Tag 7: Von Konflikten und Lösungen

Nervös wackelte Paul mit dem Bein. Es war bestimmt schon sei hundertster Besuch beim Arbeitsamt und er wusste, dass seine Sachbearbeiterin schon ziemlich genervt sein musste. Die hübsche Blondine mit der viel zu großen Brille dachte sicherlich, dass er verrückt sei oder ständig wieder auf der Matte stand, nur um sie wiederzusehen. Doch beides stimmte nicht. Paul versuchte sein Leben zu ordnen, den richtigen Weg für sich selbst zu finden. Dazu gehörte nun mal eben den richtigen Beruf zu finden. Nach der Schule hatte er ein Jahr im Ausland verbracht und nun, da er zurück war, musste er eine Entscheidung treffen. Eigentlich waren es sogar eine Menge Entscheidungen. Wo würde er leben? Was machte ihn glücklich? Er wusste es nicht. Dass ihn jeder drängte half ihm auch nicht weiter. „Du musst eine Entscheidung treffen, Junge.“, erinnerte ihn seine Mutter. „Es ist egal, was du für einen Job annimmst, die Hauptsache ist, dass du überhaupt richtiges Geld verdienst!“, maulte sein Großvater. Natürlich musste er Geld verdienen, doch er weigerte sich, einem Job nachzugehen, der ihn unglücklich machte. Er hatte schon bei seinem Vater gesehen, wie das enden konnte und er selbst wollte es ihm nicht gleichtun. Also saß er erneut beim Arbeitsamt, bei der hübschen Blondine mit der viel zu großen Brille, und beschloss, eine nächste Türe zu öffnen. Wenn sich hinter ihr nicht seine gewünschte Zukunft befand, ein Beruf, mit dem er sich wenigstens identifizieren konnte, bei dem er nicht seine moralischen Grundsätze über Bord werden musste, tja, dann würde er wohl eine weitere Türe öffnen müssen. Doch er war sich sicher – hinter einer dieser unzähligen Türen, lag der Weg, der ihn in eine glückliche Zukunft führen würde.

Tag 6: Jeder Geschichte ihren Titel

– Du stirbst in meinem Herzen nicht –

Ein Jahr ist es nun her, dass Hannah mit dem Auto gegen einen Baum gerast ist. Ein Jahr voller seelischer Schmerzen und Annie ist es leid ihre große Schwester zu vermissen. Sie hasst es, dass sie jetzt allein ist und sie hasst die mitleidigen Blicke, die ihr jeder schenkt – ihre Freunde, Bekannte, Frau Schmidt an der Supermarktkasse… Annie weiß nicht, wie sie weitermachen soll, wie sie ihre große Schwester loslassen soll, doch da findet sie einen Brief. Vor ihrem Tod hat Hannah eine Liste angefertigt, auf der alles steht, was sie vor ihrem Tod erreichen wollte. Ein Tauchurlaub am Great-Barrier Reef, bei einem Flashmob dabei sein, nach New York reisen und vieles mehr steht dort, was ihr nicht möglich war, vor ihrem Tod zu erleben. Und plötzlich weiß Annie, was sie tun muss, um mit dem Tod ihrer Schwester abzuschließen und sie im Herzen zu tragen, ohne, dass es sie zu Grunde richtet. Sie begibt sich auf die Reise, die ihre Schwester nicht antreten konnte und findet auf ihrem Weg unerwartet zu sich selbst.

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Die ersten Blitze zuckten über den dunklen Wolken, die geradewegs auf Ravyn zurollten. Dennoch machte sie keinerlei Anstalten sich von ihrem Lieblingsplatz unter der Linde zu entfernen. Es war der einzige Baum, der auf der Wiese stand, und wenn man unter ihm saß, war es egal in welche Richtung man blickte – überall sah es aus, als berühre der Himmel die Erde. Aus diesem Grund nannte man sie Himmelswiese. Seufzend blickte Ravyn nach Norden. Die Wolken bäumten sich immer mehr auf und mittlerweile war sie sich sicher, dass mehr hinter ihnen lauerte, als nur ein Unwetter. Diese Welt, die Welt, in der sie aufgewachsen war, die sie so wunderbar in Erinnerung hatte, näherte sich einem Zeitalter, das Grauen über viele Menschen bringen würde, da war sie sich sicher. Sie wusste nicht, welches Geheimnis hinter den Dingen steckten, die in letzter Zeit geschehen waren, doch dieses Mädchen, das urplötzlich aufgetaucht war, hatte etwas damit zu tun. Ravyn wusste, dass sie das Geheimnis lüften musste, auch, wenn ihr alle rieten, dass einige Türen besser verschlossen bleiben sollten. Diese nicht. Sie musste wissen, was vor sich ging und dafür hätte sie alles geopfert. Tausendmal war sie ihren Plan durchgegangen: Sie würde sich Pfeil und Bogen schnappen, über die hölzerne Brücke schreiten, die sie aus dem Dorf führte und sich zum erste Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause entfernen. Ihr war es egal, ob sie dies allein tun musste, oder sie Hilfe bekam. Etwas stimmte nicht und wenn sie sich nicht darum kümmerte, so würde es niemand tun.
Das Gewitter rollte immer näher und langsam erhob sie sich. Es war an der Zeit das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich in neue Gefilde zu wagen. Sie würde sich gegen viele Menschen stellen müssen, um ihre Reise anzutreten, doch Ravyn war bereit. Zielsicher stiefelte sie in Richtung Olwas, wo sie ihren Freunden und ihrer Familie die Dringlichkeit ihrer Situation klarmachen würde. Und in diesen Momenten würde sich entscheiden, wer zu ihr halten und wer sich gegen sie entscheiden würde.

