Tag 11: Ort der Sehnsucht

Es ist Sonntag Abend. Penny liegt in ihrem Bett. Die Hände hinter ihrem Kopf verschränkt, die weisse Decke anstarrend.
Sie war heute an so einer exklusiven Auktion gewesen wo allerhand versteigert wurde. Statuen, Oldtimer Bilder.
Sie hatte nichts gekauft, dass Bild dass sie wollte, hatte ihr ein anderer Käufer weggeschnappt. Doch jetzt materialisierte sich das auf ihrer weissen Decke in ihrem Schlafzimmer.
Grün in jeder nur erdenklichen Form zogen sich aus dem Rand ihrer Augenwinkel Richtung Blickfeld und formten dort dicke Tannen, stämmige, spriessende Birken und knorrige Lärchen.
Mitten in diesem Bild konnte man einen Mann und ein kleines Kind in der Hocke sehen, die auf etwas zeigten das man aber nicht erkennen konnte.
Penny erinnerte das Bild an ihre Kindheit. An sonnige Frühlingstage, wo ihre Vater mit ihr durch den Wald gelaufen war. Auf beinahe jedem Zentimeter Waldboden hatte er etwas neues gesehen, dass er ihr gezeigt hatte.
Er ist vor ihr gekniet, ihm Dreck gekrochen, nur dass sich ihre beiden Welten auf Augenhöhe befanden. Ihr Papa hatte immer versucht, in jedem Mensch etwas Gutes zu sehen, ihn als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft zu behandeln.
Diese Mentalität gab sie nun auch in seinem Geschäft weiter (ausser vielleicht bei ihrer Stiefmutter 🙂 ). Auch wenn er es im Himmel oben vielleicht nicht sehen konnte.

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Ich wanderte den Flur hinunter, während meine Eltern wieder mal eines ihrer oberflächlichen Höflichkeitsgesprächen mit irgendwelchen Bekannten führten, die auch zu dieser Veranstaltung eingeladen waren. Die Gastgeber kannte ich nur flüchtig, sie waren etwas tiefer gestellt als wir und wir hatten eigentlich nicht viel mit ihrer Familie zu tun, aber unseres Standes wegen mussten wir ja praktisch zu allem eingeladen werden, alles andere wäre respektlos und unhöflich.
Allerdings hatte ich immer noch nicht ganz verstanden, wozu das alles gut sein sollte. Sie unterhielten sich ja nicht mal über wichtige Dinge, es war alles nur, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, Präsenz und seine Stellung zu zeigen. Es war so langweilig. Und im Endeffekt endeten die meisten dieser Veranstaltungen sowieso damit, dass meine Eltern sauer auf mich waren, weshalb ich es noch weniger verstand, dass sie mich mitnahmen.
Da zog eines der Bilder meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war anders als die, die wir zu Hause hatten. Es schien zwar auch eine Art Landschaftsgemälde, aber es war bunt und nicht so detailreich, eher grobe Pinselstriche und Tupfer. In der rechten Ecke waren zwei Boote zu sehen, die obere Hälfte bestand fast vollständig aus Himmel, der nur von einem dünnen Streifen Landschaft mit Bergen und dem Hafen vom Wasser getrennt wurde. Etwas links von der Mitte war ein Leuchtturm zu sehen.
Ich konnte nicht genau sagen, was mich so sehr daran faszinierte. Vielleicht waren es die kräftigen, bunten Farben, die alles ein wenig unwirklich und fast wie im Traum wirken ließen, aber irgendwas an dem Bild berührte mich. Das Meer hatte ich noch nie in Wirklichkeit gesehen, denn obgleich wir genug Geld hätten, fuhren wir nie in den Urlaub. Seit meiner Geburt hatte ich diese Stadt nur einige, wenige Male verlassen, und das Land noch nie. Wir blieben immer in der Nähe von zu Hause.
Wie schön es doch wäre, wenn ich einfach in dieses Bild eintauchen, in ich verschwinden könnte. Von der Spitze des Leuchtturms aus das Wasser beobachten, den Wind in meinem Gesicht und dem Haar spüren, den fremden Geruch der See einatmen, um dann mit einem der Boote hinüber zu dem unbekannten Land, das von der Sonne beschienen wurde und geradezu nach mir zu rufen schien, fahren. Irgendwo hin, wo mich niemand kannte, mich niemand verurteilte und ständig irgendwelche Erwartungen hatte.

