehen vom ersten Tag, als wir im Fahrstuhl stecken geblieben sind, haben wir uns weder getroffen, noch miteinander geredet.“, erklärte das Mädchen.
„Uh, okay.“, erwiderte ich. „Und… warum bin ich dann hier? Hast du keinen Krankenwagen gerufen?“
„Ich habe meinem Chef Bescheid gesagt, und er meinte, dass er erst deine Eltern informieren und fragen müsse, bevor ein Arzt dazu gerufen würde.“
„Meine… Eltern? Die müssen schon komische Leute sein.“, murmelte ich und versuchte, mich an sie zu erinnern. Ihr Aussehen, ihre Namen, irgendwas. Aber alles, was mir einfiel, war mein Vorname. „Es ist… komisch. Wenn du diese Dinge sagst, wie mit dem Praktikum und dem Aufzug… es ist nicht direkt, dass ich mich erinnere, aber als wüsste ich trotzdem, dass es passiert ist.“
Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Hm, ich weiß nicht viel über Gedächtnisverlust und Kopfverletzungen. Außer, dass die meisten Menschen sich im Laufe der Zeit wieder beginnen, an Dinge zu erinnern, wobei manchmal auch Dinge vertauscht oder vermischt werden. Gehirne sind schon komisch.
Wie auch immer, anstatt dich noch weiter voll zu reden, gehe ich mal Bescheid sagen, dass du aufgewacht bist, okay? Nicht wieder ohnmächtig werden.“
Mit diesen Worten verließ sie den Raum und ließ mich alleine auf dem Sofa sitzend zurück.
Es dauerte nicht lange, bis die Tür sich wieder öffnete und ein gut gekleidetes Paar den Raum betrat. Die Frau hatte ihr hellbraunes Haar elegant hochgesteckt und eine tadellose Haltung. Der Mann war groß, hatte breite Schultern und kurzes, schwarzes Haar. Sein Anzug saß perfekt und schien eine Maßanfertigung zu sein. Die Frau blickte sich einen Moment um, bevor ihr Blick an mir hängen blieb, und sie sich neben mir auf der Couch nieder ließ.
„Sam! Oh Gott, ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.“, rief sie und zog mich an sich. Ich erwiderte die Umarmung unsicher, und fühlte mich ein wenig schuldig, dass ich meine eigenen Eltern anscheinend nicht erkannte. Die Frau schien dies zu bemerken und löste sich wieder von mir, um mich genau zu mustern. „Ist alles in Ordnung?“
Ich rückte unwillkürlich ein Stück von ihr weg und antworte dann peinlich berührt: „Ähm, Verzeihung, aber ich habe im Moment keine Ahnung, wer Sie sind.“
Für den Bruchteil einer Sekunde entgleisten ihre Gesichtszüge und sie starrte mich schockiert an, bevor sie ihrem Mann einen auffordernden Blick zu warf. „Okay, wir bringen sie ins Krankenhaus.“
Den Impuls, darum zu bitten, den Arzt doch hier her zu holen, weil ich mich bei dem Gedanken, mit vollkommen Fremden mitzugehen, nicht wohlfühlte, unterdrückend, folgte ich ihnen vorsichtig. Immerhin waren es meine Eltern. Ich merkte, wie ich unterbewusst die Haltung und den Gang der Frau imitierte, während wir durch den Flur zum Aufzug, und dann unten durch die Eingangshalle nach draußen und zum Auto gingen. Es schien, als würde sich zumindest ein Teil meines Kopfes noch an Dinge erinnern, auch wenn ich sie mir nicht bewusst ins Gedächtnis rufen konnte.
Die Fahrt verlief schweigend; mein Vater saß am Lenkrad, meine Mutter daneben und warf mir immer wieder prüfende Blicke zu. Im Krankenhaus wurden einige Tests vorgenommen, der Arzt fragte mich einige Dinge dazu, was passiert war, und woran genau ich mich noch erinnern konnte, um im Endeffekt zu dem gleichen Ergebnis, wie das Mädchen zu kommen.
Mein Gedächtnis würde in den nächsten Tagen zurückkehren, eine vertraute Umgebung und bekannte Gesichter könnten helfen, aber ich sollte trotzdem nicht alles zu genau nehmen, da die Möglichkeit bestand, dass mein Kopf in seinem verwirrten Zustand Einzelheiten und Details vermischte oder falsch zu ordnete. Also fuhren wir nach Hause, und sowohl der Weg dorthin, als auch das Gebäude an sich wirkten seltsam vertraut. Die Frau, meine Mutter, verschwand kurz nach oben, um mir ein Bad einlaufen zu lassen, und währenddessen aßen wir in der Küche zu Abend.
