Tag 11: Ort der Sehnsucht

Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich jetzt schon erwache, doch mittlerweile ich es bereits dämmrig hell draußen. Der Bus steht an einer Haltestelle. Ich beobachte den Mann, der gerade einsteigt. In der Hand trägt er ein großes Bild, ein Gemälde, wahrscheinlich Öl. Es ist unverhüllt und zeigt einen kleinen Fischerhafen in einer Bucht. Bei seinem Anblick erfüllt mich eigenartige Ruhe. Wie schön wäre es, jetzt einfach in einem fremden Land, in irgendeinem Fischerhafen zu sein. Niemand würde mich jemals finden. Ich denke mir aus, wer wohl in dem Leuchtturm wohnen könnte. Ein alter Wärter, wie in den Scooby-Doo-Comics? Oder doch eine kleine Familie, weil er mittlerweile ausgebaut worden war?
Mit einem Seufzen lehne ich mich zurück in den Polstersitz. Ich schließe die Augen und schwelge in den Träumen von diesem fremden Ort, blende das Wissen aus, dass ich hier und nicht dort bin und dass mein Leben so viel komplizierter ist als dieses Bild

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Meine Beine waren wie festgetackert am Boden. Obwohl ich es wollte, konnte ich nicht einen Schritt gehen. Warum waren Mama und Papa ausgerechnet dieses Wochenende in Frankfurt? Weil ich wissen wollte, woher der Rauch kam, griff ich nach der Klinke, um die Tür zu öffnen, doch ich zuckte sofort zurück. Das Metall war heiß, viel zu heiß! Ich könnte fast schwören es rot glimmen zu sehen! Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, zog ich einen Schuh aus und stieß mit dessen Hilfe die Tür auf. Sofort schlug mir eine Hitzewelle entgegen. Es roch nach Glut und der beißende Rauch ließ meine Augen tränen. Scheiße! Es brannte! Auch wenn ich die Tür jetzt wieder geschlossen hatte, stieg die Hitze immer weiter an. Ich musste ganz dringend hier raus. Gerade als ich einen Schritt nach hinten tat, zerbarst das Glas in der Wohnzimmertür mit einem lauten Knall. Geistesgegenwärtig riss ich die Arme vor mein Gesicht und duckte mich. Ich müsste das Wohnzimmer durchqueren, um zur Haustür zu gelangen. Wie sollte ich hier nur jemals hinauskommen? Plötzlich riss mich das klägliche Miauen von Tiffany aus meinen Gedanken! Ich hatte sie ganz vergessen!
„Tiff-tiff, komm zu mir, komm…“, lockte ich sie, war mir aber nicht einmal sicher, woher ihr Maunzen gekommen war. Ich war mit dieser Katze aufgewachsen, wenn sie jetzt verbrannte, bei lebendigem Leib, oh Gott, ich wollte nicht einmal darüber nachdenken! Ich musste sie finden! Natürlich war mir klar, wie dumm ich mich gerade benahm und dass ich eigentlich so schnell wie möglich hier hinaus müsste, doch das Bild meiner kleinen Tiffany wollte nicht von meiner Netzhaut verschwinden. Mit aller Kraft trat ich gegen die ohnehin schon zerstörte Tür, die jetzt sofort nachgab und in sich zusammenfiel. Ich verdeckte mit meinem Ärmel