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Ich legte auf und stellte das Telefon zurück in seine Halterung.
Ein Seufzen entfuhr mir. Ich hatte Ruben nichts von dem Bild erzählt, das ich im Museum gesehen hatte. Er hätte so etwas gesagt wie „Das war bestimmt nicht das gleiche Bild!“ oder „Mach dir keinen Kopf deswegen, Caitlin.“
Doch ich war mir so sicher, dass es das gleiche Bild war. Der Malstil und auch das Motiv, das war so unglaublich typisch für Dad. Die Boote, die alle verschiedene Farben hatten, das Wasser, das so klar war, dass man sich darin spiegeln konnte, und der Leuchtturm im Hintergrund. Genau so hatte der Hafen ausgesehen. Ich konnte mich sogar noch genau daran erinnern, wie Dad in seinem Arbeitszimmer saß und das Bild gemalt hat. Ich habe ihm die ganze Zeit über zugesehen und sogar dabei geholfen, die Farben zu mischen. Das war jetzt schon elf Jahre her, und trotzdem konnte ich mir alles noch genau vorstellen. Ich wusste sogar noch, dass er an diesem Tag sein Lieblingshemd getragen hatte, das blaue. Und dann durfte ich ihm endlich beim Malen helfen, habe vor Freude mit dem Pinsel gewedelt und sein Hemd voller gelber Farbe gespritzt.
Ich lachte auf und spürte, wie mir eine Träne die Wange hinunterrann. Ich vermisste ihn so sehr, dass es schmerzte. Ich schluckte, dann griff ich nach meinem Handy, das auf meinem Nachttisch lag.
Mit zitternden Fingern gab ich ‚Niklas Camp‘ und ‚Hafen‘ in das leere Googlefeld ein und bestätigte die Suche. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich auf eben das gleiche Bild stieß. Mein Blick huschte über den Text, der dazu geschrieben wurde, doch schon bald verschwomm er vor meinen Augen.
Dad hatte es tatsächlich geschafft. Er hatte etwas gemalt, dass in einem Museum ausgestellt wurde.
Ich stieß ein Lachen aus, das von meinen Tränen erstickt wurde. Ich hatte heute Dads Bild gesehen. Es existierte noch.
Und das bedeutete, dass Dad nicht nur in meinem Herzen war, sondern auch in einem Bild verewigt war.
Ich schluchzte auf und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen, während ich nicht aufhören konnte zu lächeln.

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Sie wälzte sich unruhig in ihrem Bett auf die andere Seite und starrte nun ihre Wand an. Irgendetwas ließ sie nicht einschlafen. Sie kniff die Augen fest zusammen und zwang sich, ihre Gedanken abzuschalten. Es funktionierte nicht. Sie öffnete ihre Augen wieder und drehte sich auf den Rücken. Ihre Augen brannten höllisch, trotzdem hielt sie den Blick zur Decke gerichtet.

Es ist dieses Bild, dachte sie. Dieser Mann. Verdammt. Sie hätte nie in diese Kunstgalerie gehen sollen.

Amira hatte heute früher Schulschluss gehabt und als sie auf dem Heimweg ein Plakat zu besagter Kunstgalerie gesehen hatte, entschloss sie sich spontan, diese zu besichtigen. Eintritt für Kinder unter 18 Jahren frei. Das klang doch schonmal gut.

Die ausgestellten Werke waren auf nur zwei Räume verteilt, jeder etwa zehn Quadratmeter groß. Besonders viele Bilder gab es nicht, dementsprechend viele Besucher waren da. Amira war geradewegs an der Kasse vorbeimarschiert und als sie den ersten Raum betrat, zählte sie ungefähr acht weitere Personen. Ein Paar saß auf einer Bank neben dem Eingang und die kleine Tochter zeigte aufgeregt auf jedes Bild, was sie interessant fand und wollte unbedingt ein Kommentar ihrer Eltern hören. „Toll.“ oder „Schön.“ kam meistens als Antwort.

