Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Atemlos kam er zu sich, im Bett sitzend, seine Frau neben ihm. Sie schnarchte leise, wahrscheinlich lag sie auf dem Rücken. Mit einem Blick vergewisserte er sich, ja, Rückenlage, den Kopf nach hinten überstreckt. Eine Hand friedlich in die Bettdecke geballt, die andere irgendwo im Kopfkissen. Langsam beruhigte sich sein Atem, langsam bekam er seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Ein Traum, mehr nicht. Ein furchtbarer Traum, der ihn aus der Bahn geworfen hatte. Er… War das Rauch, was sich schwer auf seine Lunge legte beim Einatmen? Er schnüffelte intensiver, schloss die Augen, um jede olfaktorische Schwankung wahrzunehmen. Rauch, eindeutig! Weiß und wabernd kroch er hinein in ihre Schlafzimmer, setzte sich im Läufer fest und vernebelte die Sicht zum Wandschrank. Vom Fenster fiel ein Lichthauch hinein, die Straßenlaterne schenkte der Nacht ihre LED-Kühle.
„Schatz, Liebling, wach auf!“, seine Stimme krächzte tonlos, als er sie unsanft an der Schulter wachschüttelte. „Es brennt!!!“, heiser und rau klang der Schrei, er hatte selbst keine Ahnung, woher er die Kraft nehmen konnte. „Wir müssen raus hier!“ Sein Hirn ratterte, während seine Frau sich im Bett langsam aufrichtete. Ihre Knochen taten immer so weh, jede kleine Bewegung kostete sie enorme Anstrengung. „Hm?“ Mit einem Satz war er aus dem Bett, woher kam nur all diese Energie? „Es brennt, Liebling, wir müssen aus dem Haus!“ Tränen traten in die Augen seiner Frau, ihr Mund verzog sich wie bei einem trotzigen Kind. „Warum!“ Keine Frage, sondern eine Aussage, die beinahe pampig im Rauch hängen blieb. Sie musste husten, das Beißen der Schwaden kroch in ihren Hals und von da aus in Bronchien und Lunge. Hier, zieh dir das über“, er warf ihr eine dicke Weste von sich selbst hin, mehr Zeit war nicht. Draußen dröhnte schon das Martinshorn der anrückenden Feuerwehr, Blaulichtschimmer überzog die Dächer der Nachbarschaft bereits. Ruhig, bleib ruhig, beschwichtigte er seine aufkeimende Panik, alles wird gut. Sein Blick fuhr gehetzt über Wandschrank und Rollstuhl, wie sollten sie das nur schaffen? Wahrscheinlich war in der Wohnung im Erdgeschoss, bei diesen Yuppies mit ihren ewig qualmenden Schundschloten eine Kippe auf einen Teppich gefallen. Oder sie waren eingeschlafen. Oder.. Keine Zeit, andere zu verurteilen, er musste handeln, ihr Leben hing davon ab!
Mühsam hatte seine Frau sich inzwischen auf die Bettkante gehievt und ließ ihr Bein auf den Boden hängen. Der Stumpf berührte die Matratze und reichte gerade ein kleines Stück darüber, die Schlafanzugshose bedeckte ihn jedoch. „Und jetzt?“ Sie sah ihn an, ihren Mann, der eigentlich eher ein Herr war. Ein feiner Herr, wie sie schon damals gedacht hatte, als er ihr in dem kleinen Fotogeschäft des erste Mal begegnet war. Ihre Augen fixierten ihn, sie suchte seinen Blick, suchte Antworten auf ihre Frage. Eingefroren in blaues Gletschereis schien der Augenblick, nur der Rauch quoll inzwischen dicker und schwärzer unter der Türspalte durch. Wenige Minuten waren erst vergangen, zwischen dem abrupten Aufwachen des Mannes und der Frage der Frau, die ohne ihren Rollstuhl praktisch verloren war. Steif und unbeweglich, mit trüben Augen und müde. „Wir müssen raus!“, fauchte er fast. Sie lachte, kalt und ohne eine Spur Humor in der Stimme. „Und wie?“ War es Verzweiflung, die sein Gesicht dunkler werden ließ oder benebelte der Rauch inzwischen auch ihre Wahrnehmung? „Ich hol‘ dich!“ Ohne ihr Protestieren abzuwarten, war er um die Bettkante herum und versuchte, ihren Körper in seine Arme zu wuchten. „Wir schaffen das, ja?“
Vor ihrer Schlafzimmertür polterte es, ehe ein Feuerwehrmann in den Raum gestolpert kam. Mit Atemschutzmaske und Taschenlampe rief er raus, ohne sich umzudrehen: „Zwei Personen, lebend im Schlafzimmer. Wir brauchen eine Trage!“

