Tag 21: Aller Anfang ist schwer

Die kühle Luft des Morgens füllte meine Lungen, während ich durch den Wald joggte. Ich lauschte der Musik in meinen Ohrstöpseln und bewegte mich gleichmäßig in ihrem Takt. Ein Fuß vor den anderen. Schweiß rann mir über die Stirn und lief mir über das Gesicht. Neben mir sprang mein Labrador Wanda her, hechelnd die Zunge aus dem Maul hängend. Sie war nicht angeleint, das fand ich unnötig. Wanda war ein braver Hund und gut trainiert. Sie hörte mir aufs Wort. Ab und zu blieb sie stehen und beschnupperte einen Baumstumpf oder andere Gegenstände, denen wir im Wald begegneten, doch dann holte sie mich wieder schnell ein.

Plötzlich fing Wanda laut an und zu bellen und rannte ins Dickicht. „Hey Wanda“, rief ich ihr nach. „Hier entlang. Komm!“ Ich pfiff nach ihr, doch sie kehrte nicht um. Ihr Bellen wurde immer leiser. Verdammt, das war mir ja noch nie passiert. Was zur Hölle hatte dermaßen ihre Aufmerksamkeit erregt, dass sie nicht mehr auf mich hörte? Ich verließ den schmalen Waldweg und schlug mich ebenfalls durchs Dickicht. Ich stolperte über Wurzeln, Äste hingen mir ins Gesicht und ich bahnte mir langsam Schritt für Schritt meinen Weg durchs Gehölz. „Wanda!“, rief ich immer wieder. „Wanda, wo bist du?“ Aufgeregtes Bellen ertönte in der Ferne, wurde langsam immer lauter. Plötzlich kam ich auf eine Lichtung mitten im Wald. Und da sah ich, was Wanda angelockt hatte. Mir blieb vor Staunen der Mund offen stehen.

Mitten auf der Lichtung lag das Wrack eines riesigen Raumschiffes. Es war in der Mitte zerbrosten und die Einzelteile lagen überall herum. Ich hörte Wandas Bellen zwischen den Trümmern. Aufgeregt rannte ich über die Wiese und suchte nach meinem Hund, bis ich sie schließlich fand. Sie saß neben einem blutüberströmten Körper und bellte. Zuerst dachte ich, es wäre eine Leiche. Doch dann seufzte der Körper plötzlich und drehte den Kopf zu mir.

„Oh mein Gott! Sie leben!“, rief ich aufgeregt.
„Hi-hilfe!“, presste der Verletzte hervor.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und wählte die Notrufnummer.

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Pascal war gerade acht Jahre alt, als er mit seinem Vater mit auf Tournee durfte. Dieser tourte mit seinem Orchester durch Deutschland und hatte auch einen Stop in Lindau am Bodensee. Als Pascal das Gemälde im Museum sah, erinnerte er sich an diesen Tag. Es war der einzige Ort, an dem sein Vater sich Zeit für ihn nahm. Sie liefen die Promenade entlang und kamen zum Hafen, wo ein paar Segelboote und Yachten auf dem Wasser schaukelten.
„Möchtest du ein Eis?“, fragte ihn sein Vater und natürlich bejahte der kleine Pascal diese Frage. Er bekam eine Tüte mit einer riesigen Kugel Schokoeis. Doch als sie weiterliefen, fiel ihm die Eiskugel aus der Waffel, beschmierte sein T-Shirt und landete schließlich auf dem Asphalt. Als sein Vater das sah, wurde er wütend.
„Warum kannst du nicht ein bisschen aufpassen? Du bist so ein Tollpatsch! Nicht einmal ein Eis essen kannst du! Schäm dich, Pascal.“ Das war der Moment, in dem er verinnerlichte, dass er nichts auf die Reihe bekam. Aus ihm würde niemals etwas werden. Dieser Glaubenssatz verwurzelte sich tief in ihm und auch als Teenager und später als junger Erwachsener schleppte er ihn noch immer mit sich herum. Er war ein Tollpatsch, zu blöd zu allem. Kein Wunder, dass er nur einen Aushilfsjob im Baumarkt hatte, während sein Vater als Stargeiger Konzerthallen füllte.