Amira schlenderte gemächlich an den Bildern vorbei. Keines sprach sie wirklich an oder veranlasste sie, stehen zu bleiben.

Sie betrat den zweiten Raum. Nur vier Personen. Ein Rentnerpaar, eine Dame mittleren Alters, die an ihrem Handy herumtippte und ein Mann. Die Werke in diesem Raum waren auch nicht viel ansprechender. Vielleicht fehlte ihr aber auch einfach der Blick für so etwas, dachte Amira. Sie hatte mittlerweile fast alle Bilder einmal angesehen. Nur eines fehlte ihr noch. Das Bild, vor dem der Mann stand. Vorsichtig trat sie hinter ihn und versuchte etwas zu erkennen. Was ihr als erstes auffiel, waren die vielen Farben, die das Gemälde zeigte. Hauptsächlich Blau- und Rottöne. Ansonsten war es nicht besonders aufregend. Amira wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihr Blick kurz das Gesicht des Mannes streifte und an seinen Augen hängen blieb. Sie waren glasig und trüb. Und leicht gerötet. Als hätte er geweint oder eine ganze Weile nicht mehr geblinzelt. Er starrte ununterbrochen auf das Bild vor ihm, bewegte keinen einzigen Muskel. Amira fühlte sich unwohl. Sie versuchte ihren Blick abzuwenden, da drehte der Mann sein Gesicht in ihre Richtung und schaute ihr direkt in die Augen. Seine Iris hatte einen leichten Grünstich. Amira wollte sich gerade für ihr Starren entschuldigen, doch ihr Gegenüber kam ihr zuvor. „Verzeihung.“, sagte er. Seine Stimme klang rau und kehlig. „Versperr‘ ich dir die Sicht?“ Ein zaghaftes Lächeln lag auf seinen Lippen. Noch ehe Amira etwas erwidern konnte, trat er einen Schritt zur Seite und richtete seinen Blick wieder auf das Gemälde. Amira stand einen Moment ratlos da, entschied sich dann aber, sich neben den Mann zu stellen. Alles andere erschien ihr unhöflich.

So standen sie eine Weile und betrachteten das Bild. Die Gedanken des Mannes, die ihm bei diesem Bild kamen, interessierten Amira sehr. Doch sie traute sich nicht, ihn zu fragen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, öffnete er den Mund und sagte: „Erstaunlich, oder? Dieses Bild wurde in so hellen und ausdrucksstarken Farben gemalt, und trotzdem fühlt man sich einsam, wenn man es betrachtet.“ Er schaute Amira erneut an und lächelte wieder kaum merklich. „Aber vielleicht ist das auch nur meine Betrachtungweise.“

Amira konnte beim besten Willen nichts darauf erwidern. Dieses Bild verursachte nicht das geringste Gefühl in ihr. Sie hatte die Arme hinter ihrem Rücken verschränkt und ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie musste einfach fragen. „Ähm“, brachte sie hervor, „Entschuldigung, wenn ich frage, aber was verbinden Sie mit diesem Bild?“

Der Blick in seinen Augen verriet, dass er mit dieser Frage gerechnet hatte. Er schloss kurz seine Augen und schenkte Amira ein unsichers Lächeln. „Möchtest du das wirklich wissen?“

Amira nickte vorsichtig und wartete darauf, das er wieder mit Sprechen anfing. Er hatte die Augen erneut geschlossen und schien sich innerlich zu sammeln. Er öffnete die Augen und sagte: „Ich habe nur noch zwei Monate zu leben.“

Stille. In der gesamten Galerie war kein Geräusch zu hören. Wenn Amira sich umgedrehen würde, dann hätte sie gemerkt, dass sie nur noch zu zweit im Raum waren. Doch sie drehte sich nicht um. Sie hielt den Blick auf die trüben Augen des Mannes gerichtet. In ihren Ohren rauschte es. Sie kämpfte gegen ein aufkeimendes Schwindelgefühl an, indem sie sich an ihrem Oberarm klammerte, doch es half nicht.