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Aah, der kleine Fischerhafen! Eine Woge puren Glücks durchfuhr ihn, als er das Bild auf einer Plakatwand sah. Mit seinen Einkaufstaschen in den Händen und einem Lied auf den Lippen war er gerade auf dem Heimweg, um die Einkäufe rasch im Kühlschrank verstauen zu können. An einer Ampel musste er kurz halten, da streifte sein Blick das Bild.
Seeluft, allgegenwärtig der Geruch nach Fisch und Tang und Sonnenuntergänge wie Zuckerwatte kamen ihm in den Sinn. Was für eine glückliche Zeit war das gewesen.
Sie hatte ein Sommerkleid getragen, auf dem zart schwarz-weiße Blumen verteilt waren, an den Füßen trug sie leichte Sandalen. Ihre Zehennägel waren rot lackiert, das gefiel ihm im Sommer immer besonders gut. Alles war dann so farbenfroh an ihr, ihre Haare wurden heller und hatten diesen Kupferschimmer, der ihn unwiderstehlich anzog. Ihre Kleider waren grün und blau und rot und türkis und sie lachte beinahe den ganzen Tag. Schon früh am Morgen, wenn sie noch die Knautschfalten der letzten Nacht im Gesicht abgezeichnet hatte, lachte und lächelte sie, als wäre sie der glücklichste Mensch der ganzen Welt. Doch das konnte sie nie sein, dachte er, den Posten habe immer ich ihr streitig gemacht.
Bug an Bug hatten die Fischerkähne im kleinen Hafen gestanden und in ihren Mästen die letzten Sonnenstrahlen des wunderbar warmen Sommertages eingefangen. Wie Spinnennetze leuchteten die Taue, die zwischen den hohen Stangen in der Seebrise wehten und auf den Mond warteten. Er hatte, wenn die Luft auffrischte und er eine Gänsehaut auf ihrer Haut bemerkte, den Arm um sie gelegt und sie standen an der Rehling des Fischerhafens, während die Sonne im Meer unterging und einen Bronzefilm auf ihren Wangen hinterließ. Erst, als der Leuchtturm längst sein Licht angeschaltet hatte und von Ferne ein Dampfer laut schnaufte, lösten sie sich voneinander und schlenderten zurück zu der kleinen Ferienwohnung.
Die Ampel war längst von rot wieder auf Grün umgesprungen, doch er stand da und erinnerte sich. Leute rempelten ihn an, forderten ihn auf, den Weg frei zu machen. Doch alles, was er sah, war die Kupferscheibe der Sonne, die gerade im Meer versank und auf den Wangen seiner Frau einen rötlichen Schimmer zauberte.