Nase und Mund und hielt mich eng an die Wand gedrückt, während ich den Raum betrat. Die Küche befand sich nur ein paar Schritte neben der Wohnzimmertür. Ich zwang mich darauf zu achten, den Blick von der brennenden Einrichtung abzuwenden und mich nur auf meine Mission zu konzentrieren: Ich wollte Tiff retten und dann am Besten uns beide. Gerade als ich den unwiderstehlichen Drang verspürte, tief Atem zu holen, erreichte ich die Küche. Flammen züngelten bereits am Rahmen nach oben, aber jetzt war ich so weit gekommen, dass ich nicht aufgeben wollte. Mein Tritt blieb diesmal wirkungslos, denn die Tür war völlig verzogen. Erst nach dem ich mich mit aller Kraft gegen das Holz geworfen hatte, schlug sie nach innen auf. Ich hechtete zum Wasserhahn und löschte meinen kohlenden Ärmeln mit einem Zischen. Wieder ertönte das leise Maunzen und diesmal fiel mein Blick auf den Kühlschrank, wo meine Katze Schutz gesucht hatte. Ich streckte die Arme nach ihr aus, obwohl ich weiß, wie sinnlos das ist. Eine ferne Erinnerung an meine Mutter kommt mir in den Sinn. Sie steht mit gebeugtem Rücken vor dem Apfelbaum im Garten, um der Katze eine Zwischenstufe vor dem Boden zu bieten. Ich beschließe, es ihr gleichzutun und bücke mich vor dem Kühlschrank.
„Tiff-Tiff, komm schon, Tiff-Tiff!“, locke ich sie und Tiffany springt. Ich spüre den leichten Ruck als sie auf meinem Rücken landet, greife nach ihr und sie krallt sich in meinen Arm. Sie strampelt und ich lasse sie los. Meine Katze springt auf die Arbeitsplatte vorm Fenster und beginnt am Fenster zu kratzen. Ich öffne es, damit wenigstens sie hinaus kann, doch auf dem Steinsims hält sie an und kommt zu mir zurück.
„Lauf, Tiffany, los!“ Ich gebe ihr einen kleinen Schubs, doch sie faucht und schlägt dann ihre Krallen in meine Hand. Sie scheint mich zu sich ziehen zu wollen und in diesem Moment kommt mir eine Idee. Keine Ahnung, ob es am Drängen meiner Katze liegt oder daran, dass das Feuer inzwischen die Küche erreicht hat, aberich springe auf die Arbeitsplatte und dann auf den Fenstersims. Der kühle Nachtwind weht mir entgegen und der unerwartete Sauerstoff beschert mir einen Hustenanfall. Meine Katze wirft mir einen Blick zu, ihre Augen glimmen im Dunklen, dann springt sie auf den Ast, der sich fast bis zu unserem Fenster erstreckt. Vielleicht habe ich so wirklich eine Chance den Boden zu erreichen. Ich strecke meine Arme danach aus und hangle mich an dem Ast zu dem Baum hinüber. Tatsächlich! Geschafft! Raus aus der brennenden Wohnung. Mir wird plötzlich schwindelig, weil mir jetzt erst bewusst wird, wie knapp das eben war und in der Ferne höre ich Sirenen. Die Nachbarn müssen die Feuerwehr gerufen haben. Meine Kräfte verlassen mich mit einem Mal und ich kann mich nicht mehr festhalten. Während mir schwarz vor Augen wird, spüre ich noch, dass ich falle.

