Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Penny stand da, zu einer Salzsäule erstarrt, feiner weisser Rauch umwaberte ihre Zehen. Was sollte sie bloss tun? Normalerweise hiess es ja, dass wenn es brannte, die Luft am Boden besser war als in der Luft hoch oben. Doch dieser Rauch schlich wie eine Schlange durch ihr Zimmer.
Sie würde sich hüten auch nur in die Knie zu gehen.
Vielleicht sollte sie auf das Bett stehen?
Gedacht, getan.
Penny stieg auf ihr Bett, nahm ihr Handy vom Nachttisch ehe sie aufstand und stellte sich in die Mitte. Toni musste her. Nicht für lau wohnte er schliesslich im Gästehaus. Auf Kurzwahl eins gedrückt, klingelte es bald. Auf dem Bett herumtänzelnd flehte sie: „Nimm ab! Nimm ab! Nimm…“
„Ja“, stöhnte ein verschlafener Toni an ihrem Ohr.
„BEI MIR BRENNTS!“, kreischte sie hemmungslos.
„Bin sofort da!“, antwortete er und dann ertönte das Freizeichen. Penny schaute nach draussen wo sie knapp die Giebel des Hauses sehen konnte.
Sollte sie die Feuerwehr rufen? Aber sobald irgendein windhündiger Journalist spitz kriegte, dass es hier brannte hatte sie die nächste Woche die Medien am Hals. Es reichte schon, dass sie sich ständig für Rasmus rechtfertigen musste. Doch ihre Finger fingen bereits an zu tippen.
11…
Doch dann hörte sie Toni die Treppen raufpoltern. Kurz darauf wurde die Schlafzimmertüre aufgerissen begleitet von dicken Rauchschwaden. Doch sein Gesichtsausdruck verwirrte sie irgendwie. Wut, vermischt mit Erleichterung und einem hämischen Grinsen auf den Lippen. Zudem hatte er ein silbernes Zylinderförmiges etwas in der Hand, dass er sogleich Penelope entgegen warf.
Sie erschrak und griff daneben, weil sie dachte, das Ding sei immer noch gefährlich.
„Rauchpetarden“, erklärte er.
„Was?“ Penny war total verwirrt. Sie war kein Schwerverbrecher der aus ihrem Versteck ausgeräuchert werden musste.
„Wo ist Rasmus?“, fragte Toni wütend.
„In seinem Zimmer vermute ich Mal. Warum?“
„Dem Blase ich jetzt den Marsch“, sagte er und verschwand.
Penny fasste sich und rannte Toni nach. „Lass ihn. Vielleicht hat er einfach einen guten Schlaf!“
„Nein!“, schrie Toni nur und rannte durch die rauchgefüllten Gänge. Penny wie eine Irre hinterher und öffnete gleichzeitig jedes Fenster, an dem sie vorbeikam.
Als Junge für alles wusste Toni natürlich, wessen Zimmer Rasmus bewohnte. Ohne zu klopfen trat er ein, packte ihn am Kragen seines Schlafhemdes und zerrte ihn aus dem Bett auf den Boden.
„WAS FÜR EIN ZUFALL DAS IN DIESER SEITE DES HAUSES KEIN RAUCH IST!“, schrie Toni ungehalten auf Rasmus ein.
Penny schaute sich um und war verblüfft. Er hatte recht. Was aber noch lange kein Grund war, einen weiteren ihrer Angestellten anzuschreien, denn das war Rasmus ein Angestellter. Aber was ihr gerade mehr Sorgen machte, war Tonis pochende Halschlagader, die immer grösser wurde und seinem Kopf eine zündrote Farbe verlieh.
„Eh, Toni.“, versuchte sie sachte.
Doch seine zornigen Blicke waren noch immer Rasmus zugewandt.
„TONI HÖR SOFORT AUF SONST PLATZT DEIN KOPF!“, schrie sie, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und es wirkte. Toni drehte sich um, denn er war von seiner Chefin noch nie angeschrien worden.
„Wir klären das Morgen“, sagte sie ruhig.
„Aber nur, wenn der da putzen hilft“, sagte er und nickte Richtung Rasmus.
„Warum sollte er? Er hat ja geschlafen, er war es nicht“, sagte Penny überzeugt von ihrer Meinung.
Doch als Toni an ihr vorbei lief, war Penny sicher, das für Toni dieser Vorfall noch lange nicht gegessen war.