„Tut mir leid.“ brach er die Stille. „Ich hätte dich nicht damit belasten sollen.“

Amira sah wohl genauso hilflos aus wie sie sich fühlte. Sie schluckte einmal kräftig, um den bitteren Geschmack in ihrem Mund loszuwerden und verstärkte den Griff um ihren Oberarm. „Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.“ Amira kam sich gemein vor. Jeder andere hätte so etwas wie „Oh mein Gott, sie Ärmster!“ oder „Das tut mir schrecklich leid!“ geantwortet, doch Amira hatte das Gefühl, als wollte er solche Kommentare nicht hören.

Er reagierte auch keinesfalls gekränkt, eher überrascht. „Du hast recht.“ erwiderte er, „Das hab‘ ich wohl noch nicht.“ Er fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht, seine Augen waren auf das Bild gerichtet. „Dieses Bild erinnert mich an einen Ort. Einen Ort, der mir viel bedeutet, an dem viele Erinnerungen haften.“ Er hielt kurz inne. „Du kannst dir sicher denken, dass ich diesen Ort gerne noch einmal sehen würde, bevor ich … naja, bevor es nicht mehr möglich ist.“

Amira nickte automatisch, auch wenn der Mann sie gar nicht ansah.

„Ich habe nur ein kleines Problem.“ Er schluckte kurz, als hätte das Reden seine Kehle ausgetrocknet und richtete seinen Blick zu Boden.

Amira wartete geduldig, bis er fortfuhr. Sie wollte auf keinen Fall aufdringlich wirken. Als er jedoch nach einigen Minuten immernoch schwieg, hielt sie es nicht mehr aus. „Ein Problem?“, hakte sie nach.

Die trüben Augen des Mannes richten sich wieder auf sie und Amiras Herz zog sich zusammen. Sie hatte noch nie so viel Zerissenheit in einem Blick gesehen.

„Ich liebe es, allein zu sein.“, sagte er schließlich.

Amira verstand nicht ganz. War das ein Wink, damit sie ihn in Ruhe ließ?

„Das ist mein Problem.“, erklärte er. „Ich dachte immer, alleine zu sein und einsam zu sein, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Doch das stimmt nicht.“ Er rieb sich über die Augen. Amira kam mit ihren Gedanken nicht hinterher. Für sie war es normal alleine zu sein, doch sie hatte sich noch nie einsam gefühlt. Für sie waren es zwei unterschiedliche Dinge.

„Eine Form der Einsamkeit ist, Erinnerungen zu haben, die man mit niemandem teilen kann.“, riss er sie aus ihren Gedanken. Es klang, als würde er zitieren.

„Peter E. Schumacher“, fügte er hinzu.

„Die Erinnerungen, die ich an diesem Ort mache, sind vermutlich meine letzten.“ Seine Stimme klang belegt. „Wenn ich sie mit niemandem teilen kann, bedeutet das dann, dass ich einsam bin? Bedeutet das, ich sterbe einsam?“

Seine Stimme stockte. Amiras Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn mit Watte vollgestopft. Die Worte des Mannes prasselten auf sie ein, aber sie konnte sie nicht begreifen. Die Situation kam ihr so unwirklich vor. Der Mann schien ebenfalls etwas neben der Spur zu sein. Vermutlich fragte er sich gerade, warum er all das einem fremden Mädchen erzählte und ihr Fragen über Einsamkeit und den Tod stellte, die sie beim besten Willen nicht hätte beantworten können.

„Ich kann nicht behaupten, ich hätte zu kurz gelebt.“, unterbrach er Amiras Gedanken erneut.

„Ich bereue mein Leben auch nicht, im Gegenteil. Aber ich werde vermutlich meinen Tod bereuen, wenn ich so weiter mache.“ Er rieb sich seine geröteten Augen, holte tief Luft, was eher wie ein Keuchen klang, und fuhr fort. „Mir war es nie wichtig, Kontakt mit anderen zu haben. Ich dachte immer, es sei besser, nur mit sich selbst zu sein. Besser allein, als in schlechter Gesellschaft. Einige würden mich vermutlich als menschenfeindlich bezeichnen und so unrecht haben sie damit gar nicht.“ Seine Stimme klang gedämpft und kratzte bei jedem Wort.

„Verstehst du jetzt mein Problem?“, fragte er sie unvermittelt. Amiras war so überrascht darüber, dass sie gar nicht reagieren konnte.