Tag 3: An der Supermarktkasse

Mit einer Flasche Shampoo in der Hand mustere ich das Mädchen vor mir. Ich weiß, dass es seltsam für sie sein muss, wenn sie sieht, wie ich sie anstarre, doch ich kann einfach nicht anders. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mir sicher, dass sie mich zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht wahrnehmen wird. Sie ist damit beschäftigt sich durch die blonden Haare zu fahren und tief zu seufzen, liest sich halbherzig die Beschreibungen auf diversen Kosmetikprodukten durch und legt sie anschließend wieder zurück ins Regal. Ihre Lustlosigkeit rührt von innerer Zerrissenheit, das kann ich sehen. Irgendetwas beschäftigt sie so sehr, dass sie sich nicht einmal auf alltägliche Dinge konzentrieren kann. Ein Blick in ihren Einkaufswagen scheint meine Vermutung zu bestätigen. Wobei es sich ja eigentlich nicht um eine Vermutung handelt. Ich kenne Aleyna, auch, wenn sie mich nicht kennt. Ich kenne sie sogar besser, als sie selbst sich kennt, weiß, welche Entwicklung sie durchmachen wird und welche Kämpfe ihr bevorstehen. Natürlich bin ich versucht ihr zu sagen, dass sie ihre zukünftigen Entscheidungen lieber zweimal überdenken sollte, doch ich weiß, dass ich das nicht darf und sie Fehlentscheidungen treffen muss, um sich selbst zu finden.
Ich unterdrücke ein Grinsen, als ich die Donuts mit bunten Streuseln sehe. Eigentlich brauche ich keinen zweiten Blick um zu sehen, dass sich neben ihnen ein großer Sack mit Äpfeln befindet. Aleyna liebt Donuts, doch um ihr schlechtes Gewissen zu stillen, dass sie diese fettigen, ungesunden Dinger kauft, braucht sie etwas Gesundes als Ausgleich. Ich mag ihre verquere Art zu denken und weiß, dass nicht jeder ihre Gedanken nachvollziehen kann. Ich bilde da natürlich eine der wenigen Ausnahmen…
Deswegen wundert es mich auch nicht, dass sie gerade einen Horrorfilm in ihren Einkaufswagen fallen lässt. Ihre äußere Erscheinung lässt nicht darauf schließen, dass sie auf blutrünstige Monstergeschichten steht und ich bezweifle, dass eine ihrer glatt-gebügelten „Freundinnen“ davon weiß. Ach, schon bald wird sie begreifen, dass Freundschaft etwas ganz anderes bedeutet, als sie es bisher vermutet hatte.
Mein Blick wandert zu ihren grünen Augen, die wild durch die Regale huschen. Wenn sie nur wüsste, dass sie sich schon bald eine solch alltägliche Situation sehnlich herbeiwünschen wird. Sicherlich würde sie dann auf die ungeliebte Gemüse-Lasagne verzichten und stattdessen die Zutaten für ihr Leibgericht kaufen. Nun seufzt sie tief und verdreht leicht die Augen, als sie eine besonders krumme Aubergine zu den Nudeln legt. Ich bin froh, dass sie sympatischer ist, als sie in diesem Moment scheint und freue mich darauf, sie bald noch ein wenig mehr kennen zu lernen. Ich versinke gerade in meinen Gedanken, als ich erschrocken feststelle, dass sie mir in die Augen sieht und meine Gafferei enttarnt wurde. Unsicher überlege ich, wie ich reagieren soll, doch sie nimmt mir die Entscheidung ab, indem sie mich freundlich anlächelt. Ihr Lächeln ist so herzlich, dass ich kurzzeitig glaube, dass sie mich doch kennt und als eine alte Bekannte begrüßt. Ehe ich jedoch darauf reagieren kann, wendet sie sich ab und schiebt ihren Einkaufswagen zur Kasse, an der sie noch ein Paket Kaugummi auf das Band legt.

Tag 2: Es war einmal …

Es war einmal eine wundersame Welt, die nicht facettenreicher sein könnte. Jeden Tag gehen die Menschen und Wesen dort ihren Tätigkeiten nach, lehren Magie, trainieren uns unbekannte Geschöpfe oder jagen Legenden nach. Eines Tages aber taucht ein Mädchen auf, welches offensichtlich aus einer gänzlich anderen Welt kommt und, ohne die Absicht zu haben, für Verwirrung und Unheil sorgt. Deshalb gilt es den Wunsch des Mädchens und aller Beteiligten zu erfüllen und es auf schnellstem Wege wieder nach Hause zu bringen, doch niemand rechnet damit, dass der Preis für diese Reise nahezu untragbar hoch ist und ein weitaus größeres und zerstörerisches Geheimnis birgt, als zunächst vermutet. Deshalb zerbrechen Bündnisse, Freundschaften werden auf die Probe gestellt und moralische Grundsätze müssen völlig neu definiert werden. Bis schließlich aus Egoismus Verständnis wird, Freundschaft über Zweifel siegt und nach schweren Verlusten jemand den größten Kampf, den diese Welt jemals geführt hat, siegreich beendet.

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