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

„Es ist schwer aus einem Albtraum aufzuwachen, wenn dieser wahr ist.“- Kristin Cashore, Fire

„Was machst du hier?“ Sophie drehte sich auf meine Frage hin zu mir um, ihre grünen Augen funkelten dabei im flackernden Licht des Lagerfeuers.
„Was meinst du?“ Sie ging auf mich zu und lächelte leicht.
Irgendetwas stimmte nicht. Aber ich kam nicht darauf, was genau es war. Meine Gedanken waren merkwürdig vernebelt, und die Wärme ließ mich schläfrig werden.
Ihr Lächeln wurde indes größer, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mich auf die Wange küsste.
Schließlich lehnte sie sich an mich und flüsterte mir sanft ins Ohr.
„Ich bin natürlich gekommen, um dich umzubringen. Jemand wie du sollte nicht leben!“
Ich zog meinen Kopf zurück, unfähig, ihren Worten zu glauben, da hob sie eine ihrer Hände zum Schlag an. Sie hielt eine Fackel, welche sie nun mit voller Wucht auf mich niederfahren ließ. Ich wich zur Seite aus, aber sie hakte nach, und korrigierte ihre Hand.
Es ging immer weiter. Sie griff an, ich wich aus, während die Flammen um uns herum langsam immer mächtiger wurden, uns einschlossen und ausschlugen. Auch der Rauch wurde dichter. Ich rief Sophie zu, sie solle sich in Sicherheit bringen, ich würde das Feuer sowieso nicht überleben, da leckte auf einmal eine Stichflamme ihren Arm. Sie schrie, taumelte, und fiel in die Flammenwand.
„Sophie!“
Schweißgebadet wachte ich auf. Etwas konfus und verwirrt blinzelte ich in die Dunkelheit hinein. Was? Ich legte eine Hand neben mich. Meine Matratze. Ich lag in meinem Bett.
Halbwegs erleichtert atmete ich aus. Sophie war also nicht gerade vor mir in Flammen aufgegangen. Aber irgendetwas stimmte immer noch nicht…
Da bemerkte ich es plötzlich. Der Rauch. Er war immer noch da. Erschrocken setzte ich mich an den Bettrand und knipste meine Nachttischlampe an. Dichter Qualm zog durch das Zimmer, und verschwand aus dem Fenster in die Nacht hinein. Er zog aus dem Fenster, was bedeutete, dass er aus meinem Haus kommen musste. Verdammt.
Ich ging zum Fenster und schaute hinaus. Es war zu hoch, um einfach zu springen, das würde nur meine Nachbarn alarmieren wenn sie zusähen.
Also schnappte ich mir eine Tagesdecke aus Baumwolle, welche ich für gewöhnlich nutzte um mein Bett ordentlich abzudecken, und öffnete mit ihrer Hilfe die Tür. Halb zurückspringend, erwartete ich, dass mir eine Stichflamme, entgegen schießen würde. Aber als diese ausblieb, beschloss ich mein Glück noch weiter auf die Probe zu stellen. Also nahm ich mein Handy und lief die Treppe hinunter.
Nun konnte ich auch den Brandherd erkennen. In meinem Wohnzimmer brannten meine Vorhänge lichterloh, und mein schöner Sessel war definitiv auch nicht mehr zu retten. So ein Mist, der war antik. Die Flammen hatten sich ihren Weg durch das Zimmer bis zur offenen Küche gebahnt und dort die Theke und meine Stühle zerstört, an meinem Tisch arbeiteten sie noch, bei diesem war die Hälfte verkohlt. Meine Haustür war verschlossen, und das Schloss geschmolzen, na klasse.
Fluchend suchte ich in aller Eile meinen Feuerlöscher und begann, das Unheil zu bekämpfen, während ich gleichzeitig versuchte, mir ein Bild davon zu machen, wodurch dieses zu stande gekommen war. Ich hatte weder Kerzen noch andere Feuer angehabt, elektrische Geräte waren ausgeschaltet gewesen…
Mein Blick fiel auf eine zerbrochene Flasche, dann erkannte ich, dass eines meiner Fenster ebenfalls zerstört war. Ein Molotowcocktail? Im Ernst?
Der Feuerlöscher hatte mittlerweile seinen Dienst quittiert, und ich tat es ihm gleich.
Kopfschüttelnd nutzte ich ihn als Rammbock und durchstieß den kläglichen Rest meiner Haustür.
Endlich im Freien, nahm ich mein Handy zur Hand und wählte die Nummer der Feuerwehr.
Wenigstens war Sophie nichts passiert. Und sie hatte nicht versucht mich umzubringen. Noch nicht jedenfalls.