Als er keine Reaktion von Amira bekam, sprach er mit matter Stimme weiter:

„In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.“ Ein weiteres Zitat. Amiras kannte es. Es stammte von Nietzsche.

„Nun wähle.“, wiederholte er schwermütig und schüttelte den Kopf. „Mein Leben geht zu ende und man stellt mich vor die Entscheidung, ob ich einsam oder in schlechter Gesellschaft sterben will.“

Ungewollt musste sich Amira fragen, wie es möglich war, dass man dieses negative Zitat noch negativer interpretieren konnte.

„Ich kann nicht wählen, verstehst du?“, sagte er heiser. „Vor ein paar Jahren noch, hätte ich mir über so ein lächerliches Zitat noch nicht einmal Gedanken gemacht und jetzt zerbrech‘ ich mir darüber den Kopf, liege nächtelang wach, weil ich eine Entscheidung treffen muss, die ich nicht treffen will. Es ist erbärmlich. Die Zeit verrinnt zwischen meinen Fingern und ich tue einfach nichts.“

Er starrte auf den Boden und ballte seine Hände zu Fäusten.

„Ich habe keine Angst davor, zu sterben. Ich habe Angst vor dem, was davor kommt. Zu spüren, wie einen langsam die Kräfte verlassen, wie der Körper taub wird und man unfähig wird, sich zu bewegen. Gezwungen zu sein, diesen Zustand hilflos zu erdulden, bis man endlich sein Leben … sein Leben aushaucht.“ Seine Stimme überschlug sich. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte energisch den Kopf. „Das kann ich nicht, das würde ich nicht aushalten. Nicht alleine. Der Gedanke macht mich krank. Verdammt, ich war die ganze Zeit so einfältig! Ich habe niemanden, absolut niemanden! Ich werde allein sterben, weil ich ein so ignoranter Mistkerl bin!“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter.

„Verdammt, ich kann das nicht, ich will nicht alleine sterben!“

Seine Stimme erstarb. Er hatte die letzten Worte beinahe herausgebrüllt und seine Stimme schallte von den kahlen Wänden der Galerie zurück.

Amiras Kopf dröhnte. Ein Anzeichen dafür, dass sie den Tränen nahe war.

Das Gesicht des Mannes war aschfahl. Trotz des Mantels, den er trug, konnte man sehen, dass er zitterte.

Amira wollte reagieren. Sie wollte ihm helfen. Er sah aus, als würde er ohne Fallschirm vor der geöffneten Tür eines über den Wolken fliegenden Flugzeuges stehen. Er war nicht bereit zu springen. Man würde ihn brutal nach vorne stoßen und er würde in die Tiefe stürzen. Alleine.

Amira schmeckte Salz auf ihren Lippen. Ohne es zu merken, hatte sie angefangen zu weinen. Sie machte sich nicht die Mühe, ihr Gesicht trocken zu wischen.

Zögerlich streckte sie ihre Hand aus und berührte den Mann am Ärmel. Sie kam sich so nutzlos vor.

Er reagierte nicht auf ihre Geste.

Sie spürte sein Zittern auch unter dem rauen Stoff seines Mantels. Langsam beruhigte er sich.

Plötzlich hörte man ein keuchendes Husten. Amira stutzte. Lachte er etwa?

Sein Husten verstärkte sich und er hielt sich die Hand vor den Mund. Nein, ein Lachen war das eindeutig nicht.

Amira verstärkte zaghaft ihre Berührung auf seinem Ärmel. Er hatte sich wieder gefasst und drehte sich in ihre Richtung. Seine Augen waren nass und geschwollen. Amira nahm ihre Hand nicht weg.

Sie wollte irgendetwas sagen. Denk nach Amira, denk nach!

Der Mann sah sie mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Beschämen und Bestürzung an.

Amira öffnete den Mund. „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt.“

Es war das Beste, was ihr auf anhieb einfiel. Sie betete in Gedanken dafür, dass er den Rest des Gedichts nicht kannte. Das würde die Situation sicher verschlimmern.