Tag 13: Vorprogrammierte Konflikte

Konflikt 1:
Sie lehnt eine Date-Einladung ab, womit sie sich unwohl fühlt, weil sie seine Gefühle nicht verletzen will.

Konflikt 2:
Sie erhält eine anonyme Hassbotschaft.

Konflikt 3:
Jeder in der Schule scheint plötzlich ihre Geheimnisse zu kennen.

Konflikt 4:
Ihre besten Freunde wenden sich von ihr ab.

Konflikt 5:
Sie wird festgenommen, ist aber unschuldig. Keiner glaubt ihr.

Tag 10: Das erste Aufeinandertreffen

Die Halle war aus Marmor und der Türrahmen am Fahrstuhl golden. Das hier war definitiv ein piekfeiner Laden, eigentlich so gar nicht mein Metier. Die junge Frau neben mir starrt mich an. Ihr Blick ist mir unangenehm, aber ich will nicht darauf reagieren, weil das nur zu einem Gespräch führen würde und das will ich um alles in der Welt vermeiden. Gespräche mit Fremden, soweit kommt es noch. Obwohl es mir lieber wäre, sie wäre nicht da, beobachte ich sie aus den Augenwinkeln. Sie ist hübsch. Hat die gleiche Haarfarbe wie ich – wenn ich sie nicht gerade schwarz färbe oder anders verunstalte –, ein nettes honigbraun. Ihre Augen sind blau wie die meines Vaters, strahlend, aber ihr Blick erstickt das Strahlen im Keim. Schnell sehe ich weg. Ob sie ein Morgen-Muffel ist? Warum sieht sie mich so an? Stinke ich vielleicht? Endlich öffnen sich die Türen mit einem leisen Pling. Ich atme durch und betrete den Fahrstuhl, dann drücke ich auf den Knopf mit der 5. Sie nickt zustimmend, keine Worte nötig. Ich frage mich wie ihre Stimme wohl klingt.
Langsam wird mir das Schweigen unangenehm. Hoffentlich sind wir bald da. Ich lehne mich gegen das goldene Geländer und schließe die Augen, während die Aufwärtsbewegung meinen Magen kribbeln lässt.
Plötzlich gibt es einen Ruck. Das Licht geht aus, wir sausen im freien Fall in die Tiefe und ich kann einen Aufschrei nicht unterdrücken. Dann greifen die Sicherheitsbremsen endlich.
„Noch alles dran?“, will sie wissen und ich versuche meine Stimme wieder zu finden, die mir irgendwo in die Magengegend gerutscht sein muss.
„Mhm hm“, stammle ich vor mich hin und sie unterdrückt ein Grinsen. Irgendwie bösartig, aber vielleicht interpretiere ich das auch nur.
„Was machst du hier?“
„Ich … ähm … ich will zu Frau Beckenbach, fünfte Etage.“ Das ist ein ziemlich langer Satz, angesichts der Tatsache, dass wir gerade fast gestorben wären. So viel rede ich eigentlich nie. Sie verdreht sie Augen.
„Schon klar, dass du in die fünfte willst. Du hast ja den Knopf gedrückt. Nein, ich meine: Was machst du in Neuburg? Du bist doch neu hier, oder?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Woher weiß sie, wo ich wohne? Ist sie mir etwa gefolgt? Endlich setzt sich die Kabine wieder in Bewegung.
„Keine Sorge, Hasenfuß“, fährt sie fort. „Ich kann nicht hellsehen. Hab dich im Anker gesehen. Ich kellnere da.“
„Oh, klar, ähm … ich will hier ein Praktikum machen und Neuburg war am nächsten dran.“
„Ein Praktikum, ach so.“ Wieder grinst sie kurz. Sie sieht so aus, als würde sie mir nicht ein Wort glauben, doch in dem Moment hält der Fahrstuhl an und sie steigt aus.
„Hey, warte-!“, rufe ich ihr nach, weil ihr etwas aus der Tasche gefallen ist, doch sie hört mich nicht mehr. Ich gehe in die Hocke und hebe es auf. Ein Foto, zumindest der Rückseite nach zu urteilen. Wahrscheinlich sollte ich es mir nicht ansehen. Das ist privat. Ich sollte es einfach einstecken und versuchen, die junge Frau wieder zu finden und es ihr dann zurückgeben. Trotzdem drehe ich es um … und erstarre. Das bin ich auf diesem Foto. Es wurde aufgenommen als ich dreizehn war und beim Marathon den ersten Platz gemacht habe. Auf dem Bild stehe ich auf dem Siegertreppchen mit einer Medaille um den Hals. Ich könnte wohl gar nicht sagen, dass es sich dabei um mich handelt, denn das Gesicht wurde mit einem Streichholz weggebrannt, aber es ist genau das Bild, das bis zu dem Einbruch in unserem Wohnzimmer hing.

Tag 9: Was ist eigentlich Glück?

Mit viel Glück werde ich mein Ziel erreichen, ohne dass die Polizei den Bus anhält und mich in Handschellen abführt. Ich habe Angst. Große Angst. Und vielleicht ist das die beste Ausgangslage für einen Glücksmoment. Sollte ich es schaffen, mein Leben wieder zurück zu bekommen, wäre das wohl ein Glücksmoment.

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