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Als sie ruckartig aufschreckte, spürte sie sofort etwas Spitzes in ihre Lippe stechen. Unwillkürlich schlug sie um sich, stieß mit ihrem Handrücken gegen etwas Hartes, was daraufhin raschelnd zu Boden fiel. Benommen rieb sich Amira die Augen und bemerkte, dass diese nass waren. Hatte sie während des Schlafens geweint? Sie wischte sich mit ihrer Decke die Tränen weg, was zur Folge hatte, dass ihre Augen anfingen, höllisch zu brennen. Amira kniff ihre Lider zusammen und presste ihre Handballen darauf. Sie verharrte eine Weile in dieser Position und wollte sich gerade wieder die Decke über Kopf ziehen, als ihr ein beißender Geruch in die Nase stieg. Ein Würgreiz staute sich in ihrem Rachen an und Amira musste husten. Sie stützte sich mit einer Hand von der Matratze ab und beugte sich nach vorn. Mit der anderen Hand tastete sie nach ihrem Handy und drückte auf die Einschalt-Taste. Der Bildschirm warf einen grellweißen Lichtstrahl an die Decke und Amira blinzelte ein paar Mal, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Kam es ihr nur so vor, oder waren da weiße Nebelschwaden im Licht zu sehen? Amiras Hals begann zu kratzen, als sie erneut diesen stechenden Geruch bemerkte.
Sie schwang ihre Beine aus dem Bett, schlüpfte mit den Füßen in ihre Pantoffeln, um nicht mit nackten Füßen den Boden zu berühren und ging vorsichtig Richtung Lichtschalter. Sie streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus und begleitet von einem ‚Klack‘ ging das Licht in ihrem Zimmer an. Amira stieß einen spitzen Schrei aus. Die Nebelschwaden waren keine Einbildung gewesen. Sie waberten über den Fußboden und umhüllten ihre Füße. Entsetzt stolperte sie zurück und landete auf ihrem Bett. Sofort zog sie die Füße hoch und blickte sich panisch im Zimmer um. Wo kam der Rauch her? Als sie zur Tür schaute, bemerkte sie, dass der Rauch durch den Türschlitz in ihr Zimmer gesaugt wurde. Der Rauch kam von unten. Amiras Körper begann zu zittern. Feuer, schoss es ihr durch den Kopf. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und holte tief Luft. Sofort spürte sie einen erneuten Hustreiz, den sie jedoch würgend herunterschluckte. Ihre Gedanken rasten. Denk nach, Amira, verdammt! Du weißt, was man in so einer Situation macht. Sie konnte nicht aus dem Fenster klettern, sie wohnte im zweiten Stock. Versammt! Rauch stoppen, Türen und Fenster schließen. Die Feuerwehr rufen, ja verdammt! Die Feuerwehr! Amira schauderte vor Erleichterung. Die Feuerwehrstation war nur ein paar Straßen von ihrem Haus entfernt! Amira kniff sich einmal schmerzhaft mit beiden Händen in ihre Wangen, hustete und griff nach ihrem Handy. Unter dem Nummernfeld leuchtete der Schriftzug ‚NOTRUF‘. Mit zitterndem Finger drückte Amira drauf und tippte sie Nummer 112 ein. Sie hielt das Handy neben ihr Ohr. Mit jedem ‚Tuut‘ was sie hörte, würde sie nervöser. Nach etwa fünf Sekunden meldete sich eine tiefe Männerstimme: „Feuerwehr East Lansing, sprechen Sie.“ Amira verschluckte sich beim Antworten und musste husten. Die Stimme an ihrem Ohr wurde lauter. „Hören Sie mich? Sind Sie in Ordnung? Bitte antworten Sie.“ Amira räusperte sich, ihre Stimme kratzte beim Sprechen. „Hier ist Amira Leto. In meinem Zimmer ist Rauch.“ Sie hustete erneut. „Ich glaube es kommt von unten.“