Tag 10: Das erste Aufeinandertreffen

Die Fahrstuhltür knackt hinter ihm, sollte sie nicht eigentlich ein Schiebegeräusch von sich geben? Er runzelte die Stirn, vergaß aber beinahe im nächsten Augenblick das Knacken. Zu welcher Etage musste er? Er zog die Brille auf der Nase ein Stückchen tiefer und schielte über den Rand auf die Knöpfe der Bedientafel. „Dr. Maas, Allgemeinmediziner, 3. Etage“ Zufrieden drückte er den Goldknopf und richtete die Brille auf dem Nasenrücken wieder gerade. Leise surrte die Mechanik des Fahrstuhls, er konnte einen Ruck spüren, als die Kabine sich langsam nach oben in Bewegung setzte. Er stand alleine auf dem Kachelboden, dessen Belag längst bessere Zeiten gesehen hatte. Die gegenüberliegende Wand war verspiegelt, hatte Schrammen und Schlieren und dringend einen Putzlappen nötig. Irgendwie musste er schmunzeln, wie er sich so dastehen sah. Alt und faltig, die Schultern jedoch stramm nach hinten, den Kopf aufrecht nach oben. Wie es sich gehörte, dachte und sein Schmunzeln wurde zu einem Grinsen. Inzwischen war die Fahrstuhlkabine im ersten Stock angekommen, glitt jedoch an ihm vorbei. Wieder war ein Knacken zu hören, das vermutlich immer noch nicht zu der fahrstuhlüblichen Geräuschkulisse gehörte. Sein Grinsen verschwand und durch die schlechte Beleuchtung sah er plötzlich nur noch alt und grau aus.
Ohrenbetäubend und unsanft kam der Fahrstuhl mit einem Mal zum Stehen, auf der Stockwerkanzeige blinkte ein kleiner roter Telefonhörer und die Notbeleuchtung schaltete sich ein. Okay, ruhig bleiben!, schoss ihm durch den Kopf, nimm den Hörer vom Telefon ab und rufe um Hilfe! Vorsichtig tapste er einen Schritt nach vorne und griff nach dem Nottelefon, das ihm mit einem Piepen verriet, gleich weitergeleitet zu werden.
Ganz nah stand er nun an der verspiegelten Fahrstuhlwand und während er dem Piepsen im Telefon lauschte, betrachtete er sich. Eingefallen und kränklich waren seine Wangen, sie setzten sich scharf vom Jochbein ab, warfen einen messerscharfen Schatten. Frisch rasiert hatte er sich heute Morgen, eine winzige Schnittwunde hielt noch ein Blutströpfchen fest, er wischte es langsam ab. Zerschlissen sah er sich selbst in die Augen, sie wirkten so müde und blass, so wässrig, dass er es mit der Angst bekam. Bin ich das? Bin das ich, kann das wirklich sein? Ich kenne den Mann nicht, ich weiß nicht, wer das da im Spiegel ist. Dieser Mann sieht aus wie, sieht aus wie ein Schatten von mir, von dem Mensch, der ich einmal war. Wann habe ich angefangen, dieser neue Mann zu sein? Wann bin ich so alt geworden? Zittrig führte er seinen Zeigefinger an seine Lippen. Er spürte, wie spröde sie waren, wie aufgesprungen die einst zarte Haut sich anfühlte unter seiner Berührung. Wohin ist ihr Rot gegangen, wann ist das Rot meiner Lippen ausgelaufen? Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Atmung ging schnell und rasselnd. „Hallo, hört mich jemand?“, er brüllte die Worte beinahe in den Hörer seiner Hand. Er wollte raus aus der Kabine, hinaus an die frische Luft, wo er atmen konnte, frischen Sauerstoff. Ganz sicher würden sich seine Lippen an der frischen Luft wieder mit ihrem alten Rot füllen, seine Augen wieder glänzen und ihre Wässrigkeit verlieren. Ganz sicher… Er keuchte, rang nach Atem. Der Mann in der Spiegelwand schien hämisch und eiskalt zu grinsen. „Hallo Alterchen, mein Name ist Senesco, ich habe gehört, wir arbeiten zusammen im erfolgreichen Unternehmen Vita Bona… Lasset die Spiele beginnen!“

Tag 9: Was ist eigentlich Glück?

Wunderschön sah sie aus! Ihre Haare trug sie dezent in einer Hochsteckfrisur, eine Haarklammer glitzerte beinahe schüchtern zwischen den dunklen Strähnen hervor. Das Make up war natürlich, ihre Lippen gerade so viel rot, dass sie zart leuchteten. Ihr Budget war knapp bemessen, so hatten sie sich kein aufwendiges Brautkleid leisten können. Es stört mich nicht, hatte sie gesagt und das beigefarbene Kostüm an sich gedrückt. Hauptsache wir schreiten als Braut und Bräutigam vor den Standesbeamten.
Wie glücklich war er in diesem Moment gewesen, wie stolz war er auf seine wundervolle Braut, die er so sehr liebte! Ihr Anmut und ihre einfache Eleganz ließen ihn jedes Mal sprachlos werden. Wenn sie sprach konnte er sich in den Bewegungen ihrer Lippen verlieren, als würde sie Zauberformeln aufsagen und ihn damit verhexen.
“Ja, ich will!” Drei magische Worte, die Tränen des Glücks über seine Wangen strömen ließen. Er zitterte am ganzen Körper, sein geliehener Anzug schlotterte ihm um Knie und Taille und als er ihr Gesicht in beide Hände nahm war ihm, als hielte er den Goldenen Gral. Zuckersüß und wie Sonnenschein an einem hellen Sommertag schmeckte ihr Kuss. Warm und weich waren ihre Herzlippen, die sich seinen hingaben und ihm die beiden schönsten Geschenke machten, die er sich je hatte vorstellen können: Liebe und Glück.