„Ich weiß, wie die Strophe weitergeht.“, sagte er tonlos. Amira fluchte innerlich. Sie musste etwas sagen. „Es spielt keine Rolle, wie es weitergeht.“, fing sie an. „Es geht nur um die beiden Verse. Man soll sich aus der Welt zurückziehen und Frieden in sich selbst finden. Selbst wenn es in den weiteren Versen um einen Freund geht, das heißt noch lange nicht, dass man sich einen Freund suchen muss, wenn man sich zurückzieht. Vielleicht findet man nicht nur Frieden, sondern auch einen Freund in sich selbst.“

An dieser Stelle verschwimmen Amiras Erinnerungen. Sie wusste nicht mehr, was der Mann darauf geantwortet hatte. Ob er überhaupt geantwortet hatte. Sie weiß noch, wie elend sie sich danach gefühlt hatte und als sie wieder zu Hause war, hatte sie den restlichen Tag lang Musik gehört und musste sich ab und zu die Tränen aus den Augen wischen. Sie hatte versucht zu schlafen, doch es klappte nicht. Und so lag sie immernoch wach, starrte die Decke an und ihr Kopf fing schon wieder an zu dröhnen. Sie verstand immernoch nicht, wie man so eine starke Bindung zu einem bestimmten Ort haben kann, dass einen innerlich kaputt macht. Sie konnte es einfach nicht nachvollziehen.

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Noah fuhr sich unbewusst mit den Händen durch sein mittel-blondes Haar. Ihm war gar nicht bewusst gewesen das er den Weg zum Hafen eingeschlagen hatte. Und doch konnte und wollte er um nichts in der Welt mehr umkehren. Sein blick wanderte über die nächtliche Skyline seiner Stadt, versank kurz in den zahlreichen Lichtern, und wandte sich dann wieder den Schiffen und Booten zu die hier vertaut waren.
Arm und reich waren auch hier fein säuberlich voneinander getrennt, so das hier vor den alten Lagerhallen auch heruntergekommene Boote lagen und weiter hinten, an den Dock ankerten die Yachten der Reichen. Noahs Blick glitt verträumt über das dunkle Wasser in dem sich die Lichter farbig spiegelten, dann sah er hoch zu der größten der Yachten. Der „Seaqueen“, die Yacht von Adrian Thorne. Majestätisch lag sie auf den dunklen Wellen und Noah wünschte sich in diesem Moment nichts mehr als an Board dieses Schiffes zu gehen und damit wegzufahren.
Wie schön wäre es all seine Sorgen, Ängste und Probleme hinter sich zu lassen?
Noah seufzte leise und setzte seinen Weg am Pier entlang fort. Der Wind hatte aufgefrischt aber es war trotzdem noch angenehm warm. Er schlenderte an der Seaqueen vorbei und besah sich den wunderschönen Sternenhimmel als er hintersich auf einmal eine bekannte Stimme vernahm. „Verfolgen sie mich, Mister Cross?“