„Wie alt sind sie, Miss?“
„Siebzehn.“
„Wohnen Sie alleine? Sind ihre Eltern da?“
„Ich bin allein im Haus, meine Ma ist nicht da.“
„Bewahren Sie bitte Ruhe, Miss. Verlassen Sie sofort das Haus, wenn es Ihnen möglich ist. Schließen Sie die Türen und Fenster und pressen Sie sich ein nasses Tuch vor den Mun-„
Amira unterbrach ihn mit schriller Stimme. „Ich wohne nur drei Straßen entfernt, in der Rosewood Ave Nummer neun, kommen Sie einfach schnell her, ich wohne im zweiten Stock!“ Ihre Stimme überschlug sich und sie musste husten.
„Verstanden, Miss.“ Kam es als Antwort. „Stopfen Sie eine Decke vor ihren Türschlitz und öffnen Sie das Fenster. Hängen Sie irgendwas sichtbares über die Fensterbank, damit wir ihr Fenster finden. Wir sind sofort da.“
Amira war nicht sicher, ob er aufgelegt hatte, sie hielt sich das Handy trotzdem weiterhin ans Ohr. Es gab ihr Sicherheit.
Eine Minute später hörte man die Feuerwehrsirene und wiederrum eine Minute später kletterte Amira aus dem Fenster und wurde von zwei kräftigen Armen auf die Feuerwehrleiter gezogen, während drinnen das Feuer gelöscht wurde. Amira bekam nicht mehr mit, wie ihre Mutter nach Hause kam. Sie war, eingehüllt in eine dicke, flauschige Decke, auf dem Beifahrersitz des Feuerwehrautos eingeschlafen.

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Noah war mit einem Schlag wach. Schnell schlüpfte er aus dem Bett und zog sich ein Shirt über, dann lief er zur Türe. Das konnte doch nur ein Anschlag dieser elenden Hunde sein, dachte er und stürzte die Treppe hinunter. An der untersten Treppe machte er abrupt halt und lauschte. Es war verdächtig still und außer dem dichten Rauch konnte er kaum etwas anderes hören. Er hielt sich die Hand vor Mund und Nase als er sich der Türe näherte von wo aus der Rauch zu kommen schien.
Wenn er öffnete und dahinter verbargen sich die Feinde? Dann wäre er ihnen so ganz ohne Waffen, gnadenlos ausgeliefert. Noah ärgerte sich kurz über sich selbst. Wie dumm von ihm so kopflos loszurennen. Jetzt war es allerdings zu spät. Beherzt ergriff er den Türknauf und öffnete die Türe…

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Alia
„Nein Mum“, kreischte ich und versuchte verzweifelt meine Hände an das Lenkrad zu bekommen, das sie erbittert fest klammerte. Ehe ich wusste, wie mir geschah, rasten wir immer weiter auf den Baum zu. Es konnte nur noch Momente dauern, bis es krachen würde.
Scheißgebadet fuhr ich hoch und blickte mich panisch im Raum um. Schon wieder dieser Traum. Das war das ditte Mal diese Woche, dabei hatte ich fast jeden Abend im Gras verbracht. Was war nur los mit mir?
Seufzend stieg ich aus dem Bett und zog mich wärmer an. Wie es aussah, würde ich der Weide wohl noch einmal einen Besuch abstatten müssen. Während ich meine Socken suchte, fiel mir auf, dass es komisch im Raum roch und, dass dieser Geruch sich immer weiter ausbreitete. Während ich schockiert da stand, sah ich den Rauch unter der Zimmertür hervorkriechen, der sich immer weiter ausbreitete und meinen Boden bedeckte.
Scheiße. Es brannte! Ich musste irgendetwas tun. Vor lauter Schreck fühlte ich mich wie gelähmt. Ich spürte, wie das Blut an meinen Händen wieder zu jucken begann, doch ich war so erstarrt, dass ich nicht einmal die Kraft aufbrachte mich zu kratzen. Ich würde hier stehen bleiben, so lange bis alles voller Rauch war und dieser meine böse Seele ersticken würde.

Bennet
Ich schreckte aus meinem Bett hoch. Im Geiste hörte ich immer noch die gellende Stimme meiner Mutter, die mich scholt, warum nichts aus mir geworden war. Ein echter Albtraum. Alia hatte auch noch daneben gestanden und gekichert.
Noch ganz benommen, schwang ich die Beine aus dem Bett, um mir etwas zu trinken zu holen. Eine heiße Milch mit Honig war genau das, was ich jetzt brauchte. Doch ich kam nicht weit. Seltsame Schwaden umwaberten meine Füße. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass das Rauch war. Und Rauch bedeutete normalerweise Feuer.
Plötzlich voll wach, reagierte mein Körper eher als mein Verstand. Er befand sich schon auf dem Weg aus meiner Wohnung, als ich noch überlegte, was zum Teufel ich nicht ausgemacht hatte.