Tag 8: Die Bewerbung des Antagonisten

Sehr geehrtes Personalmanagement-Team,

mein Name ist Senesco und ich habe durch zuverlässige Quellen erfahren, dass Ihr Dienstleistungsbetrieb Vita Bona einen neuen Abteilungsleiter im Bereich Fertigung sucht.
Meine Präferenzen sind ausgezeichnet; ich lernte in den besten Betrieben und von absoluten Profis auf dem Gebiet der teilweisen Stilllegung, Bekämpfung und Zugrunderichtung von altgewordenem Rohmaterial.
Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr bestehender Kundenstamm in meinen Händen gut aufgehoben und betreut ist und ich mich auch nicht davor scheue, schnell neue Kontakte zu knüpfen. Kontakte lassen sich auf den unterschiedlichsten Ebenen ausmachen, ich möchte Ihnen ein kurzes Beispiel aus meinem Erfahrungsschatz schildern:
Es war im Sommer vor zirka drei Jahren, die Luft war heiß und schwül, Staub legte sich auf die Lunge, sobald man eingeatmet hatte. Ich war gerade freischaffend im Außendienst tätig und verbrachte meine Mittagspause verspätet auf einer Parkbank. Um mich herum war es recht still, selbst die Vögel waren zu matt zum Singen, nur das Geräusch vorbeihetzender Autos drang an mein Ohr. Während ich in ein trockenes Baquette biss und mich ein wenig ärgerte, dass ich dafür beinahe drei Euro ausgegeben hatte, erblickte ich zwei Personen. Sie kamen langsam und behäbig auf meine Bank zu, eine ältere Dame mit Gehstock und ein Herr. „Entschuldigen Sie, würde es Sie stören, wenn wir uns zu Ihnen auf die Bank setzen würden? Meine Frau ist zu erschöpft, um weiterzugehen.“ Die Stimme des Herrn klang freundlich. Selbstverständlich hatte ich nicht das Geringste dagegen, und so nahmen die beiden Herrschaften im staubigen Schatten des Nachmittags Platz. Wir fanden ohne Umschweife in ein lockeres Gespräch, die beiden waren mir sehr sympathisch. Nach einer guten Stunde stellte der Herr mit einem Blick auf die Uhr fest, dass es für sie an der Zeit war, nach Hause zu gehen, seine Frau dürfte inzwischen erholt sein. Ich erhob mich und bat ihnen an, sie mit dem Auto zu fahren, der Weg wäre doch sehr beschwerlich. Die Dame strahlte, ihre Augen leuchteten richtig und ich konnte sehen, dass sie erleichtert war. Zu mühsam erschien ihr der Heimweg, zu schwer die Beine, zu warm die Luft. Ihr Atem ging etwas rasselnd, sie keuchte bei der kleinsten Bewegung.
„Sehr gerne!“, erwiderte der Herr. Zusammen stiegen wir in meinen Wagen, innerlich triumphierte ich, wie Sie sich sicher denken können, denn gerade hatte ich zwei Kunden gewonnen, noch dazu in meiner Mittagspause. Ich fuhr sie zu der Adresse, die mir der Herr nannte, kaum dass sie aus dem Auto gestiegen waren, notierte ich mir Straße und Name der beiden. Regelmäßig kam ich nun, um meine Fortschritte zu überprüfen und ich muss sagen, bisher bin ich mit meiner Arbeit zufrieden. Es geht mal langsam, mal schneller, mal rasant, aber stetig bergab. Mein Können schlägt erbarmungslos zu, nur manchmal habe ich den Ausdruck der älteren Dame vor Augen. Doch das Schicksal, meine Arbeit, kann niemand aufhalten und ich verstehe mich in meinem Handwerk.
Sie sehen also, dass ich ein Freund der Situation bin und dann zu handeln weiß, wenn sich mir eine Gelegenheit bietet, und sollte sie noch so klein sein. Ich schlage zu, wenn man am wenigsten damit rechnet und gerade das macht mich für Ihren Betrieb im Bereich der Fertigstellung so unverzichtbar.
Hochachtungsvoll, Senesco

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