Nach dem Essen und dem Bad, zeigte sie mir mein Zimmer und wünschte mir eine gute Nacht, bevor sie nach unten verschwand. Zögern legte ich mich ins Bett, und obwohl ich mich ein wenig unwohl fühlte, hatte mich die einschläfernde Wirkung des mir vom Arzt verschriebenen Schmerzmittels mich schon bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf gezogen.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich erst verwirrt und hatte Schwierigkeiten, mich zu orientieren, bis mir die Geschehnisse vom Vortag wieder einfielen. Auf dem Schreibtisch stand ein Tablett mit Essen, und eine Notiz, die mich darüber informierte, dass ich wegen des Unfalls für den Rest des Praktikums entschuldigt war, meine Eltern aber trotzdem weiter würden arbeiten müssen.
Ich frühstückte, räumte das Geschirr dann in der Küche in die Spülmaschine, putze mir die Zähne, wusch mich, kämmte meine Haare und suchte dann in meinem Schrank nach gemütlicher Kleidung.
Das alles fühlte sich merkwürdig an, weil es mir schien, als würde ich die Sachen einer fremden durchwühlen, aber meine Mutter hatte sich sogar die Mühe gemacht, alles mit Post-its zu versehen, so dass ich meine Sachen fand. Ich war gerade fertig, da klingelte es. Unsicher ging ich nach unten und stand zögernd vor der Tür. Sollte ich aufmachen? Es könnte jemand sein, der von meinem Zustand wusste und gekommen war, um nach mir zu sehen, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, ob ich überhaupt anderen die Tür öffnen durfte, wenn ich alleine war.
Ich entschied mich, einfach durch den Spion zu sehen. Wenn mir die Person bekannt vorkam, würde ich öffnen, wenn ich mich nicht erinnerte, dann würde ich es lassen. Zu meiner Überraschung kannte ich die Person tatsächlich, also öffnete ich die Tür und sah das Mädchen aus dem Büro dann verwirrt an.
„Hey, ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht. Sind schon Erinnerungen zurück gekommen?“, sagte das Mädchen zur Begrüßung, und ich konnte nicht umhin, ihr Verhalten und die scheinbare Besessenheit mit meinem Gedächtnis ein wenig befremdlich zu finden.
„Ähm, ganz okay, immer noch. Und nein, nicht wirklich viele. Musst du denn heute nicht ins Büro?“, erwiderte ich und musterte sie misstrauisch.
„Nein. Mein Chef meinte, dass ich mir heute frei nehmen könnte, wegen des Schocks. Darf ich rein kommen?“
„Sicher.“, antwortete ich und machte ihr Platz. Schock? Weil sie gesehen hatte, dass ich angefahren wurde? Dabei wirkte sie auf mich ziemlich ruhig.
„Hast du eigentlich schon von dem Mord gehört?“, rief das Mädchen, während sie sich neugierig umblickte und ich die Tür schloss.
Ich runzelte die Stirn. „Nein, was für ein Mord?“
Ihre Augen richteten sich auf mich und sie schien meine Worte genau zu analysieren. „In dem Gebäude, vor dem du angefahren wurdest. Da ist ein Mord geschehen. An einem Mann, irgendein Reporter. Es wurde auch schon eine Verdächtige festgenommen.“
„Oh mein Gott, wie schrecklich. Was ist denn passiert? Und wer wurde festgenommen?“
„Eine Exfreundin, die wohl auch eine Art verrückter, stalkender Fan ist, und über die er vor Kurzem einen spöttischen Artikel veröffentlicht hat. Hat sich in seine Wohnung geschlichen, es kam zum Streit und dann hat sie ihn erstochen.“, erklärte das Mädchen, ohne auch nur die geringste Gefühlsregung.
„Verrückte Welt. Meinst du, ich könnte deshalb rüber gelaufen sein?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Möglich. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass du auf die Entfernung überhaupt etwas gesehen hast.“
„Aber da ist doch ein Fernrohr.“, bemerkte ich.
„Wo?“
„In dem Büro.“
„Du erinnerst dich?“
Ich runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, als vereinzelte Bildfetzen in meinem Kopf auftauchten. „Ach, keine Ahnung. Ich glaube, dass in dem Büro, in dem ich war, ein Fernrohr steht, und ich durchgeguckt habe. Aber alles andere ergibt keinen Sinn. Ist die Exfreundin blond?“
„Weiß nicht. So genaue Informationen gab es nicht, und es wurde auch kein Bild gezeigt. Wieso?“
„Ach, ist nicht so wichtig.“, winkte ich ab. „Ich bin vermutlich einfach nur verwirrt. Meine Erinnerungen wollen mir nämlich gerade weiß machen, dass du den armen Mann umgebracht hättest, und mich dann – auf die Entfernung – genau angesehen hättest. Verrückt, oder?“
„Ja, definitiv.“, stimmte das Mädchen lachend zu. „Okay, ich muss dann mal. Man sieht sich.“

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