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Die Welt sieht morgens so friedlich aus, als gäbe es nirgends Hunger und Krieg. Pascal joggt seine morgentliche Tour durch den Wald. Dabei gehen im tausend Fragen im Kopf herum, Fragen über sich und Melanie, über seine Zukunft und vor allem darum, warum sie ihn im Geschäft zum Mobbingopfer erkoren haben. Er verlässt den Wald und kommt auf eine Lichtung. Eine Herde Schafe futtert hier das frische, taunasse Gras. Ein Schäfer steht in der Ferne und ruft seinem Hund etwas zu. Pascal joggt weiter. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Er muss sich beeilen, es sieht nach einem Gewitter aus. Er joggt einen kleinen Bach entlang und überquert diesen schließlich auf einer morschen Holzbrücke. Dass diese Brücke noch nicht gesperrt ist, grenzt an einem Wunder. Sie ächzt beim Darüberjoggen so laut, dass Pascal befürchtet, sie würde unter ihm zusammenbrechen. An einem Baum hängt ein Wegweiser, der nach Norden zeigt. Noch ein Kilometer bis zum Parkplatz …

Tag 10: Das erste Aufeinandertreffen

„Scheiße“, ruft Pascal. „Was jetzt?“ Er wird kreidebleich und alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sich den Kopf haltend sinkt er in die Knie.
„Cool bleiben“, sagt sein Gegenüber. „Kein Grund, jetzt den Kopf zu verlieren.“ Er drückt den Notknopf und wartet, bis sich eine verzerrte Stimme meldet. „Wir sind im Aufzug stecken geblieben“, sagt er. „Können Sie uns bitte jemanden schicken, der uns herausholt?“
Pascal kauert derweil auf dem Boden und unterdrückt ein Schluchzen. Sein Herz hämmert ihm wild gegen den Brustkorb und seine Haare kleben ihm schweißnass im Nacken. Sein Gegenüber lässt sich neben ihm nieder und begutachtet ihn schweigend. Dann sagt er: „Du hast Angst.“
„Ach, auch schon gemerkt?“, sagt Pascal, etwas zu laut als nötig.
„Klaustrophobie, was?“ Sein Gegenüber kichert. „Ihr Menschen seid so jämmerlich.“
„Ihr Menschen? Was soll das heißen? Sie sind doch selbst ein…“
„Mensch? Ich?“, er lacht laut auf. „Wenn du dich da mal nicht täuschst, mein Lieber. Der Schein trügt deine trüben Augen.“
„Ich habe keine trüben Augen. Ich sehe klar und deutlich, dass Sie ein Mensch sind.“
„Lassen wir das, ich habe keine Lust, mit einem Dummen darüber zu diskutieren.“ Sein Gegenüber schaut genervt in die andere Richtung.
„Haben sie mich eben dumm genannt?“, japst Pascal ungläubig. Er kann nicht fassen, was dieser Widerling da eben von sich gibt.
„Eine nüchterne Feststellung, ja.“
„Das lass ich mir nicht bieten. Nicht von so einem arroganten…“, beginnt Pascal aufgebracht.
„Hüte deine Zunge, Menschlein. Alles was du jetzt sagst, wird irgendwann gegen dich verwendet werden. Merke dir das!“ Pascal verschlägt es die Sprache. Er weiß nicht mehr, was er dazu sagen soll. Ihm fällt absolut nichts Gescheites mehr ein und plötzlich fühlt er sich wirklich wahnsinnig dumm.
„Wer sind Sie überhaupt? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Arbeiten sie schon lange für BAUMEISTER?“
„Ich wurde erst vor kurzem hier eingestellt. Das haben Sie richtig beobachtet, Pascal.“
„Woher kennen Sie meinen Namen?“ Pascal fällt fast vom Glauben ab. Woher weiß dieser Wildfremde, wie er heißt?
„Ich kenne jeden Namen.“
„Wer zum Teufel sind Sie?“
„Sie sagen es.“
„Was?“
„Der Teufel. Man nennt mich in Menschenkreisen den Teufel. Ich bevorzuge meinen richtigen Namen Luzifer, aber nennen Sie mich wie Sie wollen. Es kommt aufs Gleiche raus.“
„Wie? Sie sind der Teufel?!“
„War das nicht klar genug? Ich bin die Inkarnation des Bösen. Und sie stecken mit mir im Fahrstuhl fest. Also halten Sie besser den Mund, bevor ich mir noch etwas echt Gemeines einfallen lasse.“
„Wovon reden Sie, verdammt?“
„Ich könnte den Fahrstuhl noch ein Stückchen runtersacken lassen.“
„Das würden Sie nicht wagen!“
„Wetten?“
„Sie sitzen doch selbst hier drin. Das würden sie nicht…. VERDAMMT!!!“ In diesem Moment sackt der Fahstuhl etwa einen Meter nach unten ehe er wieder quietschend abbremst. Pascal rinnt der Schweiß übers Gesicht. Seine Augen sind vor Angst weit aufgerissen. „Machen Sie das nicht nochmal! Sonst…“
„Sonst was? Wollen Sie mir etwa drohen?“ Ein hysterisches Lachen ertönt und bringt den ganzen Fahrstuhl zum Vibrieren. Der Teufel hält sich den Bauch und lacht Tränen.
„Hören Sie auf zu lachen! Das ist nicht witzig!“
„Sie sind ein Komiker, Pascal. Sie glauben ernsthaft, dass Sie MIR drohen können …“