Tag 12: Ein unvorhergesehenes Unglück

Beißender Rauch drangen ihr in Mund und Nase, sodass Finja hustend aus dem Dämmerschlaf erwachte, unfähig einen klaren Gedanken fassen zu können. Die Stimme ihrer Stiefmutter drang gefährlich sanft an ihr glutheißes Ohr: „ Siehst Du, Finja, so ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt. Sie verbrennen bei lebendigem Leibe.“ „Aber es ergibt doch überhaupt keinen Sinn“, Finjas Vorstellungskraft würde bald nicht mehr ausreichen, um die verschwommenen Erinnerungen aus dem Dunkel ihrer Seele heraufzubeschwören. „Es war Johannas Vater, der sie tötete, meine Base starb nicht durch Eure Hand.“ „Bist Du Dir da so sicher, ich hasste sie, so wie ich Dich hasse, wahrlich, ihr beiden gehört dem Abschaum der Meereskronen an. Johanna war eine Hexe und Du, Du bist auch längst auf der dunklen Seite angelangt. Lauf nur, mein Mädchen aber weit wirst Du es nicht schaffen. Ich werde ab jetzt immer schon da sein, und auf Dich warten, mein Täubchen.“ Rauch und die Glut einiger herabfallender Deckenbalken, verschleierten Finja die Sinne. Denn Gräfin Ermengard konnte unmöglich dieses Feuer gelegt haben, sie schmachtete ihr Dasein schließlich im Kellergewölbe, im Verließ des Grafensitzes und würde niemals mehr das Tageslicht wiedersehen, bis zum Tage ihrer Hinrichtung. Ihre zitternden Hände umfassten vorsichtig den Kupferknauf der Türe zu ihrem Schlafgemach. Von einem gewaltsamen orangeroten Lichtermeer in die Diele zwischen Treppenabsatz und angrenzendem Teezimmer gedrängt, gelang Finja von Büsen schließlich die Flucht nach vorne. Zwei Stufen auf einmal nehmend, stolperte sie in ihrem langen Schlafgewand ins Foyer hinab. Die Vorhänge, die Gobelins, alles stand in Flammen, brannte lichterloh, die Hauptpforte, nur noch ein Schatten ihrer mahagonigeprägten Kostbarkeit. Die Hitze fraß sich wie ein zu scharf geschliffenes Messer mühelos durch die Holzmaserungen, sodass höhnische Fratzen entstanden, die das Mädchen auszulachen suchten. „So ergeht es bösen Mädchen in meiner Welt.“ Das höhnische Gelächter ihrer Stiefmutter, ließ die junge Comtesse innerlich zusammenzucken, während ihre Silhouette erstarrt zu sein schien. Finja glaubte in dieser Nacht sterben zu müssen, ohne zu wissen, auch nur zu erahnen, dass sich weit entfernt von ihr, bzw. einer weit entfernten Zeitrechnung, gerade ähnliches abspielte. Als die junge Dame einen vermeintlich letzten Blick in den bodenlangen Spiegel im Kaminzimmer warf, erblickte sie dort nicht nur ihr eigenes Spiegelbild. Da war noch etwas anderes, jemand anderes, der zu ihr hinausschaute. Zunächst dachte sie, es handle sich um eine Täuschung, eine Illusion, doch ihr doppeltes Spiegelbild verschwand einfach nicht, auch nicht, als der Rahmen ebenfalls Feuer fing und bedrohlich begann hin und her zu schwanken. „Finja, Du darfst ihr nichts glauben, sie ist nicht die, die sie vorgibt zu sein, die andere ist das Monster. Diejenige, die vorgibt böse zu sein, will Dich in Wahrheit beschützen.“ Finja robbte sich langsam zum Spiegel vor, immer auf der Hut vor herabfallenden Holzsplittern, Holzbalken oder umstürzendem Mobiliar. „Wenn ich hier und heute verrückt geworden sein sollte, dann sei es so, ich werde sowieso bald nicht mehr unter den Lebenden weilen“, traurig wischte sie sich eine unsichtbare Träne von den rußigen Wangen. „Doch, das wirst Du, Du wirst leben, nur eben nicht jetzt.“ Verwirrt blickte Finja auf den zerberstenden Spiegel, während sich

ihr doppeltes Spiegelbild wieder zu einem einzelnen zusammensetzte. Doch dieses Mädchen hinter dem Spiegel, dort, wo es ebenfalls brannte, verschwand dennoch nicht sofort. Sie blieb, wo sie war, eingehüllt in ein weißes Hemd aus Leinen, das sie zu einem azurfarbenen Beinkleid trug. Aus welcher Welt sie auch immer zu entstammen vermochte, sie würde ihr Schicksal werden. Denn als Finja emporblickte, hatten sich das Feuer und seine Dämonen mit den ersten Anzeichen des heraufdämmernden Tages in aschenträchtige Luft aufgelöst.

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