Tag 11: Ort der Sehnsucht

Alex Bewunderte die Galerie. Er hatte seine erste überstandene Woche des Jobs feiern, aber gleichzeitig etwas Ruhe haben wollen. Deshalb hatte Keith schließlich, wenn auch etwas widerwillig, von seinen Plänen einer großen Feier abgesehen und ihn mit in die neu eröffnete Galerie geschleift.
„Was machen wir hier?“, fragte Alex, normalerweise führte sein bester Freund immer noch etwas im Schilde. Aber er zuckte nur mit den Schultern.
„Es ist eine neu eröffnete Galerie, welche neue Künstler ausstellt, alte Gemälde restauriert und auch verkauft. Es ist ruhig hier, aber nicht langweilig, also dachte ich dir würde es gefallen.“
„O-kay.“, meinte Alex und schaute sich nun um. Die Wände waren weiß und das Gebäude schlicht gestaltet, riesige Leinwände schmückten den ersten Raum aus. „Sonst noch etwas?“
„Ich habe investiert und den Aufbau unterstützt und wollte einmal herausfinden wie es läuft.“
Halb umgedreht, schlenderte Keith durch den Raum und beschaute die Galerie und die Bilder mit prüfendem Blick. Für einen Zuschauer hätte er wahrscheinlich flüchtig und gelangweilt gewirkt, aber Alex kannte ihn gut genug um zu wissen dass er alles genauestens inspizierte.
Seufzend verdrehte er die Augen und begann, sich ebenfalls den Bildern zu widmen.
Die Bilder im ersten Raum waren nicht nach seinem Geschmack. Sie zeigten abstrakte Kunst, es waren sogar ein Rothko und ein Hearing darunter.
„Ich habe noch nie verstanden warum Leute Unmengen an Geld für Vierecke und Strichmännchen ausgeben.“, murmelte er.
Keith, der ihn offensichtlich gehört hatte. Wandte sich ihm erneut zu, während sie weitergingen. „Nun, um ehrlich zu sein ist Rothkos Malart wirklich interessant, wenn man sich einmal näher mit ihr befasst..“, er schien Alex´s Desinteresse zu spüren und fasste den Rest des Satzes kurz. „.. bis zu seinen späteren Arbeiten, die vollständig schwarze Leinwände darstellen, hat er transparente Farbe über der Grundfarbe angebracht und… egal… Und die Strichmännchen waren damals der Gag, weil niemand davor je auf die Idee kam für solchen Unfug Geld zu Verlangen, denke ich. Die Leute waren begeistert!“
Alex hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Ein langer Gang schloss sich an das erste Zimmer an, gefüllt mit kleineren Skulpturen und kleineren Bildern, reichend von der Renaissance bis zu Portraitzeichnungen von Picasso. Kopfschüttelnd bahnte sich Alex seinen Weg voran. Wie hatten Keith und die anderen der Galerie es geschafft, an diese Bilder zu kommen?
Der Gang bog um eine Ecke, an der er ruckartig stehen blieb. Es war ein einfaches, simples Bild, welches vor ihm hing, das ihn wie auf magische Weise anzog. Er wusste nicht wieso. Vielleicht lag es an den satten Grüntönen, oder einfach nur daran, dass es das einzige Bild in dem kleinen Zimmer war. Aber er konnte den Blick nicht von dem Werk abwenden. Ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn, als würde er es erkennen. Hatte er dieses Bild schon einmal gesehen, oder woran erinnerte es ihn? „Weg im Wald, von Vincent Van Gogh“
Natürlich. Aber da war noch etwas anderes.
„Na, woran erinnert dich das?“ fragte Keith über seine Schulter hinweg und ließ ihn zusammenschrecken.
„An einen der Familienausflüge in meiner Kindheit. Ich war bei meinen Großeltern und wir sind in den Wald gegangen um Beeren zu sammeln.“, begann Alex zu erzählen, ein nostalgisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ich weiß noch, dass sie Angst hatten, ich würde zu weit weglaufen. Sie haben mir erzählt dass es böse Monster dort gäbe die mich schnappen würden wenn es dunkel wurde. Sie erzählten mir Gruselgeschichten von einem, welches Kinder, die er alleine und außer Sicht der Eltern auffindet, mitnimmt und sie dann auskitzelt und sie nur Gesundes zu essen kriegen… Als ich dann irgendwann erkannte, dass alles nur gelogen war, war ich ziemlich wütend.“ Alex kicherte. Keith Miene hatte sich bei dem Wort Monster für einen Augenblick verdunkelt, aber nun lächelte auch er wieder.
„Wir haben immer Blaubeeren gesucht, aber keine gefunden und uns deshalb welche aus der Gefriertruhe im Supermarkt geholt. Aber die Spaziergänge waren immer toll.“
„Also gefällt es dir?“ fragte Keith und nickte zum dem Bild.
„Ja.“, kam die einfache Antwort.
„Gut.“ grinste Keith und Alex ahnte, dass es noch einen Grund gegeben hatte, weshalb Keith ihn hierher schleppte. Nicht dass er es nicht gemocht hatte. „Weil das nämlich dein Geburtstagsgeschenk ist.“
Mit aufgeklapptem Mund starrte Alex erst auf das Bild, und dann zu seinem besten Freund. Dann fasste er sich wieder und nickte nur anerkennend.
„Woher wusstest du eigentlich, dass es mich an etwas erinnern würde?“
„Im ernst? Es ist ein Wald. Den Menschen der noch nie einen Baum sah musst du mir erst einmal zeigen! Natürlich gibt es da irgendwelche Erinnerungen.“

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