Ein lautes Scheppern ertönt. Dann wird die Fahrstuhltür von außen aufgeschoben und der Hausmeister streckt den Kopf von oben durch einen Spalt.
„Bleiben Sie ganz ruhig“, sagt er. „Wir holen Sie raus!“

Tag 9: Was ist eigentlich Glück?

Es goss in Strömen. Pascal hastete zur Bushaltestelle. Er musste seinen roten Regenschirm gut festhalten, denn der Wind versuchte immer wieder, ihn ihm aus den Händen zu reißen. In wenigen Minuten kam der Bus. Pascal bog um die Ecke. An der Haltestelle wartete eine junge Frau im Regen. Sie hatte eine völlig durchgeweichte Kapuze auf dem Kopf und vergrub das Gesicht in ihrem Jackenkragen.
„Guten Morgen!“, sagte Pascal.
„Morgen“, antwortete die Frau knapp. Ihre meerblauen Augen beobachteten ihn schüchtern. Ihr blondes Haar klebte ihr klatschnass an der Stirn. Ohne lange zu überlegen rückte Pascal an die Frau heran und hielt seinen Schirm über sie.
„Wenn ich Ihnen zu nahe komme, müssen sie’s nur sagen“, sagte Pascal. Die junge Frau nickte. Auf ihren Lippen bildete sich ein zartes Lächeln. „Sie sind ja schon völlig durchnässt. Wohl den Schirm vergessen, was?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass es dermaßen anfängt zu gießen“, sagte die junge Frau und biss sich auf die Unterlippe.
„Ich heiße Pascal und Sie?“
„Melanie.“
Mit einem lauten Quietschen kam der Bus vor ihnen zum stehen. Pascal ließ Melanie den Vortritt und sie stiegen ein. Melanie zeigte ihr Ticket vor und ging weiter nach hinten in den Bus. Pascal musste sich erst eine gültige Fahrkarte kaufen. Als er sich schließlich neben Melanie auf einen freien Platz fallen ließ, hatte diese bereits ihre Kapuze abgesetzt und eine wilde, blonde Lockenmähne fiel ihr über die Schultern. Ihre Wangen waren rot von der plötzlichen Wärme des Busses. Sie war wunderschön.
Pascal und Melanie unterhielten sich die ganze Fahrt über. Er erfuhr, dass sie in einem kleinen Café als Bedienung arbeitete und gerade auf dem Weg zur Arbeit war. Pascal erzählte von seinem Job im Baumarkt, doch die meiste Zeit hörte er Melanie zu. Als diese schließlich aussteigen musste, hatten sie ihre Handynummern ausgetauscht. Es war das erste mal, dass eine Frau ihm freiwillig seine Nummer gegeben hatte, ohne dass er lange darum betteln musste. Pascal war einfach nur unendlich glücklich, Melanie getroffen zu haben und freute sich schon riesig auf ein Wiedersehen.

Zwei Tage später hatten sie ihr erstes Date. Mit trockenen Haaren und perfekt sitzendem Make-up sah Melanie noch viel hinreißender aus, als damals im Regen. Es dauerte nicht lange und die beiden wurden ein Paar. Für Pascal blieb der Tag ihres Kennenlernens jedoch der glücklichste Tag seines Lebens. Endlich einmal kam er auch in den Genuss jenen „Glücks“, wovon die anderen Leute so oft sprachen.

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